Glaubens-Perspektiven

Einfach in der Bibel lesen

Zu den Vorteilen der Digitalisierung gehört für mich, dass die Bibel online zugänglich ist: in allen möglichen Übersetzungen, auch in den Ursprachen. 

Sie ist sogar in sogenannten Interlinear-Ver-sionen verfügbar, das heisst, dass jeweils die Ursprache und die Wort-für-Wort-Übersetzung parallel gesetzt sind. Das macht Bibellesen im öffentlichen Raum erheblich einfacher, schliesslich schauen heute doch alle ins Handy oder auf einen anderen Bildschirm. Und damit sind die Zeiten passé, in denen ein neutraler Schutzumschlag weniger die Bibel schützte als mich, die Leserin, die beim Zugfahren einfach lesen und nicht in komplizierte Gespräche verwickelt werden wollte.

In der Öffentlichkeit Bibel zu lesen, wirkt auf manche seltsam. Dabei gilt sie doch als «Buch der Bücher». Aber natürlich ist die Bibel kein Buch wie jedes andere. Übervoll an alten Texten, die aus verschiedenen Epochen stammen, ist sie alles andere als leicht zu verstehen. Sie eignet sich kaum dazu, um sie von vorne nach hinten durchzulesen. Ich jedenfalls habe das noch nie gemacht, nicht einmal versucht. Und doch nehme ich sie immer wieder zur Hand, um darin zu blättern bzw. auch einmal digital darin zu «scrollen».

Besonders anregend finde ich biblische Texte, die über andere Texte, Schrift-rollen und Bücher erzählen. Solche Erzählungen wirken wie ein «Spiegel im Spiegel», surreal und tiefsinnig zugleich. Ich denke daran, wie Mose die erste Niederschrift von Gottes Geboten voll Zorn zerschmettert, als er sieht, dass sich das Volk ein Bild von Gott gemacht hat. Zwei Kapitel später wird erzählt, wie ihn Gott zwei neue Tafeln aus Stein herstellen lässt. Ähnliches passiert mit der Schriftrolle Jeremias. Sie löst einen solchen Wirbel aus, dass der König sie verbrennen lässt. Gott befiehlt Jeremia schlicht, eine neue Schriftrolle zu nehmen und alles nochmals aufschreiben zu lassen – nachzulesen im Kapitel 36 im Buch Jeremia. Gottes Wort setzt sich also wirklich ganz den Menschen aus, es kann missverstanden werden, auch missbraucht und zerstört. Doch vernichtet die Zerstörung einer Niederschrift nicht das, was geschrieben wurde. Die äussere Form des Wortes ist weniger wichtig als das Wort selbst. Deswegen erscheint es mir auch unsinnig, wenn Bibelexemplare besonders wertvoll gestaltet werden, nur um im Bücherregal zu verstauben.

Die Bibel möchte gelesen werden. Zuweilen braucht es so etwas wie «Deute-Engel», also Menschen, die verstehen helfen, was man liest. Wenn mir ein Text dennoch unverständlich bleibt, lege ich ihn auch einmal zur Seite. Praktisch ist eine Ausgabe mit Querverweisen und einem guten Register. Gerade bin ich daran, die «BasisBibel» zu entdecken, eine neue Übersetzung, die so geschrieben sein möchte, «dass du und ich es verstehen». Wenn ich darin blättere, stelle ich fest, dass sie sich wirklich einfach lesen lässt. Ich entdecke Vertrautes und Neues und lese und lese und lese. Ich habe sie gerne als Buch in der Hand, aber online ist sie natürlich auch verfügbar.

Text: Christine Stark, Bibelwissenschafterin und ref. Pfarrerin in Zürich Witikon