Ein Spiel mit Passion
«Mueter, Mueter, chum schnell!» ruft ein Kind und läuft quer durch den heller werdenden Altarraum. Ein zweites folgt nach: «Ganz en huufe Lüüt gönd uf dä Hügel hinder em Dorf!» «Was isch au los?», fragt die Mutter und eilt begleitet von zahlreichen Männern und Frauen verwundert herbei. «Jesus, dä Rabbi, predigt uf eusem Hügel», sagt eine Frau. «Das neugierige Volk lässt sich auf der Bühne nieder. «Halt», ruft Regisseur Stephan Lauffer aus dem Kirchenschiff und wendet sich an einen Knaben, der ungeduldig mit den Beinen baumelt: «Du bist jetzt nicht privat hier, sondern verkörperst eine Rolle. Konzentriere dich bitte aufs Spiel.»
Theaterprobe in der katholischen Kirche Maria Frieden in Dübendorf. Die Stimmung ist locker, Engagement und Begeisterung sind unübersehbar. Seit einem halben Jahr arbeiten rund 130 Pfarreimitglieder des Seelsorgeraums Dübendorf-Fällanden- Schwerzenbach und Umgebung im Alter zwischen drei und 87 Jahren auf ein ambitiöses Ziel hin: die Aufführung des Passionsspiels in der Karwoche. Mit grossem Einsatz studieren sie Rollen ein, memorieren Text und üben Bewegungsabläufe, entwerfen und schneidern Kostüme, bauen Kulissen, komponieren die Musik und planen das Catering für den Premierenapéro. Klar ist: Die Aufgaben hinter der Kulisse sind ebenso wichtig wie die Rollen auf der Bühne. «Gemeinsam ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, ist ein rundum positives Erlebnis, das verbindet», erklärt Pilatus-Darsteller Ernst Frei. Eine Erfahrung, die alle Mitwirkenden teilen.
Damit ist denn auch schon eines der Ziele erreicht, die sich Pfarrer Thomas Meli mit dem Passionsspiel gesetzt hat: «Durch die Theaterinszenierung soll der Zusammenhalt innerhalb des seit vier Jahren bestehenden Seelsorgeraumes gestärkt werden. Zudem möchte ich die Tradition des Passionsspiels, wie man sie vor allem in den katholisch geprägten Regionen Bayerns und Österreichs kennt, auch im reformierten Kanton Zürich einführen. Mit dem Passionsspiel wird die Osterzeit, die in der Bibel und im christlichen Glaubensverständnis von grosser Bedeutung ist, im Bewusstsein der Gläubigen aufgewertet und es wird ihnen eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben ermöglicht.»
AUTHENTISCHES SPIEL
«Es chunnt e Ziit, da wärded die satt wärde, wo hungered. Wär jetzt igschperrt isch, wird frei si. Wär hütt brüeled, wird lache. Die wo hütt verfolgt sind, chönd denn i Fride läbe», erklärt Jesus seinen Jüngern und der Menge. Stephan Lauffer, als versierter Theaterpädagoge der einzige Profi im Laienteam, nickt. Ja, die Botschaft kommt rüber. Authentisch sein, lautet sein Credo. Damit die Aussage beim Publikum auch ankommt. An die hundert Probenstunden wird er bis zur Premiere aufgewendet haben. Zeit, die er gerne Âeinsetzt. Animierend, korrigierend, unterstützend. «Die grösste Herausforderung an diesem Projekt ist für mich die Geschichte selbst», sagt er. «Wir alle haben doch ein genaues Bild davon, wie die Passionsgeschichte sein soll. Da ist es gar nicht so einfach, eine Form der Inszenierung zu finden, die keine religiösen Vorstellungen verletzt.» Stephan Lauffer setzt auf ein gradliniges, modernes Spiel mit einfachen abstrakten Requisiten und schlichten Kostümen. Auf eine Historisierung jeglicher Art wird bewusst verzichtet. Auch die vom Theologen und Musiker Markus Zimmer komponierte Musik bleibt zurückhaltend und dient zusammen mit dem Licht der Untermalung der Kulisse und der Akzentuierung von Situationen und Stimmungen. Textgrundlage des Spiels bildet ein Manuskript des Theaters Altishofen, mit dem Pfarrer Thomas Meli im luzernischen Ruswil bereits positive Erfahrungen gesammelt hat und das nun auf die örtlichen Gegebenheiten angepasst wurde.
«Ich habe vor allem zusätzliche Szenen mit Frauen und Kindern eingebaut, da unter ihnen das Interesse am Theaterspielen besonders gross war», erklärt Stephan Lauffer. Im Kontrast dazu seien für die Besetzung sämtlicher Männerrollen mehrere Aufrufe nötig gewesen.
Die zwölfjährige Eva Föller jedenfalls freut sich enorm über ihre Rolle als sechstes von neun Kindern: «Ich finde es mega lässig, Theater zu spielen. Wir Kinder sind alle für Jesus, das ist cool», sagt sie und betont, dass sie auch regelmässig in der Kirche ministriere. Mit ihrer Begeisterung hat sie die ganze Familie angesteckt. Mutter Fiona Föller ist für die Requisiten zuständig, der Bruder spielt Violine, der Vater wirkt als Apostel. «Das Passionsspiel bestimmt zurzeit den Rhythmus unseres Lebens», lacht Fiona Föller.
AKTUELLE GEDANKENANSTÖSSE
«Lönd mich los! Lönd mich los!», ruft die Ehebrecherin und versucht vergeblich, sich gegen die groben Griffe der Männer zur
Wehr zu setzen. Unsanft wird sie zu Boden gestossen. «Weisch du nöd, was s’Gsetz vorschriibt mit Fraue wie dir?», fragt ein Schriftgelehrter. Die Ehebrecherin: «Ich ha s’Rächt, mis Läbe z’läbe! Ihr alli nähmeds au nöd
eso gnau. Wär gitt eu d’Freiheit, anderi z’verurteile?» Irmgard Schaufelberger spielt ihren Part mit Überzeugung. Es sei ihr grosÂser Wunsch gewesen, einmal auf einer Theaterbühne zu stehen. Nach zwanzig Jahren sakralem Tanz kam ein religiöses Spiel gelegen. Die Rolle der Ehebrecherin hatte sie
von Anfang an interessiert. «Liebe – Lust – Leidenschaft; verachtet – verhöhnt – unterdrückt und beschuldigt. Auch diese andere Seite des Lebens der ‹offiziellen Gesellschaft› darzustellen, ist spannend», sagt sie und fügt lachend an: «Umso mehr, als ich seit 30 Jahren glücklich verheiratet bin.» Die Figur gäbe zudem jedem Menschen einen guten Gedankenanstoss: «Sind wir nicht alle allzu oft schnell auf der Verurteilerseite, ohne die Hintergründe zu kennen?»
Die Möglichkeit, eine Rolle zu verkörpern, die im realen Leben nicht der eigenen Haltung entspricht, findet auch Christophe Apothéloz faszinierend: «Judas zu spielen ist für mich eine interessante Herausforderung, die mir neue Erfahrungen ermöglicht. Auch wenn ich diese real nie leben wollte.»
Professionell an ihre Rolle herangeführt zu werden, sehen die beiden als grosse Chance. Angefangen mit den Castings vor einem halben Jahr über grundlegende Theater- und Sprechübungen bis zur flüssigen szenischen Darstellung leitet Stefan Lauffer die rund 50 Laiendarsteller mit Sicherheit und Fingerspitzengefühl. «Ich habe zwar ein Gesamtkonzept, versuche jedoch die Impulse der Spielenden wo immer möglich aufzunehmen und einzubauen», erklärt er. «Wir erarbeiten die Rollen sozusagen gemeinsam.»
OFFENES ENDE
Froh ist der Regisseur allerdings, dass das Manuskript auf die Kreuzigung verzichtet. Das Stück endet mit dem Kreuzweg. Der Rest der Geschichte wird lediglich gesprochen. «Dieser ruhige Schluss mit offenem Ende soll Platz für eigene Gedanken lassen», sagt Stephan Lauffer.
Auch Pfarrer Thomas Meli könnte sich eine Kreuzigungsszene in seiner Kirche nicht vorstellen. «Wir sollten bei der Passionsgeschichte nicht vor allem auf das Leiden und Sterben schauen, sondern den Schwerpunkt auf das legen, was stärker ist als der Tod – die Auferstehung, die Liebe Gottes und das Leben.»
Obwohl die Passionsspiele aus dem Mittelalter stammen und sich eng an die 2000 Jahre alten Erzählungen aus den Evangelien der Bibel halten, haben sie für Thomas Meli nichts von ihrer Aktualität eingebüsst: «Leid, Gewalt, Machtgebaren, aber auch Sterben sind Themen, die uns auch heute noch beschäftigen. Den Weg zum Kreuz gehen Menschen Tag für Tag – aber wir haben die Hoffnung, dass wir durch das Kreuz des Karfreitags hindurchgehen können zum Leben des Ostermorgens.»
«In der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: ‹Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?› Einige von denen, die dabeistanden, sagten: ‹Hört, er ruft nach Elija!› Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Jesus aber schrie laut auf, dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei», rezitieren die Sprecherinnen auf der Bühne. Ihre Stimmen verhallen im Kirchenraum. «Würklich, dä Mänsch isch dä Sohn vo Gott gsi», sagt ein römischer Hauptmann nachdenklich. Es wird dunkel.
PIA STADLER
PASSIONSSPIEL
Montag, 29. März
Mittwoch, 31. März
Karfreitag, 2. April
jeweils um 20 Uhr
Katholische Kirche Maria Frieden ÂLeepüntstrasse ÂDübendorf
Der Eintritt ist frei. Zur Deckung der Unkosten wird eine Kollekte aufgenommen.
Die Plätze sind unnummeriert. Türöffnung ist um 19.30 Uhr.
Wegen der grossen Nachfrage am Karfreitag empfiehlt es sich, die Vorstellungen vom Montag und Mittwoch zu besuchen.