Neues Schaffen aus innerer Notwendigkeit
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FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER
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 Das Atelier in Büren, einen Steinwurf von der Aare entfernt, könnte malerischer nicht sein. Ein zweigeschossiger Bau in wildem Garten mit Blick auf den Fluss – die hohen Räume gefüllt mit grossflächigen Schwarz-Weiss-Skizzen, detailliert ausgeschafften kolorierten Entwürfen und einer Fülle von Miniaturen, die von einer intensiven 60-jährigen Tätigkeit zeugen. «Wenn immer sich mir eine Aufgabe stellt, versuche ich aus innerer Notwendigkeit etwas Neues, noch nicht Dagewesenes zu schaffen», erklärt Peter Travaglini, der sich selbst nicht gerne Künstler nennt, sondern es vorzieht, als «freischaffender Macher» bezeichnet zu werden, oder als «Materialist», weil er mit Materialien arbeitet. Das Handwerk ist ihm wichtig, die souveräne Beherrschung unterschiedlichster Techniken und Materialien. Bewusst zieht er zwischen Kunst und Kunsthandwerk ebenso wenig eine Grenze wie zwischen Auftragskunst und freier Kunst. Die verschiedenen Bereiche befruchten sich in seinem vielfältigen Werk gegenseitig.
1927 in Büren an der Aare geboren, absolvierte er von 1943 bis 46 eine Maler- und Gipserlehre und besuchte die Kunstgewerbeschule in Vevey. Von 1946 bis 49 bildete er sich an der Kunstakademie Brera in Mailand weiter und reiste zu Studienzwecken in Italien, Frankreich und Deutschland. Als er 1950 bereits verheiratet in die Schweiz zurückkehrte, war er erst einmal froh, sich tagsüber durch die Mitarbeit im väterlichen Betrieb den Lebensunterhalt zu verdienen, nur um sich nachts umso intensiver der Kunst zu widmen. «Eine anstrengende Zeit», erinnert sich Peter Travaglini. Von der Kunst zu leben, war nie einfach. Schon gar nicht mit Familie. Peter Travaglini gelang das Kunststück mit Frau und sieben Kindern. Darauf ist er auch heute noch stolz.
Peter Travaglini begann als Maler gegenständlicher Richtung, näherte sich in den 60er Jahren dann aber tachistischen und Âabstrakt-expressiven Zeitströmungen. Der Auftrag für ein monumentales Betonglasfenster für die römisch-katholische Kirche in Lyss wurde 1958 zum Auftakt einer langen Reihe Werke für den öffentlichen Raum.
GEFÜHLE DES GLAUBENS
«Ich fühlte mich enorm geehrt, im Alter von 31 Jahren diesen Wettbewerb gewonnen zu haben», erklärt der Künstler. «Oft habe ich im Atelier geschlafen, um Tag und Nacht am 150 Quadratmeter grossen Betonglasfenster arbeiten zu können.» Es war seine erste Arbeit mit Glas, das zudem nicht, wie traditionell üblich, in Blei gefasst, sondern mit Beton gestaltet wurde. «Eine Huldigung an Maria sollte es für die Lysser Marienkirche sein, das lag auf der Hand», erklärt Peter TravaÂglini. «Die Mutter Gottes mit dem Kind, die Taube und der Fisch: Ich wollte Zeichen schaffen, die in ihrer farbigen Strahlkraft den Betrachtenden berühren. Er soll die Worte zu meinen Bildern finden.» Seine leuchÂtende Farbigkeit hat das Glasfenster, das die Rückwand der Kirche bildet, nach 50 Jahren ebenso wenig verloren wie seine klare Bildsprache. «Sakrale Kunst zu schaffen erachtete ich stets als etwas sehr Wertvolles, weil ich dadurch meine Gefühle des Glaubens ausdrücken und weitergeben konnte», betont Peter Travaglini. Über 20 Kirchen hat er seit Lyss gestaltet. Dazu kommen mehr als 100 Brunnen und weitere 200 Objekte für den öffentlichen Raum.
Als einer der wichtigen Schweizer Vertreter der Pop-Art hat Peter Travaglini ganz zu sich selbst gefunden. In seiner unverwechselbar-persönlichen Weise blieb er seiner Bildsprache unbeirrt vom Wechsel der Kunstmoden im Wesentlichen auch in einem veränderten Umfeld treu. Inspiration lieferte ihm neben der geistigen Welt auch das ganz Alltägliche. Schweizer Uhr und Käse konnten ebenso zum Kunstobjekt werden wie Ravioli, Tortellini oder Reissverschlüsse. Sie wurden in Alu gegossen, aus Granit Âgehauen, in Linol oder Holz geschnitten. ÂTriviales transformiert Peter Travaglini zu Aussergewöhnlichem. Er verändert Dimensionen, überlistet durch ungewohnte MateÂrialisierung Eigenschaften von vertrauen Objekten. «Reine Lust am Experiment, am Spiel», sagt er. Unbefangen wie dem Alltagsgegenstand näherte sich Peter Travaglini auch dem Mythos. An der Ausstellung «Tell 73» war er mit seiner schwimmenden Monumentalplastik des Apfelschusses in der ganzen Schweiz präsent. «Seither gehört ‹Wilhelm Tell› zu meinen Lieblingsgeschichten», schmunzelt der Künstler. In der Tat ist er ein grosser Erzähler, nicht nur in Bildern, sondern auch in Worten.
Im Zentrum seines Schaffens steht für Peter Travaglini stets der Mensch. Das Markenzeichen des Bildhauers und Plastikers ist seit den 60er Jahren die scherenschnittartig typisierte menschliche Figur, die als «Etui-Mensch» von ihrer Gussform abhängt, häufig in mehrfacher Ausführung hintereinander geschichtet: der Einzelne und die Masse. Als Granit- oder Betonfiguren stehen, gehen oder sitzen sie auf öffentlichen Plätzen, Männer und Frauen, je unterschiedlich gruppiert. Mit über 40 überlebensgrossen Betonfiguren gestaltete Peter Travaglini 1983 auch die Umgebung der Strafanstalt Witzwil und setzte dabei so weit als möglich die Gefangenen selbst als Mitarbeiter ein. «Ein Lernprozess für alle Beteiligten», wie er betont.
Mit bald 83 Jahren blickt der Künstler auf ein umfangreiches Schaffen in fast sämtlichen denkbaren Techniken zurück. Seine Werke, sagt er, hätten auch aus Distanz betrachtet an Kraft behalten. «Ich habe mich immer bemüht, zu machen, was ich muss – und es bestmöglich zu machen. Ich mache l’art pour l’homme – und nicht pour l’art.» Den Blick auf die Aare geniesst er noch immer jeden Tag aufs Neue. Er regt zu weiterem Tun an.
PIA STADLER
Weitere Informationen zu Peter Travaglini www.sokultur.ch