Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2012 forum Nr. 9, 2012 Überraschende Begegnungen
«Bilder zum Feiertag» zu Gast beim christlich-koptisch-orthodoxen Osterfest

Überraschende Begegnungen

Artikelaktionen
Osterfeierlichkeiten auf Arabisch, Koptisch und Deutsch – mitverfolgt vom Schweizer Fernsehen. Foto: Pia Stadler
Osterfeierlichkeiten auf Arabisch, Koptisch und Deutsch – mitverfolgt vom Schweizer Fernsehen. Foto: Pia Stadler
In vierminütigen Kurzreportagen gibt die Fernsehsendung «Bilder zum Feiertag» Einblick in Feste und Rituale jener Religionen und Konfessionen, die im «Wort zum Sonntag» nicht vertreten sind. Zum Beispiel in die Osterfeier der Kopten.

Samstagabend, 14. April, in einem Einfamilienhausquartier in Dietlikon: Nonchalant schlendert ein 30-jähriger Mann mit asiatischen Gesichtszügen übers Trottoir. Auf dem Weg nach Hause oder in den Ausgang, würde man vermuten, wären da nicht Kameramann und Tontechniker des Schweizer Fernsehens, die mit «Sternstunden»-Redaktorin Lekha Sarkar jede Bewegung registrieren. «Ich heisse Tenzin Samten Khangsar, bin Buddhist und besuche heute für die Sendung ‹Bilder zum Feiertag› das Osterfest der koptischen Christen», sagt der junge Mann und blickt in die Kamera. Lekha Sarkar gibt Anweisung zu Schritt- und Sprechtempo und zur Kameraführung: «Wenn ein Auto vorbeifährt, nehmen wir das auch auf. Schliesslich wollen wir authentisch sein.»
Authentisch sein: Ausser der Anmoderation keine Inszenierung, stattdessen filmen, was passiert. Anstelle von neutraler Berichterstattung aus westlich-säkularer Perspektive teilnehmender Journalismus. Junge Reporter – ein Buddhist, eine Muslimin und ein Jude – berichten seit 2009 subjektiv über ihnen unbekannte Religionen und Konfessionen. «Das ist Integration live», erklärt Lekha Sarkar.
Ging es in den Anfängen der Sendung «Bilder zum Feiertag» in den 1990er Jahren darum, unbekannte Bräuche und Rituale vorzustellen, stehen heute überraschende Begegnungen im Zentrum. «Eine emotionale Sendung», konstatiert Lekha Sarkar, die für Konzeption, Regie und Schnitt zuständig ist.
Tenzin Samten Khangsar wird inzwischen vor der koptischen Kirche von Diakon Maher Kamal herzlich begrüsst und in den Kirchenraum geführt, wo die Weihrauchgebete begonnen haben.
Als eine der altorientalisch-orthodoxen Kirchen ist die koptische Kirche eine der ältesten und wichtigsten christlichen Kirchen mit weltweit zwischen 15 und 20 Millionen Mitgliedern. In der Schweiz leben rund 320 koptische Familien. Der Ursprung der Glaubensrichtung liegt in Ägypten: Als Gründer gilt der Evangelist Markus, der im ersten Jahrhundert nach Christus Bischof in Ale­xandria war und dort 68 n. Chr. das Martyrium fand. Zur Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche führte das Konzil von Chalcedon im Jahre 451, auf dem sich die geistlichen Vertreter der verschiedenen Glaubensrichtungen nicht auf ein einheitliches Bekenntnis bezüglich der Natur Jesu einigen konnten.
«Für uns Kopten sind in Jesus die göttliche und die menschliche Natur untrennbar verbunden», erklärt der Diakon dem Fernsehreporter. «Als Abbilder Gottes geschaffen, verlangt unsere Seele nach Gott.» Aus dem Gottesdienstraum klingen Litaneien und Gesänge. «Das Leben der Kopten ist geprägt von Unterdrückung. Das Einzige, woran sich die Gläubigen festhalten können, sind Glaube und Tradition. Deshalb hat sich der Gottesdienst, der am Sonntag zwei bis drei, an hohen Feiertagen vier bis fünf Stunden dauern kann, seit den Anfängen kaum verändert», sagt Maher Kamal.
Höhepunkt des Kirchenjahres ist die Auferstehung Jesu. Punkt 22 Uhr wird die Kirche verdunkelt. Als kurze Zeit später das Licht wieder angeht, steht den Anwesenden Freude ins Gesicht geschrieben. Die Arbeit für den Kameramann ist ergiebig. Zahlreich und theatralisch sind die Rituale, die von Pater Isidoros an- und durchgeführt werden. Tenzin Samten Khangsar ist beeindruckt. «Besonders fasziniert mich das Konzept der Auferstehung. Das muss für Christen genauso grosse Bedeutung haben wie für uns Buddhisten die Erleuchtung Buddhas.» Parallelen und Unterschiede zwischen den Religionen herauszuarbeiten, interessiert den Reporter. Dass er dabei schon mal ins Fettnäpfchen tritt und an diesem Abend zuerst auf der Frauenseite Platz genommen hat, nimmt er gewinnend lächelnd in Kauf.
Als sich lange nach Mitternacht die Osterfeier in der Kirche dem Ende entgegenneigt und die Gläubigen zum Festmahl in der Gemeinde aufbrechen, sind 150 Minuten Film abgedreht. «Ich will in moderner Bildsprache verschiedene Religionen als selbstverständlichen Bestandteil des Lebens in der Schweiz darstellen», sagt Lekha Sarkar. Ihr bleiben wenige Tage Zeit, das Filmmaterial auf die vier Minuten Sendezeit vom 19. April zu kondensieren.

PIA STADLER

www.bzf.sf.tv

Artikelaktionen
Foto: Christoph Wider
Foto: Christoph Wider

Chitra-Lekha Sarkar, 1955 in Bombay (heute Mumbai), Indien, geboren, ist väter­licherseits indischer und ­mütterlicherseits italienischer ­Abstammung. Sie ist in der Schweiz aufgewachsen und hat an der Univer­sität Zürich Germanistik, Kunstgeschichte und Literaturkritik studiert. Seit 1993 arbeitet sie beim Schweizer Fernsehen.