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Weiterhin Unruhe um Ausbildung im Bistum Chur

Wie man einen Skandal produziert

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Zwei Priesteramtskandidaten verlassen das Priesterseminar lange vor der Weihe. Was in anderen Bistümern ohne Aufsehen geregelt wird, gerät unter der Leitung des Bischofs von Chur zum Aufreger.

Am 9. Januar 2012 wurde der forum-Redaktion ein Communiqué mit der martialischen Überschrift geliefert: «Bischof widersetzt sich Powerplay.» Darin wird den Professoren der Theologischen Hochschule Chur vorgeworfen, einen Brief an den Bischof «breit gestreut» zu haben und damit eine «massenmediale Abhandlung vertraulicher Personaldossiers» zu riskieren. Daher, so die Mitteilung des Bischöflichen Ordinariats aus Chur, daher beziehe nun auch der Bischof öffentlich Stellung.
Wer sich daraufhin auf die Suche nach einem medialen Powerplay machen wollte, wurde jedoch nirgends fündig. Erst am 11. Januar erschien im «Tages-Anzeiger» ein Beitrag unter dem Titel «Huonder überwirft sich mit Professoren und Studierenden». Darin wurde berichtet, dass Bischof Huonder zwei ehemaligen Priesteramtskandidaten nahegelegt hat, sich ein anderes Bistum für ihre weitere theologische Ausbildung zu suchen, weil er starke Vorbehalte habe, sie dereinst als Laientheologen in den kirchlichen Dienst aufzunehmen. Beide Studenten hatten sich in eine Frau verliebt.
Das allerdings wäre noch kein Grund für so viel Aufregung, denn es passiert immer wieder: Ein Seminarist in einem Priesterseminar verliebt sich in eine Frau, zieht daraus die Konsequenz und tritt aus dem Seminar aus. Dieser Entscheid bleibt in der Regel ohne kirchenrechtliche Konsequenzen, denn der Seminarist befindet sich ja in einer Vorbereitungszeit vergleichbar dem Noviziat im Kloster oder der Verlobung vor der Ehe. Zwar erhält er in dieser Zeit drei Beauftragungen: Akolythat (umgangssprachlich Kommunionhelfer), Lektorat und Admissio. Aber erst mit der darauf folgenden Diakonatsweihe wird er definitiv in den Klerikerstand aufgenommen. Ab dann wird auch die Verpflichtung zum Zölibat bindend. Früher wurden die drei Beauftragungen als niedere Weihen bezeichnet. Papst Paul VI. hat jedoch 1972 alle niederen Weihen abgeschafft.

INDISKRETER BISCHOF
Der Hauptvorwurf des bischöflichen Communiqués richtet sich jedoch an die Professorenschaft. Sie habe gezielt die Öffentlichkeit gesucht. Tatsache ist jedoch, dass die Kopien des Briefes lediglich an die Mitglieder des Bischofsrates und die Präsidien von Priesterrat und Rat der Laientheologinnen und Laientheologen verschickt wurden. Das jedoch sind allesamt vom Bischof selbst bestellte Beratungsgremien. Es ging der Professorenschaft also offenkundig um eine interne und nicht um eine öffentliche Diskussion. Das wird weiter durch die Tatsache belegt, dass die Öffentlichkeit einen Monat lang nicht einmal von der Existenz des Briefes etwas wusste. Fakt ist also: Der Brief der Professorenschaft wurde zuerst vom Bischof selbst an die Öffentlichkeit gebracht.
Was aber steht nun im Brief der Professoren? Bis heute liegt das Schreiben der forum-Redaktion nicht vor. Lediglich die Erklärung des Hochschulrektorats vom 10. Januar, mit der es auf das bischöfliche Communiqué reagierte, gibt einen Hinweis: «Inhalt des Briefes und Ziel dieses Vorgehens ist und bleibt es, in einer zentralen kirchlichen Gestaltungsfrage – nämlich die Auswahlkriterien für den kirchlichen Dienst – eine innerdiözesane Beratung anzuregen. Wir nehmen damit unsere Verantwortung als kirchlich-theologische Ausbildungsstätte der Diözese Chur wahr.

Wir schätzen die beiden Studierenden, denen der Bischof nach unserem Kenntnisstand empfohlen hat, für ein anderes Bistum weiter zu studieren, ohne dass ein anderer massgeblicher Grund genannt worden ist, als der, dass sie bereits Akolythen waren.»

SUGGESTIVE AUSLASSUNGEN
Der Bischof dagegen behauptet in seinem Communiqué, dass die beiden Studenten ihren Weg zum Priesteramt aufgegeben hätten, das sei nicht der Grund für seine Vorbehalte. Laut übereinstimmenden Aussagen der beiden ehemaligen Seminaristen hat ihnen der Bischof bis heute allerdings tatsächlich nur diesen einen Grund genannt. Wenn er also, anstatt dies zu bestätigen, nun behauptet, die «Vorbehalte unterliegen im Einzelnen dem Persönlichkeitsschutz und gehören nicht an die Öffentlichkeit», dann suggeriert er damit auf geradezu perfide Art und Weise, die beiden Studenten hätten sich schwerwiegender moralischer oder gar strafbarer Verfehlungen schuldig gemacht.
Dass der Brief der Hochschule geschlossen von sämtlichen Professorinnen und Professoren unterzeichnet wurde, interpretiert der Bischof als «Powerplay bzw. Druck auf den Bischof». Dass eine solch seltene Einmütigkeit unter Professoren auch ein ernst zu nehmendes Zeichen sein könnte, das sieht der Bischof nicht. Aber wenn sich ein ansonsten sehr heterogener Lehrkörper von «links bis rechts»  solidarisch zeigt, dann lässt das zumindest aufhorchen.

KLARE STRATEGIE
Die Vermutung drängt sich auf, dass der Bischof und sein Kommunikationsverantwortlicher genau jenes Powerplay provozieren wollen, vor dem sie angeblich warnen. Geworden ist daraus allerdings wenig, denn von «massenmedialer Abhandlung» ist bis zum Redaktionsschluss dieser forum-Ausgabe nichts zu sehen. Neben dem «Tages-Anzeiger» berichteten nur noch das Regionaljournal Graubünden und die «Südostschweiz».
Pikantes Detail: Das Communiqué, das der bischöfliche Beauftragte für Medien und Kommunikation, Giuseppe Gracia, dem Regionaljournal mailte, hebt genau jenen Persönlichkeitsschutz auf, den er im Communiqué so vehement fordert. Im Dokumentennamen des als Worddatei gelieferten Communiqués werden die Namen der beiden betroffenen Studenten verwendet. Auch hier gilt also: Indiskret handelt das Ordinariat und nicht die Hochschule.
Immer deutlicher wird damit, wer die eigentlichen Produzenten des Skandals sind: Es sind der Bischof und sein Kommunikationsverantwortlicher. Der Verdacht, den wir in dieser Zeitschrift schon vor etwas mehr als einem Jahr (forum 26/2010) geäussert und begründet haben, verdichtet sich damit weiter: Der Bistumsleitung ist offenbar daran gelegen, in Seminar und Hochschule möglichst viel Flurschaden anzurichten. Denn wenn die Studenten ausbleiben, stirbt auch die Hochschule. Und wenn sowohl Seminar wie Hochschule erledigt sind, dann hat Bischof Huonder erreicht, was er sich wünscht: freie Bahn für ein Seminar und eine Hochschule ganz nach seinem Gusto. Wie diese  wohl aussehen würde, könnte man in Wigratzbad, dem Priesterseminar der Petrusbruderschaft, rekognoszieren.

THOMAS BINOTTO

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