Welt der Religionen

Vom Umgang mit dem Tod

Im indischen Epos Mahabharata lese ich einen Abschnitt, der mich nachdenklich stimmt.

«Tag für Tag gehen zahllose Geschöpfe ein in das Reich des Todes. Die anderen aber, die zurückbleiben, denken trotzdem, sie lebten für immer. Kann irgendetwas in dieser Welt erstaunlicher sein?»

Wie wahr! Obwohl die Vergänglichkeit des Lebens so offensichtlich ist, versucht der Mensch, den Tod zu verdrängen. Verständlich, schliesslich erinnert der Tod uns daran, dass wir eines Tages alles, was uns lieb ist, verlieren werden. Die globale Corona-Krise hat die Menschheit auf verschiedenste Weise wachgerüttelt, vor allem in Bezug auf unseren Umgang mit Krankheit und Tod.

In meinem eigenen Leben wurde ich sehr früh mit dem Tod konfrontiert: Mein Vater starb im Alter von 36 Jahren an einem Hirntumor. Ich war damals gerade einmal eineinhalb Jahre jung. Die Trauer meiner Mutter hat mich früh gelehrt, dass Leiden und Schmerzen eine unabweisbare Realität des Lebens sind.

Aus hinduistischer Perspektive verliert der Tod jedoch seinen Schrecken; den Tod gibt es eigentlich nicht. Was stirbt, ist der Körper, nicht das Selbst. Der Tod ist nicht das Ende von allem, sondern lediglich ein Wechseln des Körpers, so wie man alte und unbrauchbar gewordene Kleider mit neuen auswechselt. Dieses Verständnis hilft, den Horizont zu erweitern. Es bedeutet aber nicht, dass es weniger schmerzhaft ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Im letzten Jahr starb einer unserer prominenten Gurus an Corona. His Holiness Bhakti Charu Swami war ein sehr beliebter Lehrer und Würdenträger unserer Tradition, der zur Schweiz seit über 30 Jahren eine enge Beziehung pflegte. Sein plötzlicher Tod versetzte die Gemeinde um den Zürcher Krishna-Tempel in einen Schockzustand und hinterliess ein grosses Vakuum im Herzen vieler Krishna-Geweihter. In einer Abdankungsfeier wurden Erinnerungen geteilt und für viele Stunden Mantras gesungen. Die Zufluchtnahme bei den heiligen Namen Gottes gab uns Trost im Verständnis, dass Krishna seinen geliebten Geweihten zu sich nahm.

Im Falle eines «Normalsterblichen» wird der Körper kremiert. Dies ist für uns wichtig, da wir glauben, dass es der Seele hilft, vom gegenwärtigen Leben Abschied zu nehmen. Die Seele muss weiterziehen, loslassen und einen neuen Körper annehmen. Die Asche wird dem heiligen Fluss Ganges übergeben, was die Befreiung vom Kreislauf von Geburt und Tod unterstützen soll.

Für eine heilige Persönlichkeit – für jemanden also, der zu Lebzeiten durch sein Wirken gezeigt hat, wie nahe er Gott stand – wird nach dem Tod aber eine Grabstätte errichtet. Bhakti Charu Swamis Körper wurde daher nicht kremiert, sondern in Indien begraben. Das Samadhi, die Grabstätte, dient den Hinterbliebenen nun als Pilgerort, um sich an den verstorbenen Meister zu erinnern. Ich durfte diese Zeremonie für meinen eigenen geistigen Lehrer miterleben; er verstarb bereits im Jahr 2006.

Es sind diese grossen Persönlichkeiten, Heiligen, Propheten – oder im christlichen Verständnis Jesus Christus, der Sohn Gottes selbst –, die uns aufzeigen, dass der Sinn des Lebens darin besteht, den Tod zu überwinden und letztlich Zugang zum ewigen Leben zu finden.

Text: Krishna Premarupa Dasa