«Auf Reue und Vergebung zu setzen, ist naiv»
forum: Die Meldungen über neu bekannt gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester und Ordensleute reissen nicht ab. Erstaunt Sie die Häufung der Fälle?
Frank Urbaniok: Nein, sie erstaunen mich nicht. Es gibt situative Faktoren, die Grenzüberschreitungen begünstigen: eine starke Asymmetrie in der Machtverteilung, Intransparenz, geringe Entdeckungs- sowie Bestrafungswahrscheinlichkeit. Wir finden diese Grundkonstellation bei Inzestfällen in Familien – und eben auch im kirchlichen Umfeld. Bei Inzesttaten muss einer Dunkelziffer von bis zu 90 Prozent ausgegangen werden. Was wir jetzt im kirchlichen Umfeld sehen, ist daher wohl nur die Spitze des Eisberges.
In der «Internationalen Klassifikation psychischer Störungen» der WeltgesundheitsorganiÂsation WHO wird Pädophilie als «Störung der Sexualpräferenz» aufgeführt und als sexuelle Ausrichtung auf vorpubertäre Kinder beschrieben. Wo liegen die Ursachen dieser Krankheit?
Das weiss man nicht. Sicher ist, dass Pädosexualität wie Hetero- oder Homosexualität eine Veranlagung ist, die in den prägnanten Typen sehr früh angelegt und dann nicht mehr veränderbar ist.
Wie nehmen Betroffene ihre Situation wahr?
Viele Pädophile erkennen ihre grundsätzliche Beziehungsausrichtung auf Kinder hin – die Sexualität ist nur ein Teil davon – sehr früh. Ähnlich wie bei der Homosexualität gehen die Betroffenen dann unterschiedlich damit um: Während die einen ihre Neigung durch den Kontakt mit Gleichaltrigen zu verdrängen suchen, nehmen andere ihre Pädophilie als Identität an. Ihre Vorstellungen sind nicht gewalttätig – und durch ihre kognitive Verzerrung sehen sie nichts Schlechtes in ihrer Beziehung zu Minderjährigen, weil sie davon ausgehen, dass es nicht gegen deren Willen geschieht.
Seit wann weiss man um die krankhafte ÂStruktur der Pädophilie?
Als Sexualstörung wurde die Pädophilie gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben.
Das wissenschaftliche Know-how verbunden mit der Entwicklung moderner Risikobeurteilungsfaktoren und Therapien ist aber erst in den letzten 20 Jahren entstanden.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es – und wie gross sind die Erfolgschancen?
Die heutige deliktorientierte Therapie ist in der Lage, die Rückfallwahrscheinlichkeit eines Pädosexuellen stark zu senken, seine grundlegende sexuelle Präferenz ändern kann sie nicht. In Gruppen lernen die Betroffenen ihr Verhalten zu analysieren, unbewusste Mechanismen ins Bewusstsein zu holen, kognitive Verzerrungen aufzulösen, sich in ihre Opfer einzufühlen und alternative Strategien für den Umgang mit ihrer Sexualität zu entwickeln. Eine gute Therapie kann sehr erfolgreich sein. Es ist jedoch ein langjähriger Risikomanagement-Prozess, bei dem es ein Nullrisiko nicht gibt.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen ÂZölibat und Pädophilie?
Den Zölibat als Ursache für die sexuellen Übergriffe in der Kirche zu sehen, wäre zu kurz gegriffen. Grundsätzlich muss zwischen verschiedenen Gruppen von Personen, die sexuelle Missbrauchshandlungen an Minderjährigen vornehmen, unterschieden werden. Da sind einerseits die Kern-Pädosexuellen, die von frühester Jugend an auf präpubertäre Kinder ausgerichtet sind. Dann gibt es die Kompensations-Pädosexuellen, die nicht grundsätzlich auf Kinder stehen, aber mangels Möglichkeiten, Sexualität mit Erwachsenen zu leben, auf Minderjährige ausweichen. Und schliesslich sind noch die Personen zu nennen, die dissozial sind und sich nehmen was sie brauchen, wo und wann auch immer.
Für den kirchlichen Bereich wichtig sind sicher die Kern-Pädosexuellen, die sich von einem Umfeld angezogen fühlen, wo sie den Kontakt zu Kindern in einer sehr geschützten Situation pflegen können. Und dann vor allem die Kompensationstäter, bei denen sich die Sexualität auf Grund des Zölibats bei Minderjährigen Bahn bricht.
Welche Erkenntnisse lassen sich für die Kirche aus den vergangenen Geschehnissen und der Âaktuellen Debatte ziehen?
Das Thema Sexualität muss transparenter und ansprechbarer werden in der Kirche. Tabuisierung und Schuldbesetzung fördern Übergriffe. Wo es zu Grenzüberschreitungen kommt, müssen diese offengelegt werden. Es darf keine rechtsfreien Räume geben in unserer Gesellschaft. Straftaten sind zu bestrafen, und zwar durch die Justizbehörden. Aus ihrer Glaubenshaltung heraus fokussiert die Kirche zu stark auf Schuld, Einsicht und Vergebung. Das ist generell bei Straftaten, vor allem aber im Falle der sexuellen Ausbeutung naiv. Wichtig ist nicht die Schuld in der Vergangenheit, sondern das Risiko des Täters, in der Zukunft wieder rückfällig zu werden.
Befürworten Sie einen Anzeigeautomatismus?
Wo es Grenzverletzungen und damit Täter und Opfer gibt, müssen wir uns auf die Seite der Opfer stellen und deren Interessen vertreten. Die Anzeige ist der beste und sauberste Weg, weil problematische Grauzonen vermieden werden.
Nun raten aber gerade Opferberatungsstellen den Opfern aus Angst vor einer Retraumatisierung von einer Anzeige ab.
Das kann ich im Augenblick nachvollziehen. Aber das ist ein Armutszeugnis für unser Justizsystem, mit dem wir uns nicht abfinden dürfen. Es gilt, im Strafprozess Bedingungen zu schaffen, die das Opfer im Verfahren stärken und vor Retraumatisierung schützen.
GESPRÄCH: PIA STADLER
Frank Urbaniok ist seit 1997 Chefarzt des ÂPsychiatrisch-Psychologischen Dienstes im ÂJustizvollzug des Kantons Zürich.