SOS Narrenschiff
Zensur ist eine Frage des Blickwinkels. Ich wurde in den letzten Wochen gleich zweimal in Leserbriefen aufgefordert, Zensur zu üben. Das eine Mal hätte ich die hässlichen Schlagzeilen aus Deutschland verschweigen oder zumindest schönreden sollen. Das andere Mal wurde mir angeraten, dem Bischof von Chur einen Maulkorb zu verpassen. Ich gehe davon aus, dass die beiden Aufforderungen aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Kreisen kommen, die sich gegenseitig gar nicht grün sind. In einem Punkt waren sie sich jedoch erstaunlich einig: In der Aufforderung nämlich, all das auszublenden, was uns unangenehm ist und dem Image der Kirche schaden könnte. Unsere Leserschaft soll offenbar vor der Missbrauchsdebatte genauso bewahrt werden wie vor unbeholfenen Hirtenbriefen.
Mit dieser Art von scheinbar fürsorglicher in Wirklichkeit aber manipulativer LeÂserführung kann ich allerdings nichts anfangen. Sie missachtet nämlich einerseits, dass Katholischsein immer noch eine umfangreiche Palette von Meinungen zulässt. Und sie endet immer damit, dass man sich zum Oberlehrer aufschwingt, zum heimlichen Lehramt mit der Lizenz zur Schwärzung.
Das ist gewissermassen mein theoretischer Überbau. Wie sieht es aber in der Praxis aus? Was würde beispielsweise passieren, wenn wir die Debatte in Deutschland einfach ignorierten? Oder noch dreister: Wenn wir ausgerechnet jetzt eine idyllische Reportage vom fröhlichen Internatsleben hinter Klostermauern publizierten? Der Bumerang würde uns mit so brutaler Wucht gegen den Kopf knallen, dass uns die Gegenpropaganda für lange Zeit vergehen würde! Auch wenn klar ist, dass nicht in jedem katholischen Internat Sodom und Gomorra herrschen oder geherrscht haben; und auch wenn ich am eigenen Leibe weiss, dass nicht jede Ohrfeige der letzten 50 Jahre zu einem Trauma geführt hat, so ist der Zeitpunkt doch denkbar schlecht gewählt, ausgerechnet jetzt auf heile katholische Welt zu machen. Ganz abgesehen davon macht man mit Zensur jeden Anspruch auf Wahrhaftigkeit zunichte.
Aus anderen Gründen heikel wäre es gewesen, den Brief von Bischof Vitus Huonder an die Jugend nicht abzudrucken. Erstens, weil ich der Überzeugung bin, dass wir in Âeinem Pfarrblatt dem Diözesanbischof die Möglichkeit einräumen müssen, sich hin und wieder direkt an die Gläubigen zu richten. Zweitens, weil ich sein Schreiben inhaltlich und sprachlich für sehr problematisch halte – und zwar nicht nur für Jugendliche. Aber darf ich den Bischof wirklich zensurieren, nur weil ich mir als Vater von vier Kindern nicht vorstellen kann, dass er mit seinem Schreiben Jugendliche und ihre Eltern erreicht? Bin ich des Bischofs Hüter oder gar dessen unbestellter Hofpädagoge? Wenn wir den Hirtenbrief nicht bringen, provozieren wir lediglich die Schlagzeile «Pfarrblatt zensuriert Bischof». Wenn wir den Brief jedoch abdrucken, erhält unsere Leserschaft immerhin die Gelegenheit, sich aus erster Hand ein Bild des Bischofs und seines Denkens zu machen. Ich halte unser Publikum für reif genug, daraus seine eigenen Schlüsse ziehen zu können. Und darüber hinaus erhoffe ich mir von unseren Leserinnen und Lesern eine eigene Meinung, selbst wenn es nicht die meine ist.
THOMAS BINOTTO