Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 7, 2010 Fortschritt und Selbstvertrauen auf Quechua
Fastenopfer - Integrale Entwicklung in Perus Südanden

Fortschritt und Selbstvertrauen auf Quechua

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FOTOS: CHRISTOPH WIDER
Die südlichen Anden gehören zu den ärmsten Regionen Perus. Dank der Nichtregierungsorganisation Guaman Poma, unterstützt vom Fastenopfer, lernt die indianische Bevölkerung im Raum Cusco, sich selbstbewusst für ein ­menschenwürdiges Leben einzusetzen.

Steil windet sich die Naturstrasse von Cusco herkommend Kurve um Kurve den Berg hinauf, bis sie zuhinterst im Tal den Blick freigibt auf eine Ansammlung kleiner Häuser, die sich an den gegenüberliegenden Hang schmiegen: Kircas. Das Blöken der Schafe ist das einzige Geräusch, das aus Dis­tanz zu hören ist. «Der Bau der Strasse, die wir vor vier Jahren in Fronarbeit fertig gestellt haben, hat unser Leben enorm erleichtert», erklärt Viktoriano Quispe De la Cruz in seiner Muttersprache Quechua. «Jetzt fährt ein Schulbus hinunter nach Cusco und wir können ein Funktaxi rufen, wenn wir grös­sere Mengen Baumaterial zu transportieren haben.» Grosses Verkehrsaufkommen ist keines zu erwarten: Ein eigenes Auto kann sich keine der 33 Familien leisten, ein Motorrad besitzt nur der Primarlehrer, der die Kinder von der ersten bis vierten Klasse im Dorfschulhaus unterrichtet. «Wir benützen den Fussweg, wenn wir unser Gemüse auf dem Markt verkaufen oder jemanden in der Stadt besuchen wollen», sagt der 42-jährige Bauer und zeigt auf den schmalen Pfad, der sich zwischen Eukalyptusbäumen durch fruchtbare Felder schlängelt. 90 Minuten brauche er jeweils, um hinunterzugehen, eine Stunde länger, um wieder hinaufzusteigen.

ERNEUERBARE ENERGIEN
Die Strasse sei jedoch längst nicht das Einzige, das das Leben im abgeschiedenen Weiler auf 3800 Metern verbessert habe, erklärt Victoriano auf dem Weg zu seinem Haus. «Ich war der Erste, der ein richtiges WC und eine Dusche besass – jetzt hat beinahe jedes Haus ein eigenes Badezimmer.» Stolz öffnet er die Türe zum kleinen Raum mit den Sanitäranlagen: «Alles selbst gebaut, genauso wie der Rest des Hauses.»
Seit Cirkas von Guaman Poma unterstützt wird, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für eine ganzheitliche Entwicklung der Region Cusco einsetzt, hat sich vieles verändert: Neben einem Abwassersystem inklusive Kläranlage besitzt das Dorf nun auch ein neues Trinkwassersystem mit chloriertem Wasser und eine organisierte Abfallentsorgung. Zudem setzen die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt auf erneuerbare Energien: Während Solarenergie zur Warmwasseraufbereitung bereits Standard ist, denkt man zurzeit über Biogas-Gewinnung nach.

VERANTWORTUNG TRAGEN
«Mit Gas anstatt mit Holz zu kochen wäre für uns ein grosser Fortschritt», erklärt Victorianos Frau Rosa Calla Quentasi und deutet auf die Rauchschwaden, die von der Feuerstelle in der Küche aufsteigen. «Der Rauch reizt die Augen und Atemwege. Biogas würde dieses Problem lösen.» Dank den einmal monatlich von Guaman Poma in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium veranstalteten Kursen im Dorf und den regelmässigen Besuchen eines Arztes und eines Zahnarztes ist sich die 41-jährige Mutter von fünf Kindern bewusst, wie stark die Gesundheit ihrer Familie von den Lebensbedingungen abhängt, und was sie selbst für deren Wohlergehen tun kann. Im Garten baut sie seither verschiedenste Gemüse an, aus denen sie zusammen mit Kartoffeln und Fleisch aus dem eigenen Viehbestand vollwertige Mahlzeiten zubereitet. Die Meerschweinchen – eine peruanische Delikatesse – laufen nicht mehr frei in der Küche herum, sondern leben im Stall und die Familie besitzt neuerdings einen von der Küche abgetrennten Schlafraum.
Justo Vargas, Direktionsmitglied von Guaman Poma, freut sich über die Fortschritte in Kircas. «Guaman Poma wurde ursprünglich gegründet, um die Bevölkerung der wegen der Landflucht stetig wachsenden Armenviertel von Cusco zu unterstützen und die Stadtentwicklung zu fördern. Doch dann haben wir gesehen, dass sich Stadt und Land nicht trennen lassen. Die Wasserqualität des Flusses Huatanay betrifft die städtischen und die ländlichen Gebiete, und auch die Sensibilisierung für Infrastrukturfragen, Abfallmanagement und Hygiene ist auf dem Land ebenso nötig wie in der Stadt. Unser Kernanliegen ist überall das Gleiche: Die Bevölkerung zu mobilisieren, sich für ihre Bürgerrechte einzusetzen und auf den Staat Druck auszuüben, seine Verantwortung dem Volk gegenüber wahrzunehmen und ihm zu besserer Lebensqualität zu verhelfen.»

SANIERUNGSBEDARF IN CUSCO
Froh um ein bisschen mehr Lebensqualität ist auch Andrea Emperatrice Caceres Olivera, die in der historischen Altstadt von Cusco zusammen  mit sechs weiteren Familien eine Casona, ein ehemaliges Herrschaftshaus aus der spanischen Kolonialzeit, bewohnt. Für nur eine Familie konzipiert, besassen diese Häuser bis vor kurzem lediglich eine Toilette und einen Wasserhahn. Das Nationale Kulturinstitut, welches das Zentrum Cuscos unter Denkmalschutz gestellt hatte, verunmöglichte lange Zeit eine Modernisierung der Wohnbauten. Ihre reichen Besitzer zogen deshalb in neue Aussenquartiere, um sich ein Leben in mehr Luxus zu gönnen.  In ihre dem Verfall hingegebenen Häuser zogen mehrere arme Familien. Dicht gedrängt teilten sie sich den Wohnraum und die spärliche Infrastruktur.
«Wir sind zwar stolz auf unsere reichen Kulturschätze», betont Justo Vargas, «doch hinter den für die Touristen hergerichteten Fassaden leben Menschen, die auch Anrecht auf eine würdige Unterkunft haben.» Zusammen  mit den Quartiervereinen erreichte Guaman Poma nach längeren Verhandlungen schliesslich ein Umdenken innerhalb der städtischen Behörden: Über 200 Badezimmer und zusätzliche Wasserleitungen wurden inzwischen in den Casonas eingebaut und unzählige Mauern verstärkt. «Jetzt haben wir wenigstens eine Privats­phäre», sagt Andrea Emperatrice, «und auch Erdbeben brauchen wir weniger zu fürchten. Unser Ansehen ist gestiegen – das gibt Selbstvertrauen.»

TRÄUME UND VISIONEN
Oben in Kircas stellt Rosa frische Blumen auf den Küchentisch – Gladiolen und Orchideen aus dem Garten – und hängt einen Fliegenfänger neben das rohe Fleisch. Seit den Workshops von Guaman Poma, sagt sie, liebe sie es, ihr Haus zu pflegen. Und wenn sie sich etwas wünschen könnte? Die Antwort kommt umgehend: «Dann möchte ich ein grösseres Haus mit einer besseren Küche, einem eigenen Zimmer für jeden von uns sowie einem Patio mit Kopfsteinpflastern.» «Und einem Stroh- anstelle eines Blechdaches. Das isoliert besser und sieht schöner aus», ergänzt Victoriano. Auch um eine Zukunftsvision ist das Paar nicht verlegen: «Wir möchten, dass unsere Kinder, die jetzt in Cusco zur Schule gehen und in Lima studieren, nach Kircas zurückkehren und mit uns ein Gewächshaus bewirtschaften. Dann könnten wir Gemüse, Früchte und Blumen anpflanzen, die draussen wegen der Nachtfröste nicht gedeihen. Düngen würden wir mit den organischen Abfallprodukten aus der Biogasgewinnung – unsere Bioprodukte liessen sich in den Hotels von Cusco gut verkaufen.»
Noch sei dies zwar nur ein Traum, sagt Victoriano. «Doch man muss träumen können, um die Wirklichkeit zu gestalten. Wir halten den Schlüssel zur Veränderung in der Hand. Unsere Armut macht uns nicht zu Bürgern zweiter Klasse. Zeit, dass wir unsere Rechte einfordern.»

www.fastenopfer.ch

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Victoriano Quispe de la Cruz, seine Frau Rosa Calla Quentasi und Tochter Norma freuen sich über die bessere Lebensqualität – und hegen Pläne für die Zukunft.