Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2012 forum Nr. 3, 2012 Liebe Leserin, lieber Leser

Liebe Leserin, lieber Leser

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Wenn etwas in Frage gestellt wird, bedeutet das meistens, dass man über seine Abschaffung nachdenken soll. Man kann «in Frage stellen» aber auch viel offener sehen. Jesus Christus hat Traditionen und Denkgewohnheiten mit provokativer Regelmässigkeit in Frage gestellt. Nicht weil er alles umstürzen wollte, sondern weil er damit eine tiefere ­Erkenntnis fördern wollte. So kann man auch seine Aussage ­verstehen: «Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu ­erfüllen.»
Es ist vergleichbar mit einer Reise. Normalerweise endet eine Reise nämlich dort, wo sie begonnen hat: zu Hause. Aber jeder, der auf Reisen geht, stellt sein Daheim – bewusst oder unbewusst – in Frage. Kann sogar sein, dass er einen Ort entdeckt, an dem er sich so wohl fühlt, dass er sich diesen Ort zur neuen Heimat wählt. In der Regel jedoch kehrt er nach Hause zurück. Und sehr oft ist er froh und dankbar, endlich wieder daheim sein zu dürfen.
Dennoch sind Reisen keine sinnlosen Kreisläufe. Nach jeder ­Reise sieht man sein Zuhause mit neuen Augen. Nimmt Dinge wahr, die man vorher übersehen hat. Mängel, die man beheben möchte. Chancen, die man nutzen will. Ideen, die es auszuprobieren gilt. Qualitäten, die man neu zu schätzen weiss.
Etwas in Frage zu stellen, bedeutet so gesehen in erster Linie, es neu zu entdecken. Deshalb sollten wir uns davor auch nicht fürchten. Paulus macht uns im Brief an die Thessalonicher sogar Mut, ganz radikale Fragen zu stellen: «Prüft alles, das Gute behaltet.» Selbst den Glauben an Jesus Christus darf man in Frage stellen. Nicht um ihn zu verlieren, sondern um ihn immer wieder neu zu entdecken und neu zu gewinnen. Eine Reise, die uns scheinbar in weite Ferne lotst, führt uns im Glücksfall viel näher ins Zentrum, als wir je zuvor waren.

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto. Foto: Christoph Wider
Thomas Binotto. Foto: Christoph Wider