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Kraft zum Wandel

Das Hungertuch ist einen zweiten Blick wert: Die chilenisch-deutsche Künstlerin Lilian Moreno Sánchez zeichnet verworrene Linien mit klarer Botschaft. 

Jeder Bruch hat eine Geschichte. Weil Brüche einschneidende Erfahrungen sind, lohnt es sich, hinzuschauen und hinzuhören, wie es soweit kommen konnte. So ist es auch beim gegenwärtigen Hungertuch des deutschen Hilfswerks «Misereor», das uns die Entwicklungsorganisationen «Fastenopfer» und «Brot für alle» vorstellen. Ein Bruch steht darauf im Mittelpunkt. Es war an einer Demonstration im Oktober 2019 in Santiago, der Hauptstadt von Chile: Tausende Menschen gehen auf die Strassen, weil der öffentliche Verkehr teurer wird. Sie fordern auch anderes, einen gerechteren Zugang zu Bildung und Arbeit zum Beispiel. Die Polizei schlägt drein, 26 Menschen sterben, mehr als 4'900 werden verletzt. Die Vereinten Nationen sprechen von einer schweren Menschenrechts-Verletzung. An diesem Tag wird der Fuss eines Menschen gebrochen. Von diesem Bruch wird ein Röntgenbild gemacht. Dieses Röntgenbild nimmt nun Lilian Moreno Sánchez, Künstlerin mit chilenischen Wurzeln, und zeichnet danach das Hungertuch. Sie lässt sich inspirieren vom Leid, von einer ganz konkreten Leiderfahrung, an einem spezifischen Tag, in einem bestimmten Land. Sie sieht darin das Leid vieler Menschen, aller Menschen, an vielen Orten, zu allen Zeiten. 

Auf dem europäischen Kontinent, in Deutschland, wo die Künstlerin seit den 1990er Jahren lebt und arbeitet, findet sie Stofflaken, eines in einem Kloster, andere in einem Spital. Lilian Moreno Sánchez erzählt, dass sie die Stoffe an jenen Ort bringen wollte, an dem der Bruch geschah. Um zu verbinden – zwar nicht die Wunden, aber sinnbildlich die Kontinente. Es ist die Plaza Italia, ein Platz in der Stadt Santiago. Die Spuren vom Staub und vom Strassendreck vor Ort sind auf dem Hungertuch sichtbar. Sie nimmt Kohlestifte und Pastell, zeichnet darüber in dominanten Linien diesen Fuss, diesen Bruch, Knochen für Knochen und dann wieder verschlungen grossflächig. Viel weiss lässt sie und viel Leerraum, die Nahtstellen zusammengefügt mit goldenem Faden. Zart und liebevoll wirken die Blumen, die sie zeichnet und vergoldet. Ein Triptychon ist entstanden, drei Teile, die zusammen ein Bild ergeben. 

Worum geht es ihr mit diesem kontrastreichen Kunstwerk, was will uns das Hungertuch sagen? «Es geht mir um die Kraft des Wandels», sagt Lilian Moreno Sánchez, «In Krisensituationen geht es darum durchzuhalten, aber nicht nur das. Es geht darum, innerlich und grundsätzlich etwas in uns zu verändern.» Ausgedrückt ist also der Glaube an die Kraft des Wandels, die auch durch das Leid hindurch erfahren werden kann. Verwandlung und Erlösung sind möglich, gerade im Leiden – eine durch und durch christliche, österliche Botschaft. «Die Kraft des Wandels» ist dann auch Teil des Namens geworden, den das Hungertuch trägt, zusammen mit einem Psalmvers: «Du stellst meine Füsse auf weiten Raum». Es ist der Vers 9 aus dem Psalm 31, einem Klage- und Danklied. Nicht zufällig ist es jener Vers, bei dem die Beterin aufatmet, mitten in einer Situation, in der ihre Welt ins Wanken gerät. Krisen finden statt, zu biblischen Zeiten und in der Gegenwart. Und es finden sich Menschen, die sich an der Hoffnung orientieren. Dieses Hungertuch ist ein Ausdruck davon. Hier und heute, mitten in der Krise.

Text: Veronika Jehle