Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Jugendliche – vielfältig wie das Leben

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Über die Jugend wurde schon immer viel geklagt – über ihre Gewalt oder über ihre Null-Bock-Stimmung, über ihren politischen Eifer oder ihre Angepasstheit. Klischees wie «Generation Porno» oder «Generation Wodka» sind medienwirksam, aber zeigen kein ausgewogenes Bild der Lebenslagen und Lebenswelten Jugendlicher.
Es gibt nicht die Jugend, es gibt nur Jugendliche von heute. Heute fällt es schon schwer, das Jugendalter zu bestimmen. Ein Vierzehnjähriger hat ganz andere Entwicklungsaufgaben zu bewältigen als eine Zwanzigjährige.
Jugendliche von heute sind sehr verschieden. Bei vielen von ihnen steht der persönliche Erfolg im Zentrum. Das Besondere jedoch ist: Ihnen ist Leistung und Karriere zwar wichtig, aber sie wollen gleichzeitig die Lebensfreude behalten und das Leben genies­sen. Andere wiederum sind – wie es traditionell zum Jungsein gehört – durchaus rebellisch, wollen die Gesellschaft verändern, entwickeln Utopien und suchen die Auseinandersetzung mit den Erwachsenen. Ich erlebe Jugendliche heute als offen, direkt, liebenswürdig frech, konstruktiv kritisch, selbstbestimmt und sozial kompetent.
Jugendliche stehen heute einer Fülle von Chancen, aber auch Risiken gegenüber wie keine Generation vor ihnen. Die Prozesse der Pluralisierung und Individualisierung eröffnen dem Einzelnen neue Freiräume der Lebensführung. Sie bieten Jugendlichen einen offenen Raum für die Gestaltung der je eigenen Biografie (familiär, sozial, beruflich, weltanschaulich, religiös). Das Problem der Jugendlichen besteht heute nicht in erster Linie darin, sich von ihren Eltern abzugrenzen, sondern sich in dieser offenen und weiten Welt nicht zu verlieren.
Freiheitsgewinn bedeutet Sicherheitsverlust. Deshalb haben Jugendliche heute einen ausgeprägten Sinn für den persönlichen Nahbereich, sie pflegen Familie und Freundschaften als sicheren sozialen Heimathafen. Die Multioptionsgesellschaft stellt hohe Anforderungen an die Identitätsentwicklung Jugendlicher. Manche fühlen sich im Orientierungsdschungel von den Erwachsenen im Stich gelassen. Sie wünschten sich Vorbilder, mehr konstruktiven Widerstand und erwachsene Gegenüber.
Ich staune über viele Jugendliche, wie sie – so meine Erfahrung in der Jugendberatung – trotz persönlicher oder familiärer Belastungen ihren Weg finden. Sie meistern dies, indem sie erstens pragmatisch und flexibel handeln, zweitens die wechselseitige Unterstützung in sozialen Netzwerken (in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis) suchen sowie drittens sich vor zu viel Druck schützen, indem sie in eher lockerer Art die Dinge auf sich zukommen lassen. Das ist ihre Strategie, mit der Flut von Möglichkeiten umzugehen.
Nicht wenige Jugendliche erweitern ihre sozialen Netzwerke, indem sie sich für gesellschaftliche Ziele oder für andere Menschen engagieren (z. B. offene und verbandliche Jugendarbeit). Ich erlebe auch, dass Jugendliche ein waches Bewusstsein gegenüber gesellschaftlichen Missständen haben. Diese Einstellung ist einerseits mit Ohnmachtsgefühlen verbunden, andererseits überwiegt zunehmend der Widerstandsimpuls. Zwei Beispiele: Ich kenne Jugendliche, die sich ehrenamtlich für «Papierlose» (im Rahmen des Projekts «Bildung für alle») einsetzen und ihnen im Verborgenen Deutschunterricht geben. «Menschen retten, nicht Banken», stand während Wochen in grossen Lettern an der Aussenmauer des Lindenplatzes. Die junge Occupy-Bewegung findet viel Sympathie. Ich freue mich, dass sich Jugendliche für drängende gesellschaftliche Anliegen engagieren.

NORBERT HÄNSLI

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Foto: Christoph Wider
Foto: Christoph Wider

Norbert Hänsli, Theologe und Psychotherapeut FSP, ­leitet seit 2003 die Jugendseelsorge Zürich.

www.jugendseelsorge.ch