Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 7, 2010 Ein Spiel mit Passion

Ein Spiel mit Passion

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FOTO: CHRISTOPH WIDER
Von der Bergpredigt zum letzten Abendmahl, vom Garten Gethsemani zum Verhör bei Pilatus, vom «Hosianna» zum «Kreuzige ihn!» – in Dübendorf spielen rund 50 Laien in der Karwoche die Passion Christi. Das forum war bei den Proben dabei.

«Mueter, Mueter, chum schnell!» ruft ein Kind und läuft quer durch den heller werdenden Altarraum. Ein zweites folgt nach: «Ganz en huufe Lüüt gönd uf dä Hügel hinder em Dorf!» «Was isch au los?», fragt die Mutter und eilt begleitet von zahlreichen Männern und Frauen verwundert herbei. «Jesus, dä Rabbi, predigt uf eusem Hügel», sagt eine Frau. «Das neugierige Volk lässt sich auf der Bühne nieder. «Halt», ruft Regisseur Stephan Lauffer aus dem Kirchenschiff und wendet sich an einen Knaben, der ungeduldig mit den Beinen baumelt: «Du bist jetzt nicht privat hier, sondern verkörperst eine Rolle. Konzentriere dich bitte aufs Spiel.»
Theaterprobe in der katholischen Kirche Maria Frieden in Dübendorf. Die Stimmung ist locker, Engagement und Begeisterung sind unübersehbar. Seit einem halben Jahr arbeiten rund 130 Pfarreimitglieder des Seelsorgeraums Dübendorf-Fällanden- Schwerzenbach und Umgebung im Alter zwischen drei und 87 Jahren auf ein ambitiöses Ziel hin: die Aufführung des Passionsspiels in der Karwoche. Mit grossem Einsatz studieren sie Rollen ein, memorieren Text und üben Bewegungsabläufe, entwerfen und schneidern Kostüme, bauen Kulissen, komponieren die Musik und planen das Catering für den Premierenapéro. Klar ist: Die Aufgaben hinter der Kulisse sind ebenso wichtig wie die Rollen auf der Bühne. «Gemeinsam ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, ist ein rundum positives Erlebnis, das verbindet», erklärt Pilatus-Darsteller Ernst Frei. Eine Erfahrung, die alle Mitwirkenden teilen.
Damit ist denn auch schon eines der Ziele erreicht, die sich Pfarrer Thomas Meli mit dem Passionsspiel gesetzt hat: «Durch die Theaterinszenierung soll der Zusammenhalt innerhalb des seit vier Jahren bestehenden Seelsorgeraumes gestärkt werden. Zudem möchte ich die Tradition des Passionsspiels, wie man sie vor allem in den katholisch geprägten Regionen Bayerns und Österreichs kennt, auch im reformierten Kanton Zürich einführen. Mit dem Passionsspiel wird die Osterzeit, die in der Bibel und im christlichen Glaubensverständnis von grosser Bedeutung ist, im Bewusstsein der Gläubigen aufgewertet und es wird ihnen eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ermöglicht.»

AUTHENTISCHES SPIEL
«Es chunnt e Ziit, da wärded die satt wärde, wo hungered. Wär jetzt igschperrt isch, wird frei si. Wär hütt brüeled, wird lache. Die wo hütt verfolgt sind, chönd denn i Fride läbe», erklärt Jesus seinen Jüngern und der Menge. Stephan Lauffer, als versierter Theaterpädagoge der einzige Profi im Laienteam, nickt. Ja, die Botschaft kommt rüber. Authentisch sein, lautet sein Credo. Damit die Aussage beim Publikum auch ankommt. An die hundert Probenstunden wird er bis zur Premiere aufgewendet haben. Zeit, die er gerne ­einsetzt. Animierend, korrigierend, unterstützend. «Die grösste Herausforderung an diesem Projekt ist für mich die Geschichte selbst», sagt er. «Wir alle haben doch ein genaues Bild davon, wie die Passionsgeschichte sein soll. Da ist es gar nicht so einfach, eine Form der Inszenierung zu finden, die keine religiösen Vorstellungen verletzt.» Stephan Lauffer setzt auf ein gradliniges, modernes Spiel mit einfachen abstrakten Requisiten und schlichten Kostümen. Auf eine Historisierung jeglicher Art wird bewusst verzichtet. Auch die vom Theologen und Musiker Markus Zimmer komponierte Musik bleibt zurückhaltend und dient zusammen mit dem Licht der Untermalung der Kulisse und der Akzentuierung von Situationen und Stimmungen. Textgrundlage des Spiels bildet ein Manuskript des Theaters Altishofen, mit dem Pfarrer Thomas Meli im luzernischen Ruswil bereits positive Erfahrungen gesammelt hat und das nun auf die örtlichen Gegebenheiten angepasst wurde.
«Ich habe vor allem zusätzliche Szenen mit Frauen und Kindern eingebaut, da unter ihnen das Interesse am Theaterspielen besonders gross war», erklärt Stephan Lauffer. Im Kontrast dazu seien für die Besetzung sämtlicher Männerrollen mehrere Aufrufe nötig gewesen.
Die zwölfjährige Eva Föller jedenfalls freut sich enorm über ihre Rolle als sechstes von neun Kindern: «Ich finde es mega lässig, Theater zu spielen. Wir Kinder sind alle für Jesus, das ist cool», sagt sie und betont, dass sie auch regelmässig in der Kirche ministriere. Mit ihrer Begeisterung hat sie die ganze Familie angesteckt. Mutter Fiona Föller ist für die Requisiten zuständig, der Bruder spielt Violine, der Vater wirkt als Apostel. «Das Passionsspiel bestimmt zurzeit den Rhythmus unseres Lebens», lacht Fiona Föller.

AKTUELLE GEDANKENANSTÖSSE
«Lönd mich los! Lönd mich los!», ruft die Ehebrecherin und versucht vergeblich, sich gegen die groben Griffe der Männer zur
Wehr zu setzen. Unsanft wird sie zu Boden gestossen. «Weisch du nöd, was s’Gsetz vorschriibt mit Fraue wie dir?», fragt ein Schriftgelehrter. Die Ehebrecherin: «Ich ha s’Rächt, mis Läbe z’läbe! Ihr alli nähmeds au nöd
eso gnau. Wär gitt eu d’Freiheit, anderi z’verurteile?» Irmgard Schaufelberger spielt ihren Part mit Überzeugung. Es sei ihr gros­ser Wunsch gewesen, einmal auf einer Theaterbühne zu stehen. Nach zwanzig Jahren sakralem Tanz kam ein religiöses Spiel gelegen. Die Rolle der Ehebrecherin hatte sie
von Anfang an interessiert. «Liebe – Lust – Leidenschaft; verachtet – verhöhnt – unterdrückt und beschuldigt. Auch diese andere Seite des Lebens der ‹offiziellen Gesellschaft› darzustellen, ist spannend», sagt sie und fügt lachend an: «Umso mehr, als ich seit 30 Jahren glücklich verheiratet bin.» Die Figur gäbe zudem jedem Menschen einen guten Gedankenanstoss: «Sind wir nicht alle allzu oft schnell auf der Verurteilerseite, ohne die Hintergründe zu kennen?»
Die Möglichkeit, eine Rolle zu verkörpern, die im realen Leben nicht der eigenen Haltung entspricht, findet auch Christophe Apothéloz faszinierend: «Judas zu spielen ist für mich eine interessante Herausforderung, die mir neue Erfahrungen ermöglicht. Auch wenn ich diese real nie leben wollte.»
Professionell an ihre Rolle herangeführt zu werden, sehen die beiden als grosse Chance. Angefangen mit den Castings vor einem halben Jahr über grundlegende Theater- und Sprechübungen bis zur flüssigen szenischen Darstellung leitet Stefan Lauffer die rund 50 Laiendarsteller mit Sicherheit und Fingerspitzengefühl. «Ich habe zwar ein Gesamtkonzept, versuche jedoch die Impulse der Spielenden wo immer möglich aufzunehmen und einzubauen», erklärt er.  «Wir erarbeiten die Rollen sozusagen gemeinsam.»

OFFENES ENDE
Froh ist der Regisseur allerdings, dass das Manuskript auf die Kreuzigung verzichtet. Das Stück endet mit dem Kreuzweg. Der Rest der Geschichte wird lediglich gesprochen. «Dieser ruhige Schluss mit offenem Ende soll Platz für eigene Gedanken lassen», sagt Stephan Lauffer.
Auch Pfarrer Thomas Meli könnte sich eine Kreuzigungsszene in seiner Kirche nicht vorstellen. «Wir sollten bei der Passionsgeschichte nicht vor allem auf das Leiden und Sterben schauen, sondern den Schwerpunkt auf das legen, was stärker ist als der Tod – die Auferstehung, die Liebe Gottes und das Leben.»
Obwohl die Passionsspiele aus dem Mittelalter stammen und sich eng an die 2000 Jahre alten Erzählungen aus den Evangelien der Bibel halten, haben sie für Thomas Meli nichts von ihrer Aktualität eingebüsst: «Leid, Gewalt, Machtgebaren, aber auch Sterben sind Themen, die uns auch heute noch beschäftigen. Den Weg zum Kreuz gehen Menschen Tag für Tag – aber wir haben die Hoffnung, dass wir durch das Kreuz des Karfreitags hindurchgehen können zum Leben des Ostermorgens.»
«In der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: ‹Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?› Einige von denen, die dabeistanden, sagten: ‹Hört, er ruft nach Elija!› Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Jesus aber schrie laut auf, dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei», rezitieren die Sprecherinnen auf der Bühne. Ihre Stimmen verhallen im Kirchenraum. «Würklich, dä Mänsch isch dä Sohn vo Gott gsi», sagt ein römischer Hauptmann nachdenklich. Es wird dunkel.

PIA STADLER


PASSIONSSPIEL

Montag, 29. März
Mittwoch, 31. März
Karfreitag, 2. April
jeweils um 20 Uhr

Katholische Kirche Maria Frieden ­Leepüntstrasse ­Dübendorf

Der Eintritt ist frei. Zur Deckung der Unkosten wird eine Kollekte aufgenommen.
Die Plätze sind unnummeriert. Türöffnung ist um 19.30 Uhr.
Wegen der grossen Nachfrage am Karfreitag empfiehlt es sich, die Vorstellungen vom Montag und Mittwoch zu besuchen.

Artikelaktionen
Wie spielt man Jesus?

forum: Herr Fürer, wie fühlen Sie sich als Jesus?
Martin Fürer: Ich bin im Moment noch nicht ganz eins mit meiner Rolle. Dies aus dem einfachen Grund, dass zurzeit mein Beruf als Primarlehrer und all die andern Dinge, die zu tun sind, neben dem Theater noch etwas zu viel Zeit einnehmen. Als Jesus fühle ich mich noch unsicher. Einen Monat vor der Premiere habe ich noch nicht die abschlies­sende Art gefunden, die Rolle zu spielen. Aber ich bin zuversichtlich, dass das Stück ein grosser Erfolg wird.

Wie religiös muss man sein, um diese Rolle spielen zu können?
Ist denn Religiosität messbar? Ich bezeichne mich als religiös. Aber was heisst das jetzt?

Identifizieren Sie sich mit der Figur?
Ich glaube, jeder von uns identifiziert sich auf die eine oder andere Art mit Jesus. Und auch mit anderen archetypischen Figuren wie Judas oder Maria Magdalena. Wir alle haben Teile dieser Personen in uns. Natürlich gilt das auch für mich. Wo ich genau Überschneidungen mit oder Unterschiede zu Jesus erkenne, wird mir immer klarer. Ich empfinde die Arbeit am Stück und in dieser besonderen Rolle als enorm spannend, auch in persönlicher Hinsicht.

Ist dies Ihre erste Theaterrolle?
Ich habe schon in vielen grösseren und kleineren Produktionen mitgespielt. Das Schönste war, mit einigen Freunden eine eigene Theatergruppe zu gründen, die sich inzwischen leider aufgelöst hat. Jesus ist jedoch sicher die speziellste und schwierigste Rolle, die ich je gespielt habe. Eine Herausforderung, die ich gerne annehme.

Ihre Erfahrungen?
Dass alle zu wissen scheinen, wie Jesus war. Und dass die Sichtweisen differieren. Das macht es für mich nicht einfacher. Aber ich liebe das Theater grundsätzlich als Medium. Da sind mir alle Erfahrungen willkommen.

... und Maria Magdalena?

forum: Frau Hollinger, was ist es für ein Gefühl, Maria Magdalena zu spielen?
Mirjam
Hollinger: Ein sehr gutes. Ich habe mich mit meiner Rolle auseinandergesetzt und eine Biografie von Maria Magdalena gelesen. Sie war eine spannende Frau. Teilweise erkenne ich mich selber in dieser Rolle, und wiederum gibt es Momente, da ist sie mir völlig fremd. Jedoch fühle ich mich mittlerweile wohl und vertraut in dieser Rolle.

Wie religiös muss man für diese Rolle sein?
Ich denke, es wäre schwierig, sich ganz in die Rolle hingeben zu können, ohne reli­giös und mit dem biblischen Hintergrund des Christentums vertraut zu sein. Ich selbst bin als Tochter eines Diakons in Pfarrhäusern aufgewachsen. Das Kirchenjahr mit den verschiedenen Kirchenfesten ist mir sehr vertraut. Die Karwoche war bei uns stets eine besondere Zeit. Wir haben das Pascha-Mahl gefeiert und die Zeit bis Ostern ganz bewusst gelebt. Die Passionsgeschichte ist für mich eine der eindrücklichsten Passagen der Bibel. Diese Mischung von Trauer, Wut, Verzweiflung, Hass, Liebe, Zorn, Freude und schliesslich die Auferstehung an Ostern. Aus dieser Faszination heraus habe ich mich fürs Passionsspiel gemeldet.

Welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt gemacht?
Es ist schön, den Glauben einmal so zu erleben und mitzugestalten. Die Zusammenarbeit mit den verschiedensten Menschen ist sehr bereichernd. Alle haben wir einen unterschiedlichen religiösen Background, unsere Standpunkte differieren zum Teil, und trotzdem harmonieren wir als Team. Auch die grossen Altersunterschiede und die unterschiedliche Bühnenerfahrung wirken sich nicht negativ aus.

Ist dies Ihre erste Theaterrolle?
Das erste Mal stand ich mit neun Jahren auf der Bühne, seither spiele ich regelmässig Theater. Theaterspielen ist zusammen mit Sport mein Ausgleich zum Beruf als Krankenschwester, der mir doch oft schwere Momente bringt. Für ein paar Stunden abtauchen vom Alltag und mit den unterschiedlichsten Menschen eine andere Wirklichkeit schaffen, das ist es, was mich am Theaterspielen reizt.

GESPÄCHE: PIA STADLER