SOS Narrenschiff
Der total aus der Luft gegriffene Briefversand einer komplett fiktiven Pfarrei kommt als Wurfsendung mit Briefmarke daher.
Weil ein solcher Versand ja ohnehin schon viel Geld und Arbeit kostet, nutzt man die Gelegenheit und packt alles in den Umschlag, was das Pfarramt zu bieten hat: den Flyer für die nächste Chrabbelfiir, den Seniorennachmittag, das Taizé-Weekend. Dazu freundliche Einladungen, dem Kirchenchor beizutreten, sich in der Liturgiegruppe zu engagieren und den Frauenverein nicht zu vergessen. Das Leitbild der Pfarrei müsste auch wieder mal unter die Leute – zumal davon noch 10 000 Stück im Keller lagern – also rein damit! Im multiplen Informationsrausch wäre beinahe untergegangen, weshalb man den Brief bis an die Gewichtsgrenze abgefüllt hat: die Einladung zum Pfarreibazar.
Und damit wechseln wir den Blick und schlagen uns auf die Seite der Empfänger. Die sind ganz verwirrt und versuchen – je kirchlich engagierter, desto krampfhafter – herauszufinden, weshalb sie solch dicke Post erhalten haben. Vielleicht hilft das Ausscheidungsverfahren weiter: Keine Kleinkinder – Chrabbelfiir fällt raus; unter 85 – zu jung für den Seniorennachmittag; unter 45 – zu jung für das Taizé-Weekend. Irgendwann wird man zwischen Liturgiegruppe und Kirchenchor schwanken. Aber mit etwas Losglück wendet sich das Blatt vielleicht doch zu Gunsten des Bazars.
Mit etwas Geschick kann man seine Informationsempfänger auch mit weniger Papier in einen Zustand heilloser Verwirrung stürzen. Beispielsweise, indem man die entscheidenden Informationen wie Datum, Ort und Kosten als Ostereier über das gesamte Schreiben hinweg clever versteckt. Für lustvolle Desorientierung sorgen auch Informationen, die auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige Attraktionen verweisen, so dass man sich als wirrer Zeitreisender ständig fragt: War das schon? Oder wird das noch? Ist da was Neues? Oder doch bereits Bekanntes? Und in welchem Jahrzehnt, verdammt noch mal, befinde ich mich gerade?
Neben solchen elaborierten Strategien wirken die Klassiker bereits hausbacken. Eine Einladung für den Mittwoch, 15. März 2012? Lächerlich! Dass man der KombinaÂtion von Wochentag und Datum niemals trauen darf, das weiss doch jedes Kind. – Ein Anmeldetalon, auf dessen Rückseite die Eckdaten stehen? Locker! Geht doch in Ordnung, wenn man nach der Anmeldung nicht mehr weiss, wofür man sich angemeldet hat. – Briefe, bei denen es uns vor lauter Schriftexperimenten ganz schummrig vor Augen wird? Grossartig! So etwas hält die grauen Zellen fit.
Damit genug genarrt und ernst reflektiert: Eine Information übersichtlich, prominent, einprägsam und solitär zu übermitteln, ist eine Hochrisikostrategie, die man unbedingt vermeiden sollte. Was, wenn sich der Empfänger davon nicht angesprochen fühlt? Dann kassiert man gleich einen dicken Nuller. Die Mehrfach-kreuz-quer-chrüsimüsi-Strategie – kurz auch Klumpen-Strategie genannt –, die dagegen ist mehrfach erfolgversprechend. Erstens gibt es darin für jeden Geschmack etwas zu entdecken. Zweitens kann der Empfänger ohne schlechtes Gewissen alles übersehen. Und drittens weiss man später, weshalb zum Bazar keine Seele gekommen ist: Daran waren nur das Überangebot und die Informationsflut in der Konsumgesellschaft schuld.
THOMAS BINOTTO