Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 9, 2010 Barocke Farben und ein gotischer Flügelaltar
Renovation der Kirche St. Martin im bündnerischen Lumbrein

Barocke Farben und ein gotischer Flügelaltar

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FOTOS: CHRISTOPH WIDER
32 Kirchen und Kapellen setzen architektonische Akzente im Lugnerz. Unter ihnen auch die ­Pfarrkirche St. Martin in Lumbrein. Mit Hilfe eines Beitrags aus der Spende der Zürcher Katholiken wird sie derzeit renoviert. Ein Augenschein vor Ort.

Stolz und schlicht erhebt sich die Kirche St. Martin über dem 450-Seelendorf Lumbrein auf 1400 Metern über Meer im Val Lumnezia. Einzig die zwiebelförmige Haube des Kirchturms verrät die barocke Anlage. Das 1345 erstmals erwähnte Gotteshaus geht auf einen Bau aus dem 11. Jahrhundert zurück. Die heutige Kirche wurde 1646/47 quer zum mittelalterlichen Bau neu erstellt. Seit der letzten Renovation vor vierzig Jahren waren sowohl an der Fassade wie im Innenraum gravierende Schäden sowie starke Verschmutzungen entstanden. Auch die unzeitgemäs­sen Heizungs- und elektronischen Anlagen mussten ersetzt werden. Vor allem aber ­störte die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher die dunkelgraue Wandfarbe, welche dem Kirchenraum eine düstere Stimmung verlieh.

GROSSZÜGIGE ZÜRCHER SPENDE
«Die Gemeinde fühlte sich einfach nicht mehr wohl in ihrer Kirche, zudem mussten Massnahmen ergriffen werden, um das wertvolle Kulturerbe zu erhalten», erklärt Architekt Bruno Indergand, der mit 30 renovierten Sakralbauten seit 1975 auf eine reiche Erfahrung zurückgreifen kann. Ein in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege, der Kirchgemeinde, der Baukommission und den Restauratoren erstellter Bericht zeigte einen Investitionsbedarf von weit über einer Million Franken. Nach Beiträgen von Kanton und Landeskirche Graubünden, Bund, Gemeinde und Kirchgemeinde verblieb ein Fehlbetrag von über 300 000 Franken. Ein Gesuch brachte Unterstützung aus Zürich: Aus der Spende der Zürcher Katholiken 2009 wurden 45 000 Franken an Lumbrein ausbezahlt.
«Die grosszügige Spende deckt 10 Prozent der Innenrenovationskosten. Ohne sie hätten wir das Projekt wahrscheinlich zurückstellen müssen», sagt Paul Solèr, Präsident der Baukommission. Die Renovation des Innenraums wurde im November 2009 fertig gestellt. Mit dem Resultat zeigen sich sowohl Paul Solèr wie auch Kirchgemeindepräsident Alexander Casanova äusserst zufrieden. Als Schmuckstück bezeichnen sie ihre Kirche, als Ort der Freude, der nun dank besseren Fenstern und effizienterer Heizung auch auf die Umwelt Rücksicht nehme. Auch die Lumbreiner Katholikinnen und Katholiken geniessen den jetzt hellen, in Weiss, Ocker, Altrosa und Türkis erstrahlenden, reich bemalten Kirchenraum.

WERTVOLLES KULTURGUT
«Ich mache Öffentlichkeitsarbeit im besten Sinne», sagt Bruno Indergand. «Ich bewahre jahrhundertealtes Kulturgut und übergebe der Bevölkerung ein renoviertes Bauwerk, mit dem sie sich über Jahre hinweg identifizieren können.»
Der Weg zum überzeugenden Resultat erforderte jedoch Geduld, Fachkenntnis und ein Gespür für die Anliegen der Bevöl­kerung. Seit April letzten Jahres wurden ­Innenwände und Gewölbe im Trockenverfahren gereinigt, Dispersionsfarbanstriche abgelaugt, neue Farbanstriche aufgetragen und sämtliche Dekorationsmalereien retouchiert. Entlang der Wände erstellte man  Lüftungsgräben, um weiteren Feuchtigkeitsschäden vorzubeugen. Unter den Bänken wurde ein neuer Lärchenholzboden mit Unterlüftung eingebaut, und die alten Eisenfenster wurden durch solche aus Lärchenholz und Spezialverglasung ersetzt. Heizung, Beleuchtung und Beschallung sind nun computergesteuert. Details, die den ­Architekten besonders freuen, sind die
zwei kleinen barocken Engel und das ewige Licht, die im Pfarrhaus gefunden und jetzt wieder in den Kirchenraum integriert ­wurden. «Eine Renovation ist oft auch ein ­spannendes Puzzlespiel», schmunzelt Bruno ­Indergand.

ALTARFLÜGEL ERSTEIGERT
Zu einer aufwändigen Angelegenheit wird dieses Puzzlespiel im Falle des spätgotischen Flügelaltares, der in die Krypta der Pfarrkirche rückgeführt werden soll. Nachdem 1942 der damalige Lumbreiner Pfarrer die zwei Altarflügel an einen Händler verkauft hatte, konnte die Gemeinde die Bildtafeln 53 Jahre später zurückersteigern. Der Schrein, der lange Zeit in der benachbarten Kirche St. Andriu stand, wird seit deren Restauration in einem Atelier aufbewahrt. Die dazugehörigen Figuren wurden inzwischen in den Hochaltar zweier Kirchen der Umgebung eingebaut. Von ihnen werden nun Kopien erstellt, die zusammen mit den ersteigerten Tafeln und dem Schrein zum Altar zusammengebaut werden sollen. Einzig die Zentralfigur – wahrscheinlich eine Darstellung des heiligen Sebastian – muss völlig neu in Auftrag gegeben werden. «Der Flügelaltar als wertvolles Zeugnis spätgotischer Heiligenverehrung und Bereicherung der Bündner Kulturlandschaft ist sicher die grösste Herausforderung der gesamten Kirchenrenovation», erklärt Bruno Indergand. Bis zum Einbau wird es Sommer werden. Und bis dahin wird auch die eben begonnene Aussenrenovation beendet sein. Die Kirchgemeinde freut sich schon jetzt auf die Neueinweihung ihrer Pfarrkirche.

PIA STADLER

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