Im Züripiet dihei

Wenn der Zürisee zum Jordan wird

Die Wasserweihe zur Taufe Christi, eines der zwölf Hochfeste orthodoxer Christinnen und Christen, fand nicht wie sonst üblich mit Hunderten von Gläubigen statt. Beeindruckend war das Ritual trotzdem. 

Die Szenerie wirkte ein bisschen unheimlich. Nach Anbruch der Dämmerung trafen sich drei Männer in schwarzen Roben auf einem Parkplatz in Wollishofen. Russisch und Züritüütsch klangen durcheinander, als sie sich an einem Kofferraum zu schaffen machten. Daraus beförderten sie neben schwarzen Aktentaschen einige sperrige Gegenstände. Die trugen sie in Richtung See, durch die Dunkelheit und den knöchel-hohen Schnee auf der Landiwiese stapfend. Es ging ein eisiger Wind, als die Männer über ihre schwarze Kluft prächtige Messgewänder zogen. Dann legte Erzpriester Mikhail Zeman ein goldenes Kreuz und ein aufwendig verziertes Evangelienbuch auf das tragbare Ikonenpult, das Leser Igor Petropavlov zuvor aufgebaut hatte. Diakon Daniel Schärer befestigte derweil sein Handy auf einem Stativ und richtete einen Livestream ein: Die Kleriker der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche machten sich auf der Saffa-Insel bereit für eine besondere 
religiöse Zeremonie: die Grosse Wasserweihe. 

Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die am Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar die Heiligen Drei Könige ehrt, steht in den orthodoxen Kirchen die Taufe von Jesus Christus im Fluss Jordan im Zentrum der Heiligen Theophanie. Neben der Liturgie ist die Weihe des Wassers in einem lokalen Gewässer der Höhepunkt der Feierlichkeiten, für die Priester und Gläubige aus ihren Gotteshäusern ausziehen. «Bei uns ist die Wasserweihe jedes Jahr eine grosse, fröhliche Feier», sagt Daniel Schärer. Unter der Leitung der Auferstehungskirche wird seit 2004 in Zürich das Seewasser gesegnet. Im vergangenen Jahr versammelten sich dafür am Zürichhorn rund 200 Gläubige und Gäste aus verschiedenen 
orthodoxen Kirchen. Nach dem Gottesdienst tauchten rund 80 von ihnen in das geweihte Wasser des eiskalten Zürichsees, um Leib und Seele zu reinigen und wie es im Gebet heisst «Heiligung zu erlangen durch die unsichtbare Offenbarung des Heiligen Geistes». Beim offerierten Tee und Glühwein konnten sich alle aufwärmen, auch Passanten und Neugierige, die dem Spektakel jeweils zahlreich bewohnten.    

 

Für 2021 lag die coronabedingt notwendige polizeiliche Bewilligung für den Anlass vor. 50 Personen hätten vor Ort an der Wasserweihe teilnehmen dürfen. Trotzdem entschieden die Verantwortlichen, diese unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen. «Wir wollten im Lockdown nicht für einen Menschenauflauf sorgen», erklärte Daniel Schärer. Ganz leer gingen die Gemeindeangehörigen nicht aus: Sie konnten das Geschehen per Video auf Facebook live mitverfolgen und in der Kirche im Kreis 6 hatten am Vorabend und am Vormittag bereits Wasserweihen in zwei Gottesdiensten stattgefunden. Das gesegnete Leitungswasser konnte von den Gläubigen in Flaschen abgefüllt mitgenommen werden. Sie segnen damit ihre Wohnungen, Haustiere und besondere Gegenstände oder trinken es zur Stärkung oder bei Krankheit. Das Wasser soll auch nicht verderben, wenn es ein Jahr lang im Hausaltar neben der Ikone steht.         

Am Seeufer verneigten und bekreuzigten sich die Männer drei Mal. Diakon Schärer, in der rechten Hand ein goldenes Gefäss mit qualmendem Weihrauch schwingend, und Pfarrer Zeman fielen für das halbstündige Weihegebet in einen Wechselgesang. Ihre sonoren Stimmen klangen beschwörend und gleichzeitig beruhigend durch die Dunkelheit, so dass die wenigen Spaziergänger, die an diesem Winterabend unterwegs waren, für einige Minuten fasziniert innehielten. Batjuschka (Vater) Mikhail sprach auf der kleinen Brücke ein Segensgebet und tauchte das an einer Schnur befestigte Kreuz drei Mal ins Wasser. Dadurch wurde nicht nur der Zürichsee für 24 Stunden geweiht – sondern durch seine Wasser die ganze Schöpfung. 

Ein wenig hätten ihm die Menschenmenge und der ausgelassene Trubel, der die Wasserweihe sonst begleitet, schon gefehlt, gesteht Mikhail Zeman: «Doch es war gerade in diesen schweren Zeiten eine grosse Freude, den Segen für die ganze Stadt Zürich zu spenden.» Und Daniel Schärer forderte im Livestream die Gläubigen dazu auf, trotz der aussergewöhnlichen Umstände am Segen teilzuhaben: «Gehen Sie an den See und tauchen Sie wenigstens Ihre Hand ein!»  

Er selbst liess es sich nicht nehmen, in die Fluten des vier Grad kalten Zürichsees zu steigen. Schliesslich sei er deswegen seit Tagen nervös gewesen. «Als bekennender Warmduscher ist es für mich jedes Jahr eine Mutprobe», erklärt der Kirchenälteste der Auferstehungskirche. Nur mit Badehose und einem schwarzen Podriasnik, eine Art Unter-Soutane, bekleidet, tauchte er nach russischer Tradition drei Mal ins eiskalte Wasser ein. Begleitet wurde er dabei einzig von seinen beiden Söhnen und deren Schulfreund. Die eisige Kälte, die Daniel Schärer dabei durch Mark und Bein fuhr, war zurück am Ufer schnell vergessen: «Das Hochgefühl durch den Segen dagegen hält tagelang an!»  

Text: Angelika Nido Wälty, freie Journalistin