Königsherrschaft Gottes
Die meisten guten Vorsätze, zum Beispiel für das neue Jahr, geraten bereits nach wenigen Tagen in Vergessenheit und werden vom Alltag überrollt. Für eine tiefgreifende Erneuerung des Lebens bräuchte es einen krasseren Einschnitt … Um Geschichts- und Lebenswendendes zur Sprache zu bringen, stellt der Evangelist Markus in denkbar knapper und aufrüttelnder Form den Kern der Botschaft Jesu an den Anfang von dessen Auftreten. Alles beginnt mit dem «Evangelium», der guten und frohen Botschaft. Darin steckt jene Kraft, die an der Ohnmacht der guten Vorsätze vorbei auf Veränderung drängt. Anders als der Täufer, von dem wenige Verse zuvor gesagt wurde, dass er Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden verkündigte, stellt Jesus, noch bevor er von Umkehr spricht, die Zusage der Königsherrschaft Gottes an den Anfang seines Wirkens: «Die Zeit ist erfüllt; das Reich Gottes (die Königsherrschaft) ist nahe (nahe gekommen)». Was dies bedeutet, verkörpert Jesus in seinem Zugehen auf die Menschen: Er kehrt bei Zöllnern und Sündern ein, heilt Kranke und ruft hier und dort Einzelne in seinen Jüngerkreis, und all das ohne vorher Erkundigungen einzuziehen, ob die betreffenden Personen auch würdig sind, und ohne vorher den protokollarischen Ablauf festzulegen. So geht Gott auf die Menschen zu – und das ist das «Evangelium», an dem sich Lebensveränderung festmachen kann.
Umkehr ist dann also Konsequenz und nicht Bedingung. Zudem klärt sich neu, worin Umkehr besteht: nicht im Abarbeiten eines von aussen kommenden oder selbst erstellten Forderungskatalogs, sondern in einer Umkehrung der Gesinnung (grch.: metanoia), und zwar als Hinkehr zum Evangelium. Die Abkehr von bisherigen Lebensgewohnheiten ist eher ein nachgeordnetes Geschehen – wie das Liegenlassen der Netze bei der unmittelbar folgenden Berufung der Fischer am See von Galiläa. Entscheidend ist die neu eröffnete Perspektive. Um ihretwillen muss sich das Denken ändern und: kann es sich ändern. Da Jesus die Königsherrschaft mit einem Hochzeitsmahl verglichen hat, sollte es erlaubt sein, das Gemeinte mit der Verwandlung von Menschen zu vergleichen, wenn sie verliebt sind und unversehens bereit sind, ihre persönlichen Werthierarchien umzustellen. Oder es ist wie bei Jugendlichen, denen durch Erfahrungen von Sinn und Verantwortlichkeit auf einmal «der Knopf aufgeht».
Worum Jesus wirbt, ist die Umkehr zur Königsherrschaft Gottes. Weil sie schon herangekommen ist, ist es nun an den Menschen, sich in Umkehrung ihrer Gesinnung der Weitherzigkeit und den grösseren Möglichkeiten Gottes anzuvertrauen. Indem Jesus den Blick auf die Königsherrschaft mit ihren Verheissungen und ihren Massstäben lenkt, ruft er zur Bekehrung von den aus Engherzigkeit geborenen Gottesbildern, in denen der Unendliche verendlicht wird und der grossherzig Schenkende zu einem kleinlich-berechnenden Buchhalter gerät. Es ist der Kummer Gottes, dass Menschen sich aus Angst und Misstrauen (Gen 3) verschliessen. Ihnen und immer wieder auch uns gilt der Ruf: «Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.»
EVA-MARIA FABER