Unvollkommen mutig
Ich erwarte vom Heiligenkalender nicht Vollkommenheit, sondern Herausforderung. Eine solche Herausforderung ist Clemens August Kardinal Graf von Galen, der am 16. März 1878 als elftes von 13 Kindern im westfälischen Münster in ein uraltes deutsches Adelsgeschlecht hineingeboren wurde.
Diese Welt des deutschen Hochadels ist mir vollkommen fremd: Ein Vorfahre von Galens war bereits im 17. Jahrhundert Fürstbischof von Münster gewesen, sein Grossonkel war der bekannte Sozialbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, und später sollte von Galen als junger Priester dem eigenen Onkel, der in Münster Weihbischof war, zur Hand gehen.
Bevor sich von Galen dazu entschlossen hatte, Priester zu werden, war er einige Zeit als Philosophiestudent in Freiburg (Schweiz) eingeschrieben, 1899 setzte er sein Studium in Innsbruck fort und 1903 wechselte er ans Priesterseminar in Münster. Nach seinen ersten Schritten als Vikar war von Galen 23 Jahre lang als Seelsorger in Berlin tätig. Immer wieder äusserte er sich selbstbewusst zu politischen Themen, warb zu Beginn des Ersten Weltkrieges für den freiwilligen Kriegsdienst, unterstützte Paul Hindenburg bei der Wahl zum Reichspräsidenten, traf sich oft mit dem Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII.
Schon zu Schulzeiten wurde bei von Galen «vollständige Unfehlbarkeit» festgestellt: «Um keinen Preis ist er dazu zu bringen zuzugestehen, dass er im Unrecht ist.» Als er über vierzig Jahre später vom Domkapitel in Münster auf die Vorschlagsliste zur Bischofswahl gesetzt wurde, lehnte ihn Rom zunächst ab, weil er arrogant, starrsinnig und elitär sei. Erst als gleich zwei Kandidaten auf das Amt verzichteten, rutschte von Galen doch noch in den Kreis der Wählbaren nach und wurde 1933 zum Bischof von Münster gewählt.
Der Aristokrat von Galen wäre mir wohl nicht auf Anhieb sympathisch gewesen. Er war zudem stramm deutschnational. Als die Deutschen 1941 die Sowjetunion angriffen, sah er darin einen geradezu noblen Feldzug gegen die «Pest des Bolschewismus». Gegen die Judenverfolgung hat er nie explizit Stellung genommen. Und nach dem Krieg hat er seine Landsleute allzu sehr geschont.
Und doch kann ich von Galen nicht einfach abhaken, denn bereits in seinem ersten Hirtenbrief zu Ostern 1934 griff er die NS-Ideologie an. Von Galen liess eine Entgegnung auf die Rassenideologie der Nazis in seinem Amtsblatt als offizielle Stellungnahme veröffentlichen. Er wandte sich gegen die leise Diplomatie der Bischöfe und forderte die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Im Sommer 1941 schliesslich hielt er innerhalb von 3 Wochen jene drei Predigten, die ihn zum «Löwen von Münster» machten. Von der Kanzel herab geisselte er öffentlich den Unrechtsstaat, beklagte die Feigheit und Ängstlichkeit der Bevölkerung und forderte ein neues Rechtsbewusstsein. In der dritten Predigt machte er das Euthanasieprogramm der Nazis öffentlich und rief dazu auf, gegen die Vernichtung des sogenannt «unwerten» Lebens zu protestieren. Die Predigten wurden abgeschrieben und verbreiteten sich in Windeseile. Von Galen kam wahrscheinlich nur deshalb ungeschoren davon, weil Goebbels keinen katholischen Märtyrer wollte.
Es ist leicht – vor allem aus sicherer zeitlicher Distanz – den Finger auf all jene Punkte zu legen, die an einer Persönlichkeit zweifelhaft erscheinen. Von Galens Leben besteht wie das Leben eines jeden Menschen aus viel Stückwerk und manchem Irrweg. Aber wenn Selige zu Menschen werden, gerade dann beginnen sie mich herauszufordern. Der Mut von Galens wird erst dadurch zur Anfrage an mich selbst.
THOMAS BINOTTO