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Die Politikerin Monika Weber im Gespräch

In der Mitte ist das Zentrum

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Monika Weber weiss auch im Ruhestand, wo es für sie lang gehen soll. Foto: Christoph Wider
Monika Weber weiss auch im Ruhestand, wo es für sie lang gehen soll. Foto: Christoph Wider
35 Jahre lang hat Monika Weber zürcherische und schweizerische Politik mitgestaltet und mitgeprägt. Seit 2006 ist sie Politikerin im Ruhestand, was ihrer Popularität jedoch keinen Abbruch tut. Im Neujahrsgespräch blickt sie auf ihre Karriere zurück – mit ­ansteckendem Drang nach vorne.

Ruhestand kann man das nicht nennen, wenn man mit bald 69 Jahren Präsidentin der Winterhilfe ist, Präsidentin der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime, Präsidentin der Eidgenössischen Filmkommission und Präsidentin der Jeanne-Hersch-Gesellschaft. Auf die Frage, welche dieser Aufgaben ihr am meisten Freude bereite, antwortet Monika Weber ebenso diplomatisch wie überraschend:

«Ich mache alle meine Aufgaben sehr gerne – aber ich werde bis zu meinem 70. Geburtstag sämtliche Präsidien und Vorstandsmandate abgegeben haben. Als Präsidentin der Winterhilfe bin ich im November zurückgetreten; auf Ende Jahr habe ich als Präsidentin der Filmkommission aufgehört; und momentan suche ich nach einer Nachfolge für die Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime, damit ich auch dieses Amt im Laufe des Jahres 2012 abgeben kann.»

Obwohl Monika Weber ihre Bekanntheit geniesst und sich darüber freut, dass die Menschen sie kennen und mit ihr «eigentlich immer nett sind», engagiert sie sich längst nicht nur dort, wo die Öffentlichkeit hinsieht. Man nimmt es ihr ab, dass sie einem Bekannten tatkräftig bei der Suche nach einer Praktikumsstelle für einen jungen Mann hilft. Man glaubt ihr, dass sie ein bis zweimal im Monat am Samstag für eine junge Frau da ist, deren Beistand sie einst war. Und wenn sie sagt: «Ich liebe die Menschen», dann ist auch das glaubwürdig, denn genau darin dürfte das Geheimnis von Monika Webers anhaltender Popularität bestehen.

«Wenn man nach Jahrzehnten mit 80-Stunden-Wochen plötzlich sieben Tage frei hat, dann kann man doch zwei Tage für soziale und caritative Aufgaben einsetzen. Das will ich machen, wenn ich 70 bin, sei es, indem ich am Altersnachmittag einer Kirchgemeinde Kaffee ausschenke, mit Patienten eines Pflegeheims spazieren gehe oder im Altersheim vorlese.
Das ist doch das Schöne im Alter, sofern man gesund ist, dass man immer noch an so vielen Orten helfen kann. Im Vergleich zu meiner früheren Tätigkeit als Politikerin werde ich mich aber bemühen, dabei nicht im Vordergrund zu stehen und mich zurückzunehmen.»


Auch die Ehrlichkeit dieses Vorsatzes mag man nicht bezweifeln, obwohl angenommen werden muss, dass es Monika Weber bei so viel Begeisterung und Energie niemals bis zur grauen Maus bringen wird. Und auch wenn sie davon spricht, all ihre Ämter aufzugeben, dann strahlt sie dabei kein bisschen Müdigkeit oder gar Resignation aus.

«Seit ich pensioniert bin, treffe ich mich jeden Tag mit jemand anderem zum Mittagessen. Ich bin bis Ende April ausgebucht. Das ist eine grossartige Bereicherung für mich, weil ich so vielen ganz unterschiedlichen Menschen mit ganz vielfältigen Erfahrungen begegnen darf und immer wieder neue Anregungen erhalte. Ich geniesse das sehr. Aber an den Abenden bemühe ich mich, möglichst zu Hause zu sein, weil meine 90jährige Mutter bei mir wohnt und dankbar ist, wenn sie abends nicht alleine sein muss. Auch das ist mir wichtig: Für sie da zu sein.»

Ein Gespräch mit Monika Weber folgt keinem klar strukturierten Ablauf. Assoziativ springen wir von Einfall zu Einfall. Immer wieder beginnt oder endet eine Antwort damit, dass ihr eben noch etwas anderes, ebenfalls ganz Wichtiges in den Sinn gekommen ist. So fällt ihr ein Herr ein, mit dem sie vor wenigen Tagen zum Mittagessen verabredet war. Mit 86 Jahren habe er soeben noch ein Studium beendet.

«Sehen Sie, man weiss nie, was die Zukunft alles bringt. Ich beispielsweise habe grosse Lust, mich noch viel tiefer in das Werk meiner Philosophieprofessorin Jeanne Hersch zu versenken. Und ich habe mich für einen Lateinkurs angemeldet, weil ich nach über 40 Jahren meine Lateinkenntnisse gerne auffrischen und wieder Ovid und Cicero lesen möchte – natürlich zweisprachig!»


Diese Art von Einfallsreichtum ist mitreis­send. Man folgt den daraus folgenden Sprüngen gerne und begreift bald, wie Monika Weber zu einer Pionierfrau der Schweizer Politik werden konnte. Und zur Politik wollte sie schon als Kind, lange bevor Frauen das Stimmrecht erhalten haben.

«Am Familientisch sass ich rechts von meinem Vater, der Notar im Kreis 11/12 in Zürich war. Es hat mich tief beeindruckt, wenn er von seiner Arbeit erzählt hat. Wie er sich um die Menschen gesorgt hat. So etwas wollte ich auch tun. Und als ich 20 wurde, habe ich dem Landesring (LdU) geschrieben, weil ich in eine Schulpflege wollte. Wohlgemerkt: Damals gab es das Frauenstimmrecht immer noch nicht.
Der Parteisekretär hat mir daraufhin freundlich geschrieben, ich könne selbstverständlich gerne in die Partei eintreten, aber in eine Schulpflege komme man nicht so mir nichts, dir nichts rein. Ich bin dann tatsächlich auch nie Schulpflegerin geworden. Aber 1971, als zum ersten Mal Frauen in den Zürcher Kantonsrat gewählt werden konnten, wurde ich vom Landesring für eine Kandidatur angefragt.»


Sie wurde damals die jüngste Kantonsrätin und sass gleichzeitig an der Universität Zürich als Philosophiestudentin in den Vorlesungen von Hermann Lübbe mit dem Schwerpunkt politische Philosophie. So pendelte sie zwischen Hörsaal und Kantonsrat hin und her – und an beiden Orten wurde sie mit reichlich Anschauungsmaterial zu Theorie und Praxis der Politik versorgt. Und bereits als junge Politikerin erkannte sie, dass ihr gerade in diesem Spannungsfeld eine Aufgabe als Vermittlerin zukam.

«Nach zwei Jahren im Kantonsrat habe ich überparteiliche Frauenstammtische gegründet, 14 Stück insgesamt. Dort trafen sich einmal im Monat je um die 40 Frauen. Wir organisierten Referate, Diskussionen über Abstimmungsvorlagen, eine Art staatsbürgerlichen Unterricht, all das, damit sich Frauen immer mehr getrauten, ihr neues Recht auch selbstbewusst auszuüben.»


Und das ist ihr bis heute ein tiefes Anliegen geblieben, anderen Menschen – nicht nur Frauen natürlich – unsere Demokratie zu erklären. Sie dafür zu begeistern, welch grossartige Sache die schweizerische Demokratie doch sein kann.

«Es ist interessant, dass wir trotz Informationszeitalter und vielfältigster Kommunikationsmittel die direkte Kommunikation immer noch genauso schätzen wie eh und je. Die Menschen sind dankbar, wenn man ihnen live etwas erklärt, wenn Politik auch mit Emotionen zu tun hat, wenn sie sich ihre eigene Meinung in der direkten Begegnung machen können.»

Lachend gesteht sie an dieser Stelle ihren «missionarischen Trieb», der sich unter anderem darin zeigt, dass es ihr nicht auf die Masse ankommt. Ob 200 Menschen im Saal seien oder nur zehn, das sei doch nicht entscheidend. Aber ob eine Begegnung möglich werde, darauf komme es an.

«Unsere Gesellschaft lebt zunehmend in Superlativen. Man darf nicht mehr einfach tüchtig sein. Man muss super sein und möglichst jeden Tag einen grossen Erfolg verbuchen. Dieser Hang zu den Superlativen und zum Extremen drückt sich auch in unserer Sprache aus. Dadurch hat sich auch das politische Vokabular sehr verändert. Man putzt einander heute auf eine Art und Weise runter, wie es mir bei aller Härte in der Diskussion nie eingefallen wäre.»


Zu den Folgen der Beschwörung von Superlativen gehört es auch, dass die politische Mitte gerne als Wischiwaschi denunziert wird. Dagegen würde sich Monika Weber zweifellos mit einer Vehemenz wehren, die nichts mit Unentschiedenheit zu tun hat. Sie sieht sich als Vermittlerin aus Überzeugung, aber eine harmlos Nette ist sie nicht.

«Die Mitte ist in einer Demokratie sehr entscheidend, weil man sich auf seinen Wegen entgegengehen muss. In einer Demokratie findet man sich nicht an den Rändern sondern in der Mitte. Wenn nicht alle Beteiligten den Willen haben, sich dort zu treffen, dann kann Demokratie nicht funktionieren. Im Parlament soll natürlich breit und auch kontrovers diskutiert werden. Aber wenn es um Entscheidungen geht, dann klappt das nicht ohne eine gemeinsame Mitte. Das sieht das Volk übrigens genauso: Ins Parlament werden gerne polarisierende Kräfte gewählt. Und für die Regierung wünscht man sich dann vor allem konsensfähige Politiker.»

Ob sie deshalb beim Landesring der Unabhängigen gelandet ist, dieser sehr pragmatischen Partei der Mitte?

«Ich war und bin ein Dutti-Fan. Zwei Aussprüche von ihm sind für mein Leben zu Leitsprüchen geworden. ‹Der Stärkere ist für den Schwächeren da› heisst der eine. Und ‹Freiwilligkeit ist der Preis der Freiheit› der andere. Diesen zweiten Leitspruch würde ich natürlich niemals jemandem aufdrängen, der im Existenzminimum lebt, und es gibt auch Lebensphasen, in denen es damit schwierig ist, aber für mich waren und sind beide Aussagen zu wichtigen Lebensgrundsätzen geworden.»

Als Dutti-Fan in die Politik zu gehen, das ist heute nicht mehr denkbar. Und der Landesring ist auch Geschichte. Dessen Ende gehört zu den schmerzlichen Erfahrungen in Monika Webers politischer Biografie. Sich einer anderen Partei anzuschliessen, kam für sie nicht in Frage. Dafür wirkt ihr Plädoyer für das politische Engagement umso glaubwürdiger, weil sie für keine Partei die Trommel rührt.

«Es spielt sicher eine prägende Rolle, was zu Hause passiert, ob man über politische Themen spricht, ob man vor Abstimmungen miteinander diskutiert. Man muss das Interesse der jungen Menschen wecken. Und dafür braucht es in erster Linie praktische Vorbilder unter den Erwachsenen. Wobei ich Verständnis dafür habe, dass die 20-Jährigen nicht in Scharen in die Politik gehen. Viele Menschen beginnen sich erst ab 30 für Abstimmungen zu interessieren, wenn sie im Beruf Fuss gefasst haben, den Wohnort nicht mehr so häufig wechseln, eine Familie gründen.»


Und dann erzählt sie scheinbar unvermittelt, aber mit zwingender innerer Logik von ihren Anfängen als Kantonsrätin.

«Mein eindrücklichstes Erlebnis ganz am Anfang meiner politischen Tätigkeit hatte ich am Rande meiner ersten Kommissionssitzung. Es war Herbst und ich sass in der Kaffeepause neben Walter Frei, einem Weinbauern aus Unterstammheim. Er hat mir erzählt, wie viele Stunden Sonne die Weintrauben noch bräuchten und dass er auf nicht allzu viele räuberische Vögel hoffe. Da sass ich also, erstes Semester an der Uni, Städterin durch und durch neben bodenständigen Weinbauern. Und schlagartig wurde mir bewusst, dass in einem schweizerischen Parlament unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Umfeldern sitzen, die miteinander einen Weg finden müssen. Das ist doch unglaublich spannend.»


Diese Faszination hat sie nie mehr losgelassen – auch nach dem Rückzug aus der aktiven Politik nicht. Immer wieder betont sie, dass sie einfach tätig sein müsse: Helfen, bewegen, erklären, aufbauen …

«Ich habe Politik als meine Aufgabe angeschaut. Und dazu hat es gehört, dass ich mich alle vier Jahre einer Wahl gestellt habe. Dafür muss man nicht wahnsinnig von sich selbst eingenommen sein. Selbstkritisch wird man nur schon dadurch, dass man ständig ausgestellt ist, denn natürlich denkt man viel darüber nach, wie man auf andere wirkt. Habe ich den richtigen Ton gefunden? Habe ich verständlich argumentiert? Bin ich fachlich sattelfest genug? – Natürlich wollte ich gewählt werden.»

Können sich da Politiker überhaupt noch Schwächen erlauben? Droht nicht der politische Tod, sobald man Fehler eingesteht?

«Ich habe verschiedene Phasen erlebt. Früher haben Politiker Fehler nie eingestanden. Dann kamen die 90er Jahre, da reichte ein einfaches «Entschuldigung» und schon war die Sache erledigt. Heute ist das wieder etwas anders, da reicht ein legeres ‹Entschuldigung› nicht mehr. Medien und oft auch viele Menschen wollen Opfer sehen. Solche Phasen, das ist mir im Laufe meiner fast 40 Jahre politischer Tätigkeit immer klarer geworden, solche Phasen gehören zur ­Politik. Alle acht bis zehn Jahre ändert sich die Situation komplett. Da können Sie von einer ­Sache noch so überzeugt sein und dafür kämpfen, zehn Jahre später kommen Sie damit nicht mehr an. Und manchmal liegt es nur daran, dass Sie die falschen Ausdrücke verwenden.»

Monika Weber hat es geschafft, über 30 Jahre lang verschiedene politische Phasen zu überleben. Eine schmerzhafte politische Niederlage musste allerdings auch sie hinnehmen.

«Dieser elende Kampf um das Zürcher Stadt­präsidium war ein völliger Irrlauf. Wäre ich zur Wahl für den Stadtrat angetreten, wäre ich problemlos gewählt worden. Aber gegen den amtierenden Stadtpräsidenten Josef Estermann anzutreten, der nichts Böses getan hatte, das ging völlig daneben. Und plötzlich wurden ­Dinge thematisiert, die zuvor jahrelang niemanden interessiert hatten. Meine Stirne war ein Thema und weshalb ich diese nicht mit ­Fransen decke. Und meine hohe Stimme, die nach Thatcher klinge. Plötzlich wurde ich auf oberflächliche Details behaftet und wusste nicht, wie ich mich dagegen wehren konnte.»

Nun ist es an uns, einen Sprung zu wagen. Schliesslich sind wir ein Pfarrblatt.

«Mir wird immer etwas mulmig, wenn eine politische Kirche gefordert wird. Dennoch ist mir klar, dass sie eine wichtige gesellschaftliche Kraft ist. Ich erwarte das sogar von ihr. Weil sie eine Werthaltung vertritt, hat sie natürlich auch politisches Gewicht. Sogar als Protestantin finde ich, dass der Papst eine wichtige gesellschaftliche Funktion hat, und als Politikerin interessiert es mich sehr, wie er diese wahrnimmt.»

Also hat die Kirche in der Politik doch etwas verloren?

«Die Kirche schaut die Dinge manchmal vielleicht etwas zu idealistisch an, weil sie nur von ihrer Werthaltung ausgeht. In der Politik wird es aber komplizierter, weil da verschiedene Werthaltungen aufeinandertreffen – und das ist absolut notwendig. Ja, die Kirche hat eine andere Rolle als die Politik, aber ich bin ihr dankbar, wenn sie für Werte wie Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit eintritt. Gerade in einer Gesellschaft, die immer individualistischer wird, braucht es eine Kirche, die sich für die Schwächeren einsetzt.»

Monika Weber hat Charme. Das haben ihr sogar ihre politischen Gegner zähneknirschend zugestanden. Aber woher kommt es, dass sie so «gmögig» ist? Vielleicht davon, dass sie immer wieder mit grosser Begeisterung von anderen Menschen erzählt, die sie bewundert. Immer wieder von Jeanne Hersch, der von ihr ganz offensichtlich verehrten Genfer Philosophin, oder von Guido Stöckli, ehemaligem Berufsoffizier und Mitglied des Malteserordens. Ein begnadeter Organisator von humanitären Hilfsgütertransporten, den sie im Zentralvorstand der Winterhilfe kennengelernt hat. Und schon rührt sie für seine Anliegen die Werbetrommel.

«Unglaublich, was er leistet! Über ihn müssen Sie schreiben!!»

GESPRÄCH THOMAS BINOTTO

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Monika Weber wurde 1943 in Zürich geboren. Sie studierte in Zürich und Genf Philosophie, Politologie und Allgemeines Staatsrecht. 1971 – 1983 Kantonsrätin Zürich. 1978 – 1986 Präsidentin des Konsumentinnen­forums der deutschen Schweiz. 1982 – 1987 Nationalrätin. 1985 – 1991 Generalsekretärin des Schweize­rischen Kaufmännischen Verbandes. 1987 – 1998 Ständerätin. 1991 – 1998 Direktorin für Wirtschaftspolitik und Konsumentenfragen beim ­Migros-Genossenschaftsbund. 1998 – 2006 Stadträtin Zürich, Vorsteherin des Schul- und Sportdepartements.