Kultur

«Soul»

Pete Docter und Pixar suchen den Seelenfunken. Und finden einen ebenso abgründigen wie unterhaltsamen Animationsfilm. 

Joe Gardner kennt seine Bestimmung: Jazzmusiker muss er sein! Nicht irgendeiner, sondern einer von Weltrang. – Am anderen Ende der Skala steht 22. Er, sie, es ist namenlos auf der Suche nach dem Funken. Aber da zeigt sich keine Berufung. Nirgendwo!

Gerade als Joe einem langersehnten Gig entgegeneilt, den Blick hoch in den musikalischen Olymp gerichtet, stürzt er tief. Er hat einen offenen Schacht übersehen. Und schon steht er auf dem Förderband ins Jenseits. Dort will er aber nicht hin. Das war nicht sein Plan.

Also springt Joe von der Himmelsleiter und landet im «Great Beyond», im Vorseits, wo unbeschriebene Seelen aufs Leben vorbereitet werden. Dort wartet ein besonders hoffnungsloser Fall auf ihn: 22 steckt bis zum Rand voller Energie, ohne dabei jedoch jenen Funken zu entdecken, den es zum Leben braucht.

Mit «Soul» entführen uns Pete Docter und Pixar nach «Oben» und «Alles steht Kopf» ein weiteres Mal in eine Gedankenwelt, die man kaum für erzähl- und darstellbar hält. Und doch gelingt ihnen genau das. Sie inspiriert die Frage «Was ist der Sinn des Lebens?» zu einem Animationsfilm, für den die Unterscheidung in Kinder- und Erwachsenenfilm völlig unsinnig wird. «Soul» vermittelt nicht Gedanken, sondern Geschichten, Bilder, Gefühle.

Die Sinnfrage, die in Philosophie und Theologie gerne auch als Theodizeefrage abgehandelt wird, beantwortet «Soul» – bewusst oder unbewusst – in bester mystischer Tradition: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Was dem Leben seine Würde gibt, ist das Leben. Das Recht zum Leben kommt vom Leben.

Dass Gott weder namentlich noch körperlich auftaucht, ist nur konsequent. Denn wenn es hier einen Gott gibt, dann ist es jener Gott, der von sich selbst sagt: «Ich bin, der ‹Ich bin da›.»

Man kann «Soul» ganz einfach und hemmungslos als ein weiteres Pixar-Meisterwerk geniessen. Man kann sich dafür begeistern, wie hier für drei Welten passende Bildkonzepte gefunden werden. Kann über die Komik dieses Seelentrips lachen. Kann Hommagen an die Kunstgeschichte entdecken. Aber all diese formale Meisterschaft erschöpft sich nicht im Selbstzweck.

Das gilt auch für Joes Liebe zum Jazz. Joe erzählt davon, wie er sich in der Improvisation verliert und genau dann sich selbst wird. Er sucht den reinen Jazz, in dem Musik völlig absichtslos wird, wo Musik nur noch Musik ist. Er träumt von der Selbstfindung in der Ekstase. Bis er schliesslich erkennt, dass auch der genialste Jazz nur an der Oberfläche spielt.

Man könnte vermuten, die Sinnsuche von Joe und 22 ende in Schicksalsergebenheit oder einem realitätsfernen Hurra-wir-leben-noch. Aber die Sinnfrage führt Joe von der egozentrischen Selbstbetrachtung weg und öffnet seinen Blick nach aussen. Die Kraft zur Veränderung steckt in der bedingungslosen Würdigung all des Lebens, das ihn umgibt.

Text: Thomas Binotto