Glaubens-Perspektiven: Überall Krisen

Wende-Zeiten fordern Bewegung

Ohne Vorwarnung, mitten im Leben – und dann die Diagnose. Alles dreht sich, Panik kommt auf, zugleich scheint die Welt stillzustehen. 

Oder auch: Schon länger ist die Beziehung leer, emotions- und kontaktarm, nur Diskussionen und manchmal ein Streit verbindet die beiden. Bis einer von beiden auszusprechen wagt: Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr.

Derzeit ist so viel von «Krise» die Rede: Beziehungskrise und Umweltkrise und Coronakrise und Wirtschaftskrise und Glaubenskrise und psychische Krisen – fast zu viel, denke ich. «Krisis» ist ein Wort aus dem Altgriechischen und meint «Entscheidung, entscheidende Wendung». In der Medizin ist «Krise» die sensibelste, gefährlichste Phase in einem Krankheitsverlauf, der entscheidende Wendepunkt. 

Schön wäre es, wenn es nur ein Wende-Punkt wäre. Oft aber erfassen uns Krisen über längere Zeiten, «Wende-Zeiten» müssten sie heissen. Im psychologischen Sinn sprechen wir von einer Krise, wenn wir in Umbruchsituationen und Veränderungsprozessen stecken, die wir nicht oder kaum steuern können, wenn wir uns ohnmächtig und der Situation ausgeliefert fühlen, wenn wir mit unseren gewohnten Verhaltens- und Verarbeitungsmustern nicht mehr weiterkommen. Es braucht Kraft, die Veränderung wirklich zu realisieren und anzunehmen, es braucht Mut, neue Schritte zu wagen – und meist wissen wir auch: Wir haben gar keine andere Wahl. In diesem Sinn haben vermutlich alle von uns bereits Krisen erlebt.

Um Krisen zu bewältigen, gibt es drei zentrale Muster: «Kampf» und «Flucht» und «Erstarrung», im Englischen heissen sie «fight or flight or freeze». Vermutlich kennen wir alle Elemente davon: Manche ziehen sich in solchen Krisen-situationen zurück, sie reden kaum bis gar nicht über die Belastungen. Manche finden dann Worte für ihre Krise, wenn sie für sich selbst Klarheit haben und entschieden sind. Andere wiederum brauchen Menschen, mit denen sie reden können, sie kämpfen, sie wehren sich und ringen mit den Veränderungen. Wieder andere Menschen fühlen sich gelähmt, werden starr und können sich nicht mit der Veränderung auseinandersetzen. Die Verhaltensmöglichkeiten sind vielfältig, mit denen sich Menschen in Krisen zu stabilisieren versuchen. Leider gibt es auch behindernde und schädigende Va-rianten im «Krisenprogramm». Wichtig aber ist zu wissen, dass diese Verhal-tensweisen – ob hilfreich oder mühsam – einen Versuch darstellen, mit sehr belastenden Situationen umzugehen. 

In Krisen sind wir gezwungen, uns einer Veränderung zu stellen, die wir (meist) nicht selbst gewählt haben. Umso wichtiger ist es, gerade dann in Bewegung zu bleiben, sich mit dieser Veränderung auseinanderzusetzen und die Realität anzunehmen. In der christlichen Tradition wird diese Bewegung «Umkehr» genannt: Ich ändere die Richtung, ich verändere mich, während ich mich bewege. Meiner Erfahrung nach ist das in Krisen zentral, nicht zu verstummen, nicht zu vereinzeln, nicht zu erstarren. Sondern: mich zu bewegen.

Text: Helga Kohler-Spiegel