Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Liebe Leserin, lieber Leser

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Verzicht klingt nicht attraktiv. Das Wort wird deshalb in Wahlkämpfen tunlichst gemieden, und selbst Umweltschützer, ­Sozialarbeiter oder Finanzminister ­verwenden es nur ungern. Also lagern wir um, schürfen nach ­Synergien, suchen Alternativen, betreiben kreative Buchhaltung – aber mit Verzicht wollen wir niemanden kopfscheu machen. Ist verzichten tatsächlich nichts weiter als eine freudlose Bussübung, die sich freudlose Puritaner aus freudloser Frömmigkeit selbst antun?
Die Fastenzeit ist traditionellerweise eine Zeit des Verzichtens. Früher wurde damit den geleerten Vorratskammern Sinn gegeben, in der Hoffnung darauf, dass der Frühling diese Kammern wieder füllen möge. Heute geht es um freiwilligen Verzicht, denn von Armen und Hungernden den Verzicht zu fordern, wäre blanker Hohn. Der freiwillige Verzicht jedoch ist gerade nicht Ausdruck mangelnder Lebensfreude, sondern im Gegenteil ein Mittel, diese Lebensfreude anzustacheln. Verzicht ist für uns Wohlhabende ein Luxus, mit dem wir das Glück der Fülle wieder spüren lernen.
Am Beispiel der Schokolade lässt sich das aufzeigen. Im Durchschnitt isst jeder Einwohner unseres Landes pro Jahr 12,4 Kilogramm Schoggi. Das ist wahrlich kein Ausdruck von puritanischer Zurückhaltung. Was passiert nun, wenn wir 40 Tage lang für einen Statistik-Stau sorgen und vom Aschermittwoch bis ­Ostern auf unsere liebste Leckerei verzichten? Wenn wir abertausende von Osterhasen, -eiern und -nestern standhaft links liegen lassen? Der Effekt ist vorhersehbar: Das Ohr des Oster­hasen am Ostermorgen wird zum Hochgenuss, zum kulinarischen Ereignis, Schoggi macht – wie so oft behauptet – tatsächlich wieder einmal glücklich. Verzicht war noch nie das Ziel der Fastenzeit. Das Ziel der Fastenzeit ist es, unsere Lebensfreude und den Lebensgenuss zu steigern.

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto