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Schoggi-Schock
Es war ein Papst, der die berühmten Worte gesprochen hat: «Schokolade bricht das Fasten nicht.» Manfred Becker-Huberti, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Köln und Brauchtumspezialist, erklärt, wie es dazu kam: «Papst Pius V. ist 1569 eine aus Südamerika importierte Schokoladenprobe zum Versuchen gereicht worden. Diese Schokolade war nicht nur der langen Reise wegen keine Leckerei mehr, sondern auch deshalb, weil sie damals noch nicht veredelt und deshalb bitter und ausgesprochen fettig war. Aber was nach Ansicht des Papstes wegen seines fehlenden Wohlgeschmacks das Fasten nicht brach, wurde damit noch lange nicht als Fastenspeise empfohlen.» Wie immer, wenn ein Papst spricht, gingen die Diskussionen nun erst richtig los. Besonders die Dominikaner und die Jesuiten taten sich in diesem langen Streit hervor, den Kardinal Brancaccio 1662, also beinahe hundert Jahre später, mit einer Schrift zu Gunsten der Schokolade beendete. «Den Kardinal haben die Argumente der Jesuiten offensichtlich überzeugt. Hinter der jesuitischen Argumentation steht eine kluge Sicht: Man kann das diffizile Leben nicht durch Regeln völlig regeln. Zur Entscheidung für oder gegen eine Sache gehört auch die Freiheit zur Entscheidung.» Wie aber war es überhaupt dazu gekommen, dass ein Papst höchstpersönlich als Schiedsrichter angerufen wurde? Schokolade war eine Erfindung der Mönche und Nonnen gewesen, welche die spanischen und portugiesischen Eroberer in missionarischer Absicht nach Südamerika begleitet hatten. Sie waren «gebildete Menschen, die als Pharmazeuten, Ärzte oder auch Köche und Konditoren neugierig zur Kenntnis nahmen, was der neue Kontinent bot.» Unter Kirchenleuten wird genauso leidenschaftlich getratscht wie anderswo, und so ging im alten Europa die Kunde um: In Südamerika sei das Fasten dank Schokolade zu einer beunruhigend fidelen Sache geworden. Der Theologenstreit um die Schokolade endete schliesslich damit, dass sie als grundsätzlich unverdächtiger Genuss eingeschätzt wurde. Damit hatte sich die braune Masse aber noch lange nicht als Brauchtum rund um Weihnachten und Ostern durchgesetzt. «Die Schokolade wurde erst Brauchtum, als in Deutschland mit Hilfe von Zuckerrüben Zucker hergestellt werden konnte. Als man dafür nach Absatzmärkten suchte, entdeckte man, dass mit süsser Schokolade Hohlfiguren hergestellt werden konnten. Passende Modelle hierfür fand man im heiligen Nikolaus und im Osterhasen. Beide Gestalten konnte man popularisieren, ihren Verkauf quantitativ und zeitlich planen.» Bleibt eine letzte Frage an Manfred Huberti-Becker: «Wie ist Ostern zum Schoko-Hasen gekommen?» – «Das ist wahrscheinlich eine ‹evangelische Erfindung›, denn bei den Katholiken kamen die Ostereier durch das Eier- oder Speisenkörbchen aus der Kirche auf den Tisch. Es bedurfte keiner Geschenkfigur und keines Versteckspiels. Wenn man aber die Ostereier nicht als gesegnete Symbole der Auferstehung nach dem Gottesdienst erhielt, musste man andere Wege finden. Wie bei der Familie von Goethe nachzuweisen, wurden bei evangelischen Christen die Eier im Garten versteckt und dann von Kindern gesucht. Weil die Kinder aber wissen wollten, wer die Eier versteckt hatte, gerieten die unterschiedlichsten Tiere in die Rolle eines Lieferanten. Durchgesetzt haben sich die Hasen, die im Frühjahr besonders intensiv herumtollen.»
THOMAS BINOTTO/ VERONIKA KREYCA
Prof. Dr. Theol. Manfred Becker-Huberti (65) hat unter anderem bei Herder das «Lexikon der Bräuche und Feste» veröffentlicht. www.becker-huberti.de