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Caritas-Woche 2012

Arme Kinder stehen im Abseits

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Kinder haben Rechte: auf ein diskriminierungsfreies und sicheres Aufwachsen, auf Gesundheit und Bildung, auf Freizeit und auf soziale Teilhabe. Foto: Urs Siegenthaler, Caritas / zVg
Kinder haben Rechte: auf ein diskriminierungsfreies und sicheres Aufwachsen, auf Gesundheit und Bildung, auf Freizeit und auf soziale Teilhabe. Foto: Urs Siegenthaler, Caritas / zVg
Armut grenzt Kinder aus, oft ein ganzes Leben lang. Wer arm ist, wird in der Schweiz selten reich. Für Kinder hat dies weitreichende Konsequenzen. Sie können nicht mit ihren Kameradinnen und Kameraden mithalten und stehen im Abseits.

Armut, sagt Mutter Sofia, sei für ihren Ältesten ein grosses Thema: «Er schämt sich.» Wenn sie jeweils im Caritas-Laden einkaufen gehe, bleibe Daniele im Auto. Es mache ihn wütend, dass sie nicht wie andere bei Coop oder Migros posten können. Dort gäbe es viel mehr Fleischsorten. Und viel mehr Süssigkeiten, überhaupt von allem mehr und Besseres. Dann sagt seine Mutter jeweils: «Hör mal, das ist nun mal unser Budget. Es gibt Leute, die trifft es viel härter.»
Sofia Okoye ist italienisch-schweizerische Doppelbürgerin. Sie arbeitet zu 50 Prozent in einer Kosmetikabteilung. Sofias Mann stammt aus Schwarzafrika. Er arbeitet auf dem Bau. Reich wird er damit nicht, aber müde. Um Geld zu sparen, fahren sie manchmal zum Einkaufen nach Deutschland, und sie schauen auf alle möglichen Aktionen. Ihr Partner, sagt Sofia, sei sich gewohnt, mit wenig auszukommen. Sofia nervt das, besonders wenn sie den Kindern nicht das gewünschte Essen kaufen kann. «Aber», fügt sie gleich bei, «ich nehme es easy, Hauptsache, die Kinder sind gesund und machen eine gute Ausbildung, damit sie vielleicht einmal einen besseren Job finden als ich.»

KINDERARMUT EXISTIERT
Im Kanton Zürich sind rund 20 000 Kinder von Armut betroffen – das sind ungefähr 1000 Schulklassen. Sie leben in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind oder zu den «Working Poor» gehören. Kinder, die von Armut betroffen sind, leiden nicht nur daran, dass ihre Familien zu wenig Geld haben. Auch weniger gesundes Essen, prekäres Wohnen, uncoole Kleider gehören dazu. Dadurch verlieren sie an Selbstwert, entwickeln Schulschwächen und verwenden ihre Energie dazu, den familiären Zusammenhalt zu sichern und von ihren Freunden nicht ausgeschlossen zu werden.
Für die Entwicklung der Kinder ist die soziale Herkunft besonders wichtig, denn Reichtum und Armut werden vererbt. Arme Eltern haben weniger Zeit für ihre Kinder, können sich weniger Betreuungs- und Bildungsangebote leisten. Darunter leiden auch die schulischen Leistungen ihrer Kinder, was weitreichende Folgen hat: Die Position, die jemand in unserer Gesellschaft einnimmt, hat weniger mit seiner oder ihrer persönlichen Leistung zu tun, als vielmehr mit der sozialen Herkunft. Die Chancen für Arme, aufzusteigen, und die Risiken für Reiche, sozial abzusteigen, sind gering. Es gibt wenig soziale Mobilität in der Schweiz und auch im Kanton Zürich.

BILDUNG UND FÖRDERUNG
Bildung und Erziehung finden nicht nur in der Schule oder im Elternhaus statt. Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen Kinder und Jugendliche mit ausserschulischen Aktivitäten. Vereine, Freunde und Familienausflüge tragen wesentlich zur Bildung des sozialen Netzes, zur Integration und auch zur Entwicklung und Vertiefung der Interessen und Fähigkeiten bei.
Darum ist Sofia Okeye sehr wichtig, dass ihre Kinder ein Hobby haben. Daniele spielt in einem lokalen Fussballclub mit, er ist Mittelfeldspieler. Kürzlich hat er den Verein gewechselt, nun braucht er einen neuen Trainingsanzug und immer wieder Schuhe. Auch die Clubmitgliedschaft kostet. Seine Schwester Sara geht in einen Akrobatikclub. «Megateuer» sei das alles, seufzt Sofia. Viele Leute kritisieren: «Bah, du gibst zu viel Geld dafür aus.» Doch dieses Geld reue sie nicht. Sie selber habe nie so ein Hobby gehabt.

DIE FREIZEIT IST ZENTRAL
Auch die Schulsozialarbeiterin Verena Wüst betont, dass Freizeitaktivitäten für Kinder etwas Zentrales sind: «Ich finde es wichtig, dass die Kinder neben der Schule und dem Fernseher oder dem PC noch eine andere Erlebniswelt haben. Etwas, das ihnen Selbstvertrauen gibt.» Gerade diejenigen, welche in der Schule nicht so gut sind, erleben im Sport oder in der Musik Erfolge, auf die sie stolz sind. Das ist eine Erhöhung der Lebensqualität und bringt sie in ein anderes soziales Umfeld. Sie können neue Freundschaften knüpfen und haben auch Bezugspersonen, die anders als Eltern und Lehrer auf das Kind eingehen. Ein Fussballtrainer wird so zur zentralen Figur im Leben eines Jungen. Doch arme Familien können sich dies oft nicht leisten – Freizeit ist teuer. Einmal mehr sind sie benachteiligt und stehen abseits. Verena Wüst erzählt: «Mich erschüttert es, wenn ich ein Kind frage, was es in den Ferien gemacht habe und die Antwort ist: Ich bin aufgestanden und hab den Fernseher angeschaltet und nach ein paar Stunden wurde es mir langweilig, dann ging ich mit meinen Freunden in den MacDonald’s.»

CARITAS FORDERT MASSNAHMEN
Offensichtlich genügen bestehende familienpolitische Rahmenbedingungen nicht, um die Kinderarmut in der Schweiz zu verringern. Arme Kinder sind ausgeschlossen und haben nicht die gleichen Chancen wie ihre besser gestellten Freundinnen und Freunde. Armutsbekämpfung und Armutsprävention müssen diesen Ausschlussmechanismen entgegenwirken. Caritas fordert deswegen Massnahmen zur Existenzsicherung einerseits und solche zur Chancengleichheit andererseits. Beide sind notwendig, um die Vererbung von Armut zu durchbrechen. Sie sollen zum Beispiel die Erwerbsarbeit für Eltern erleichtern, günstigen Wohnraum für Familien fördern, Ergänzungsleistungen für Familien einführen oder die Betreuungs- und Bildungsangebote für Familien ausbauen. Nur so haben armutsbetroffene Kinder die Chance, aus dem Abseits zu treten und mit ihren Freunden wieder mithalten zu können.

SELBER MITHELFEN
In der ganzen Schweiz setzt sich Caritas mit Projekten und politischen Forderungen für armutsbetroffene Kinder ein. Dies ist nur dank der finanziellen und ideellen Unterstützung von Spenderinnen und Spendern möglich. An den Wochenenden vom 28./29. Januar und vom 4./5. Februar sind die Gottesdienst-Kollekten für die Arbeit der Caritas Zürich bestimmt. Sie kommen armutsbetroffenen Familien im Kanton Zürich zugute.

ARIEL LEUENBERGER, CARITAS ZÜRICH

www.kinderarmut.ch

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BUCHTIP

Caritas Sozialalmanach 2012: Schwerpunkt «Arme Kinder»
Das Caritas-Jahrbuch zur ­sozialen Lage in der Schweiz. Trends, Analysen, Zahlen. ­Caritas-Verlag 2012. 224 Seiten. Fr. 34.–. ISBN 978-3-85592-128-7.