Das Herz in Peru verloren
|
Moises und Carlos bringen südameri-kanische Rhythmen in den Gottesdienst. Foto: Beatrix Ledergerber
|
 «In Peru ist Weihnachten im Hochsommer. Mit viel Feuerwerk und Musik wird getanzt und gefeiert.» Friedhelm Krieger predigt in der Pfarrei Heilig Kreuz Zürich-Altstetten. Sein liturgisches Gewand ist ein kunstvoll bestickter Poncho. Die beiden peruanischen Musiker Moises und Carlos bringen mit Ukulele, Gitarre und Panflöte südamerikanisches Feuer in den Gottesdienst. Anschliessend verkauft Krieger Pullover, Schals, Mützen und Handschuhe aus Lama- und Alpaca-Wolle. Heilig Kreuz ist eine der gut 15 Zürcher Pfarreien, die das Hilfswerk «Paz Peru» von Friedhelm Krieger unterstützen.
Angefangen hat alles mit einem ProjektÂunterricht zum Thema Armut und Entwicklungszusammenarbeit. Als Mittelschulseelsorger, Religions- und Geschichtslehrer am Gymnasium Wetzikon lud Krieger Immenseer Missionare – u.a. ein Peruaner – zu der Projektwoche ein. Spontan startete Krieger daraufhin mit diversen Klassen Aktionen, um Geld für einige der vorgestellten Projekte zu sammeln. 1988 besuchte er zusammen mit ehemaligen Schülern erstmals selber Peru. «Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die in Peru herrschten, schockierten mich und liessen mir keine Ruhe mehr», sagt der Theologe und Historiker. Er beschloss, zwei Arbeitsgruppen zu bilden, eine in Arequipa und eine in der Schweiz. Die Schweizer Gruppe bestand aus Maturanden der Kantonsschule Wetzikon und fand rasch Unterstützung bei vielen hilfsbereiten Menschen in der Schweiz. In Arequipa im Peruaner Hochland sammelte Mitbegründerin Janisse Chocano eine Gruppe junger und engagierter Männer und Frauen um sich, welche sich Stiftung Sozialwerke Paz Peru nannte. «Heute sind wir sowohl in der Schweiz wie auch in Peru als gemeinnützige Stiftung eingetragen», sagt Krieger, «und jede Spende kann so auch von der Steuer abgezogen werden».
«Dass eine Person zusammen mit einer kleinen Gruppe von Mitstreitern etwas derart Grossartiges schaffen konnte, fasziniert mich sehr», sagt Staatsanwalt und Paz-Peru-Stiftungsrat Cornel Borbély. Tatsächlich ist die Liste der Projekte beeindruckend: Casa Isabel, ein Haus für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder, mit einer angeschlossenen Textilwerkstatt; eine Thermosolarwerkstatt, wo heisses Wasser durch Sonnenenergie erzeugt wird; Lernwerkstätten (Schreinerei, Metall- und Elektrowerkstatt, Bauhandwerk, Installateure und Kommunikation) für junge Menschen, die hier einen Beruf erlernen; zwei Polikliniken; ein erfolgreiches Mikrokreditprogramm mit einer Rückzahlungsquote von 100 %, das den Aufbau eines Geschäftes und damit den Lebensunterhalt ermöglicht; der Bau von 132 Häusern für Bedürftige, samt Gemeinschaftsraum mit integrierter Kapelle und zwei Häusern für Mutter und Kind.
BALD SELBSTTRAGEND
Die Erzeugnisse der verschiedenen Werkstätten sollen bald auch in einem Laden in Arequipa verkauft werden, der in Zusammenarbeit mit der lokalen Caritas eingerichtet wird. Auch der Erzbischof der Region kennt und unterstützt die Projekte. Alles hat die Stiftung ganz unabhängig von anderen Organisationen aufgebaut. «Die Projekte sind teilweise bereits selbsttragend. Die 80 Mitarbeitenden von Paz Peru werden entsprechend ihrer Arbeit in den Werkstätten und Projekten finanziert und sind daher am Erfolg interessiert. Ihr Lohn soll bis in drei Jahren unabhängig von Spenden durch die erfolgreiche Arbeit vor Ort ermöglicht werden», betont Krieger.
Das Wort Paz im Namen der Stiftung heisst Friede. «Voraussetzung für Friede ist die Gerechtigkeit unter den Menschen. Das ist es, was Paz Peru anzustreben versucht: Ein wenig mehr Gerechtigkeit herstellen, Hoffnung auf ein besseres Leben, dies im Glauben an die Geschwisterlichkeit aller Menschen», sagt Krieger. «Grundlage dieses Bemühens ist der gegenseitige Respekt, die Anerkennung der Verschiedenheit der Kulturen und Lebensgewohnheiten, Eingehen auf die Hilfsbedürftigen im Geiste der Liebe – von Jesus Christus vorgelebt – die uns zu diesem Werk bewegt und verpflichtet.» Er selber habe sein Herz in Peru verloren: «Ich habe viele Freunde und Patenkinder dort.» Zweimal pro Jahr verbringt er fünf bis sechs Wochen vor Ort, entwickelt mit den dortigen Mitarbeitenden neue Ideen, die sie aber dann selbständig ausführen. Seit fünf Jahren ist der Mittelschulseelsoger pensioniert. «Nun arbeite ich als Wanderprediger», schmunÂzelt er. Regelmässig besucht er die Pfarreien, die Paz Peru unterstützen, predigt und verkauft Produkte aus Peru.
In Heilig Kreuz Altstetten beraten sich die Frauen beim Kauf der weichen Alpaca-Pullover. «Wo finde ich für 60 Franken einen so wunderbaren Pulli – und helfe erst noch anderen damit?», freut sich eine von ihnen.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER