Verstehen hilft akzeptieren
 Im Gemeinschaftsraum der muslimischen Moschee von Dietikon sitzen die Frauen an drei Tischen verteilt. Man hört albanisch, türkisch, französisch und deutsch. Die Gesprächsleiterinnen führen sanft, aber bestimmt das lebhafte Gespräch zu einem Ziel. Mehr Spielflächen für Kinder sollte das Dietikon ihrer Träume haben, weniger Gewalt unter Jugendlichen, ein Naturschutzgebiet, ein autofreier Markt und eine gute kulturelle Mischung unter den Bewohnerinnen und Bewohnern, so dass man nicht Angst vor den Fremden zu haben braucht. Dazu würde sicher helfen, wenn alle ausreichend Deutsch sprechen lernen und es wieder eine Anlaufstelle für Fremdsprachige gäbe.
Bereits zum dritten Mal findet in Dietikon das muslimisch-christliche «Erzählcafé» für Frauen statt. «Die ersten beiden Male Âwaren wir im Saal der katholischen Pfarrei St. Agatha», erzählt Mitinitiantin Cennet Sönmez, Kommunikationsbeauftragte der Islamischen Gemeinschaft Dietikon. «Unsere Arbeitsgruppe ‹Dialog Christentum – Islam Dietikon› gibt es jedoch bereits seit 2007», wirft Monika Hemri von der katholischen Kirchgemeinde ein. Insgesamt acht Personen bilden diese Arbeitsgruppe. Sie kommen aus der reformierten und der katholischen Kirchgemeinde, dem Schweizerisch-Islamischen Verein und der albanisch- sowie der türkisch-islamischen Glaubensgemeinschaft. «Wir haben öffentliche Besuche bei der je anderen Glaubensgemeinschaft organisiert», fährt Cennet Sönmez fort. So wurden alle Interessierten ins muslimische Opferfest eingeführt, während im Gegenzug die katholische Kirche mit all ihren Symbolen und Bildern vorgestellt wurde. Ein grosser Erfolg war das Grill- und Kinderfest vom letzten Sommer. In fröhlicher Atmosphäre sei man sich begegnet, habe geplaudert und die Kinder mit vielen Spielen unterhalten, erinnern sich die Frauen. «In den beiden bisherigen Erzählcafés hatten wir Referentinnen, mit denen wir anschliessend diskutierten», sagt Monika Hemri. Das heutige Erzählcafé sei das erste, bei dem von Grund auf mit den anwesenden Frauen ein Thema erarbeitet werde.
TRÄUME VERWIRKLICHEN
Nach der Pause mit türkischem Tee und orientalischen Süssigkeiten geht es sogleich weiter. Die Frauen werden aufgefordert, ihre Träume auf Plakate zu notieren: Günstige Deutschkurse – Lehrstellen für alle, mehr Raum für Kinder, mehr Respekt, weniger Vorurteile … und nun bekommen die Gruppen eine klare Aufgabe: sie müssen sich für einen ihrer Wünsche entscheiden. Und nicht genug: als Nächstes überlegen sich die Frauen, ob sie etwas zum Umsetzen dieser Träume anpacken könnten. «Etwas kleines, Konkretes können wir entstehen lassen», ist Cennet Sönmez überzeugt. Und tatsächlich: am ersten Tisch beschliessen die Frauen, einen Brief an die Stadt zu entwerfen mit der Bitte, das Schwimmbad im Sommer einmal pro Woche zwei Stunden nur für Frauen mit ihren Kindern zu reservieren.
OFFEN MITEINANDER SPRECHEN
Die beiden anderen Gruppen möchten weitere christlich-muslimische Treffen – am liebsten monatlich – beziehungsweise wieder ein Sommerfest für alle organisieren. «Da sind wir von der Arbeitsgruppe jedoch mit der Organisation überfordert», wirft Monika Hemri ein. «Wir helfen mit organisieren», ist die Antwort der Frauen. Und sogleich wird ein Termin zum Projektstart abgemacht. Bereits geplant ist das Podiumsgespräch vom 21. April zum Thema «Christen und Muslime – was erwarten wir voneinander?» – «Gerade nach der Minarettinitiative ist es wichtig, dass wir offen miteinander sprechen», unterstreicht Monika Hemri.
Auch wenn das «Erzählcafé» offiziell beendet ist, so bleiben einige Frauen noch sitzen und diskutieren weiter. «Ich bin von Anfang an dabei», erzählt Lilly Wüest. «Hier in Dietikon leben wir mit vielen Muslimen zusammen. Ich will diese Leute besser verstehen, damit ich sie auch annehmen kann. Ich habe durchaus Schwierigkeiten mit dem einen oder anderen – wenn ich jedoch die Gründe kenne, kann ich besser damit umgehen.» Es gebe auch Fragen, die offenbleiben, Probleme, die ungelöst sind. «Doch ich konnte mit vielen Verantwortlichen der muslimischen Gemeinschaften reden. Im Prinzip wollen beide Religionen, Islam wie Christentum, das Beste für die Menschen, für unsere Zukunft. Nur sind die Wege dazu nicht immer die gleichen!», meint sie.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER