Ruhe im Sturm
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FOTO: SAMMLUNG E.G. BÜHRLE/ZVG
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 Die Sammlung Bührle zählt zu den bedeutendsten privaten Kunstsammlungen der Welt. Unter dem Titel «Van Gogh, Cézanne, Monet» bietet sie eine eindrucksvolle Zusammenschau französischer Malerei des 19. Jahrhunderts, wie sie in vergleichbarer Konzentration nur im Musée d’ Orsay in Paris zu sehen ist. Zu den berühmtesten Gemälden, die jetzt im Kunsthaus zu sehen sind, zählen Van Goghs «Sämann mit untergehender Sonne», Claude Monets «Mohnfeld bei Vétheuil» und Paul Cézannes «Selbstbildnis».
Für das Kunsthaus Zürich ist diese Ausstellung eine Generalprobe. Rund 180 Gemälde und Skulpturen der seit einem Raubüberfall 2008 nur beschränkt zugänglichen Privatsammlung sollen bis 2015 in die Kunsthaus-Erweiterung einziehen. Durch die Verbindung der Sammlung Bührle mit dem Kunsthaus soll das neben Paris bedeutendste europäische Zentrum für französischen Impressionismus entstehen.
Diskussionen waren zuletzt noch um die Herkunft mancher Gemälde entstanden. Der Industrielle Emil Georg Bührle (1890 – 1956), der ursprünglich Kunstgeschichte studiert hatte, sein Studium bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs aber abbrach, wurde 1936 Inhaber der Schweizer Waffenexportfirma Oerlikon-Bührle. 1942/43 verkaufte die Galerie Fischer Luzern einige Werke an Bührle, bei denen sich später herausstellte, dass sie widerrechtlich von deutschen Besatzungsbehörden in Frankreich beschlagnahmt und in die Schweiz transferiert worden waren. Den später gerichtlich festgestellten Eigentümern kaufte Bührle die Werke ein zweites Mal ab, sodass ihre Herkunft heute als unbedenklich zu gelten hat.
Stark präsent in der Sammlung Bührle ist der Romantiker Eugène Delacroix (1798 – 1863), eine Leitfigur der franzöÂsischen Malerei in der ersten Hälfte des Â19. Jahrhunderts. Eines seiner berühmtesten Ölbilder zeigt das biblische Motiv «Le Christ endormi dans la tempête» (Christus auf dem See Genesareth, 1853). In Anlehnung an die neutestamentliche Erzählung von der Stillung des Seesturms (Markus 4,35 – 41) zeigt Delacroix Jesus an Bord eines Schiffes, das mitten auf dem See Genesareth in einen Seesturm gerät und unterzugehen droht. Während die Jünger ängstlich um ihr Leben fürchten, liegt Jesus im Bug des Schiffes und schläft. Interessanterweise konzentriert sich Delacroix nicht auf die verängstigten Jünger, die gerade ihren Herrn aufwecken. Die Aufmerksamkeit gilt vielmehr der Darstellung der Wellen und des sturmaufgewühlten Sees. Sie erlauben es Delacroix, jene dramatischen Effekte einzusetzen, die seine Malerei vom statischen Stil der neoklassizistischen Schule unterscheiden sollte.
Wie das Gemälde ist auch die biblische Textvorlage im Markusevangelium von höchster Dramatik: Das nächtliche DrausÂsensein auf dem stürmischen See wird für die Jünger zur lebensbedrohlichen Situation. Die Erzählung erinnert an die alttestamentlichen Erzählungen von der Bedrängnis des Noach durch die Sintflut und die wunderbare Rettung der Arche durch Gott (Genesis 7). Auch der Tiefschlaf des Jona im Bauch des Schiffes (Jona 1,5) darf als literarisches Vorbild gelten. Auf der Flucht von Tarschisch schläft Jona wie Jesus in gelassenem Vertrauen mitten im Sturm. Eindrucksvoll wird parallel die Angst der heidnischen Seeleute bei Jona und die der Jünger Jesu beschrieben (Markus 4,41).
Das deutsche Wort «Angst» hängt mit dem lateinischen «angustia» zusammen, das so viel wie «Enge» bedeutet. Es weist auf jenes die Brust einschnürende Gefühl hin, das bei Angstzuständen oft direkt körperlich spürbar ist. Die Jünger meinen vor lauter Angst, das Boot sei schon am Sinken und protestieren aufgebracht: «Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?» Die Bibel stellt den ängstlichen Jüngern die Glaubenskraft Jesu entgegen, der trotz aller Turbulenz ruhig bleibt und mit dieser Ruhe am Ende auch die aufgewühlten Wellen zum Schweigen bringt.
Manchmal erleben wir auch heute echte Bedrohungen. Oft genug sind aber auch selbst gemachte Ängste daran schuld, wenn «der See um uns herum tobt». Wenn es uns gelingt, trotz vieler Belastungen gelassen zu bleiben und das Vertrauen nicht zu verlieren, dann kehrt Ruhe in uns ein. Wer trotz vieler Besucher im Kunsthaus Zürich vor DeÂlacroix zu stehen kommt, der kann das im Kleinen schon einmal ausprobieren.
CHRISTIAN CEBULJ
«Van Gogh, Cézanne, Monet» Die Sammlung Bührle zu Gast im Kunsthaus Zürich. Noch bis 16. Mai 2010. Öffnungszeiten: Sa/So/Di 10 – 18 Uhr, Mi/Do/Fr 10 – 20 Uhr, montags Âgeschlossen. 1. – 5.4. / 12. – 13.5. 10 – 18 Uhr. Eintritt: Fr. 18.– (reduziert Fr. 12.–). Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, 8001 Zürich, www.kunsthaus.ch