Tiefe Wunden eines Traumas
forum: Zunehmend werden auch in Europa Fälle von Âsexueller Ausbeutung bekannt. Es scheint, als wäre ein Damm des Schweigens gebrochen.
Christiane Weinand: Dem ist sicher so. Die IniÂtialzündung in den USA löste einen Welleneffekt aus, in dessen Zuge es nun viele Opfer wagen, an die Öffentlichkeit zu treten.
Dann laufen jetzt bei der Beratungsstelle mira die Telefonleitungen heiss?
Wir – ebenso wie die Opferberatungsstellen – erhalten in der Tat deutlich mehr Anrufe. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich nur ein kleiner Teil der grösstenteils männlichen Opfer an Opferberatungsstellen wendet, weil diese traditionell auf Frauen ausgerichtet sind. Männer haben häufig Mühe, sich als Opfer zu sehen. Die Retraumatisierung all jener, die mitbetroffen waren, jetzt aber keine therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ist ein grosses Problem. Sie werden mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, ohne fachgerechte Hilfe zu erhalten.
Was raten Sie den Opfern?
Sich auf jeden Fall spezifische Unterstützung zu holen, vor allem psychologische bei Opferberatungsstellen oder in privaten Therapien. Das Opferhilfegesetz ermöglicht Geschädigten die finanzielle Unterstützung. Traumatisierende Ereignisse wieder ins Bewusstsein zu lassen, ist extrem belastend und kann retraumatisierend wirken. Die Scham über das Erlebte ist meist enorm gross. Fragen tauchen auf: Will ich meinen Kummer jemandem anvertrauen? Will ich gegen das, was mir passiert ist, Schritte unternehmen? Anzeige erstatten heisst, polizeiliche Einvernahmen über sich ergehen lassen, den Prozess mitverfolgen auf die Gefahr hin, dass der Täter mangels Beweisen doch straflos bleibt. Bin ich als Opfer psychisch stabil genug, das Verfahren zu bewältigen, und ist mein Umfeld bereit, mir beizustehen? Fragen, mit denen ein Opfer alleine meist überfordert ist.
Wie kann den Opfern auf psychologischer ÂEbene geholfen werden?
Die Vorfälle müssen individuell aufgearbeitet werden. Viele Opfer schämen sich dafür, Opfer geworden zu sein. Sie werfen sich vor, nicht genug Widerstand geleistet zu haben. Die Einsicht, dass der manipulative Charakter der Situation, Abhängigkeitsverhältnisse und Vertrauensmissbrauch gar keine andere Reaktionsmöglichkeit zuliess, bietet eine wertvolle Klärung. Von grossem Nutzen ist auch die Gegenüberstellung von Täter und Opfer, bei der Täter die Möglichkeit erhält, sich zu entschuldigen. Für ein Opfer ist die Erkenntnis wichtig, keine Schuld an den Vorfällen zu tragen. Die Verantwortung liegt in jedem Fall beim Täter. Wenn sie dieser auch wirklich übernimmt, kann eine Art Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Damit wird nicht gutgemacht, was dem Opfer geschehen ist, aber es ermöglicht Vergebung.
Wie stehen Sie zu der Forderung, wonach bei sexueller Ausbeutung automatisch Anzeige erstattet werden soll?
Einen Anzeigeautomatismus lehne ich ab. Eine Strafanzeige soll nur in Kooperation mit dem Opfer eingereicht werden. Ansonsten kann der Schaden, der dem Betroffenen und seinem Umfeld zugefügt wird, grösser sein als der Nutzen einer Strafverfolgung oder Verurteilung des Täters. In vielen Fällen kann ein Opfer, das sich anfänglich aus Überforderung gegen eine Anzeige wehrt, durch Begleitung soweit gestärkt werden, dass es zur Anzeige schreitet. Bei einer Bereitschaft, den Prozess durchzuziehen und ausreichendem Beweismaterial ist eine Anzeige immer zu befürworten. Bei strafrechtlich nicht relevanten Grenzüberschreitungen müssen die Vorkommnisse in der betroffenen Institution mit Konsequenzen für die Beschuldigten weiterverfolgt werden.
Wie können Kinder und Jugendliche vor Übergriffen geschützt werden?
Einerseits müssen die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Sie brauchen ein starkes Selbstgefühl und eine stabile Bezugsperson, an die sie sich jederzeit vertrauensvoll wenden können.
Andererseits müssen sich Institutionen und Organisationen der Fragilität von Beziehungen bewusst sein. Es liegt an den Erwachsenen, Grenzen zu setzen. Ob eine Handlung schädigend oder harmlos ist, entscheidet das Kind, nicht der Erwachsene.
Die gesellschaftliche Erschütterung kann eine Chance für die Zukunft sein. Was müssen wir aus den Ereignissen lernen?
Wir müssen uns mit dem Thema Macht, dem Wert von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft und mit der Sexualität auseinandersetzen.
Sexualdelikte sind auch Machtdelikte. Das Sexualkonzept der katholischen Kirche ist sehr rigide und scheint keine Antworten zu geben auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Falls es der Kirche gelingt, sich beim Thema Sexualität neu zu positionieren und mit Aspekten wie Intimität, Respekt, Hingabe auch deren spirituellen Anteil zu betonen, kann das eine enorme Chance sein.
GESPRÄCH: PIA STADLER