Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 9, 2010 SOS Narrenschiff
GLOSSE

SOS Narrenschiff

Artikelaktionen
Weshalb berichtet eigentlich die Bibel nicht davon, wie sich Maria im Haushalt abgemüht hat?

Die Kirche macht Schlagzeilen und sofort wird die Klage laut: Die Medien berichten immer nur über Skandale! Dieses Jammern darüber, dass für Medienmacher nur «Bad News» als «Good News» gelten, ist weit verbreitet. Wer immer gerade negative Schlagzeilen macht, stimmt bereitwillig in dieses Klagelied ein: Die Radsportgruppe im Dopingsumpf, der Bankier im Bonusgerangel und der Bundesrat im Stimmungstief. Aber trifft diese Klage, die inzwischen selbst zum Schlagwort geworden ist, auch zu?
Wer die Mechanismen der Medien wirklich durchschauen will, der muss den feinen, aber notwendigen Unterschied zwischen Skandal und Sensation machen. Dass Medien mit Vorliebe über Sensationen berichten, das ist tatsächlich eine Gesetzmässigkeit. Das müssen aber nicht bloss negative Sensationen, eben Skandale, sein. Dankbare Schlagzeilen ergeben sich genauso aus positiven Sensationen wie dem WM-Sieg unserer U-17-Fussballer. Auch ein neues Zürichsee-Schiff, das ohne Pannen klaglos seinen Dienst versieht, wäre inzwischen bestimmt eine Sensation und damit eine zünftige Schlagzeile wert.
Das Wort «Sensation» leitet sich vom lateinischen Wort «sensus» ab und bedeutet Gefühl, aber auch Verstand. Eine Sensation ist also ein Ereignis, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, das unsere Aufmerksamkeit erregt und unser Denken auf Touren bringt.
Damit lässt sich natürlich die Klage modifizieren, so dass man sich weiterhin über die Medien ärgern kann, die immer nur über Sensationelles berichten wollen. Nur müsste man sich dann konsequenterweise auch über die Bibel ärgern, denn auch diese reiht eine Sensation an die andere. Von der Jungfrauengeburt wird geradezu reisserisch berichtet. Von einem geteilten Meer und von Jünglingen im Feuerofen. Marias Arbeit im Haushalt dagegen ist keine Zeile wert. Wie Josef Holz für seine Werkstatt besorgte, wird uns vorenthalten. Der Alltag ist nicht Thema der Bibel. Und er würde – ganz ehrlich – uns auch nicht auf Dauer fesseln. Wollen wir wirklich erfahren, wie Jakob mit seinen Söhnen über deren Ausgangszeiten gestritten hat? Oder wie die Frau des Potifar zur Pediküre ging?
Wir lesen die Bibel nicht, um all das zu erfahren, was wir ohnehin schon wissen und womit wir uns jeden Tag selbst abmühen. Wie es Alfred Hitchcock kurz und knapp formuliert hat: Die Menschen wollen im Kino nicht ihren Alltag, sondern ein Stück Kuchen vorgesetzt kriegen. Diese Erkenntnis lässt sich leicht in eine biblisch handfeste Sprache übersetzen: Wir wollen Manna nicht Brosamen!
Selbst im sensations-bescheidensten Bericht aus dem Pfarreileben interessiert uns das Aussergewöhnliche und nicht der Alltag, so positiv er auch verlaufen mag. Das ist, nebenbei bemerkt, auch ganz gut so, denn der Drang, Sensationelles zu produzieren, um damit in den Medien zu landen, ist gefährlich. Deshalb sollte man eine einfache Faustregel aus der Politik beherzigen: Je mehr offene Mikrofone hingehalten werden, desto mehr ärgerlicher Schwachsinn wird ­hineingeredet. Deshalb ist die vernünftigste und wirkungsvollste Politik jene, die auf lokaler Ebene in den Gemeinden geschieht. Darüber wird dann zwar nicht berichtet, aber das alltägliche Gute existiert glücklicherweise auch dann, wenn nicht darüber berichtet wird.

THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen