SOS Narrenschiff
Heute trete ich den Beweis an, dass sogar Journalisten ihre Meinung ändern können:
Vor vier Jahren habe ich mich an dieser Stelle über den Lichterglanz lustig gemacht, der ab November unsere Gärten und Fassaden erleuchtet. Dank meiner Frau bin ich nun zu einer leichten Meinungsmodifizierung fähig geworden – und das gilt unter Journalisten bereits als massiver Sinneswandel. Anstatt sich über die Vorwegnahme der Weihnachtszeit zu ärgern, über die Annektierung des «echten Weihnachtsfestes» und den sinnlosen Stromverbrauch, hat nämlich meine Frau den Lichterglanz erfolgreich säkularisiert und von Weihnachten abgekoppelt.
Sie sieht in den Lichtern nun nichts weiter als den schlichten Wunsch der Menschen nach Licht und heimeliger Wärme in der dunklen Jahreszeit. Also schmücken sie ihre Strassen und Häuser.
Seit meine Frau aus dem Weihnachtsbrauch einen Winterbrauch gemacht hat, kann sie die Beleuchtungen wieder geniesÂsen und fühlt sich davon in keiner Weise religiös bedrängt.
Diese Sicht leuchtet auch mir ein – wie so vieles, was meine Frau länger durchdenkt als ich. Und als Mann der grossen Gesten habe ich zusammen mit den Kindern in der Woche vor Weihnachten in einem symbolischen Akt der Kehrtwende eine Rottanne im Vorgarten installiert und mit Leuchtdioden geschmückt. Fortan haben auch wir ein gemütliches Winterhaus.
In Sachen «Weihnachtsfilm» bleibt hingegen bis auf weiteres alles beim Alten. Ich habe mir wie jedes Jahr den einen oder anderen angeschaut. Und sowohl «Der kleine Lord» wie «Die unvergessliche Weihnachtsnacht» haben mich zu Tränen gerührt. In beiden Fällen werden Menschen so lange mit Liebenswürdigkeit überhäuft, bis sie gar nicht mehr anders können, als selbst liebenswürdig zu werden. Das ist natürlich geradezu absurd unrealistisch. Wer lässt sich schon von ein wenig Weihnachtstrallalla dermassen durchschütteln, dass er sein Leben ändert? Obwohl das ja eigentlich genau das ist, was sich unser lieber Gott von Weihnachten erhofft. Hat nicht er damit begonnen, uns mit Liebenswürdigkeit zu überhäufen, indem er uns ein Christkind in die Krippe gelegt hat?
Diese Mischung von leichtem Sinneswandel und milder Sturheit investiere ich nun in mein Motto für 2012: Möge uns das Neue Jahr mehr Licht und Wärme bringen, als wir realistisch gesehen verdient haben. Und möge uns das nächste Weihnachten zum krönenden Abschluss des Jahres erneut mit Lichterglanz und Liebenswürdigkeit überschütten.
Gott bewahre mich allerdings auch in Zukunft vor ästhetischen Todsünden wie Balkon kletternde Weihnachtsmänner und einfältigen Schnulzen, die uns nicht liebenswürdig überfallen, sondern nur rührselig belästigen. Soviel kritischer Journalismus muss auch in Zukunft sein.
THOMAS BINOTTO