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Schokoladenseiten des Lebens

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FOTO: CHRISTOPH WIDER
Einerseits: Schokolade lässt für Momente träumen. Andererseits: Hergestellt wird das süsse Produkt weit weniger romantisch, als ausgemalt. Ein Blick hinter die Kulissen in der Lindt & Sprüngli-Fabrik in Kilchberg am Zürichsee.

 Liebevoll-fachkundig blickt er auf seine Schokoladenkreation und rückt noch ein letztes Mal die Mandeldekoration zurecht. Der Maître Chocolatier mit seiner weissen Schokoladenmeistermütze auf dem Kopf lächelt zufrieden – dass so heute noch Schokolade produziert wird, lässt uns die Werbung gerne glauben. Die Realität sieht anders aus, jedenfalls in einer industriellen Produktion wie jener der Firma Lindt & Sprüngli. In gros­sen Anlagen wird die Schokoladenmasse computergesteuert hergestellt, auf Produktionsstrassen in Formen gespritzt, Roboterarme verzieren und verpacken die Köstlichkeiten. Menschen kontrollieren am Förderband die Qualität und forschen in Labors an neuen Geschmackstrends.

ROBOTER UND MENSCH
«Mit Lebensmittelrobotern arbeiten wir seit den 1970er Jahren», erklärt Alison Joumaa, die durch die Lindt-Produktion führt. «Die Roboter sind eine Erleichterung bei der Herstellung und Verpackung, die Menschen ersetzen können sie aber nicht», sagt sie. Entlang der Produktionsstrassen, auf denen die süssen Köstlichkeiten von mechanischen Armen hin- und hergeschoben werden, sieht man Menschen in weissen Kitteln und Haarnetzen. Jedes einzelne Praliné, das am Förderband vorbeizieht, wird von ihnen geprüft, ob es den hohen Ansprüchen eines Premium-Erzeugnisses entspricht. Wenn nicht, kommt es zum Ausschuss, der vergünstigt im Fabrikshop verkauft wird. An anderer Stelle wird die Verschweissung der Verpackung kontrolliert. Dazwischen eilen Programmierer und Techniker, um die Anlagen in Schuss zu halten. Mehr als die Hälfte der rund 1000 Mitarbeiter in der Lindt & Sprüngli-Fabrik in Kilchberg arbeiten in der Produktion.
Die Maîtres Chocolatiers haben mit der Herstellung der süssen Köstlichkeiten nichts zu tun: Sie forschen im hauseigenen Labor. Die gelernten Confiseure, unter denen auch Frauen sind, experimentieren mit Zutaten und Aromen. «Unsere Spezialisten forschen auf der Basis von Konsumentenbefragungen», sagt Pressesprecherin Nina Keller. Bei den Kreationen wird auf die von Land zu Land unterschiedlichen Geschmäcker Rücksicht genommen. «In der Schweiz sind nach wie vor traditionelle Geschmacksrichtungen sehr beliebt», weiss Keller beispielsweise. Aber auch Schoggi mit Chili, Meersalz, Minze und Dessert-Schokoladen wie Tiramisu und Mousse au Chocolat finden sowohl hier als auch im europäischen Ausland, in Nordamerika und Australien und zusehends auch in Asien Zuspruch.

AUSGEWÄHLTE SCHMUCKSTÜCKE
Weit über die Landesgrenzen der Schweiz bekannt, wird Lindt-Schokolade heute in über 100 Ländern verkauft. Das Unternehmen sieht sich selbst als führend in der Produktion von Premium-Schokolade. «Premium bedeutet, dass nur die Schmuckstücke in die Verpackung kommen», sagt Nina Keller. ­Voraussetzung dafür sei die hohe Qualität der verwendeten Rohstoffe und sorgfältige Verarbeitung. Dieses Prinzip ist der Firma Lindt & Sprüngli bereits in die Wiege gelegt: 1879 war es Rodolphe Lindt, der mit der ­Entwicklung eines speziellen Verfahrens
die Schokoladeproduktion revolutionierte. Lindt erfand die sogenannte «Conche», bei der die Zutaten Kakaomasse, Kakaobutter und Zucker tagelang gerührt werden. Durch die Bewegung wird die Masse belüftet, wie es heisst, so dass unerwünschte Duftkomponenten entweichen. Zusätzlich bildet die Kakaobutter dabei einen feinen Film über alle Partikel: Erstmals war es gelungen, Schokolade zu kreieren, die auf der Zunge zergeht. Bis heute produziert Lindt & Sprüngli die «Chocolat Fondant», die zartschmelzende Schokolade, nach dem Conche-Prinzip. Zusehen ist dabei nicht erlaubt. «Das ist Firmengeheimnis», sagt Keller. Was sie verraten kann: «Heute geschieht es in grossen Conchen, den speziellen Rührwerken, im unteren Bereich der Fabrik.»

VON DER BOHNE BIS ZUR TAFEL
An den weltweit acht Produktionsstandorten von Lindt & Sprüngli in Europa und Nordamerika wird Schokolade von der Bohne bis zur Tafel produziert. Kommen die Kakaobohnenmuster nach Kilchberg, werden sie zunächst einer Qualitätskontrolle im Labor unterzogen. In hauseigenen Anlagen werden sie geröstet, zu Kakaomasse verarbeitet und conchiert, um dann Pralinés, Tafelschokolade und Lindor-Kugeln herzustellen. «Unsere Kunden würden Qualitätsunterschiede sofort schmecken», ist Keller überzeugt, wobei die Auswahl der Kakaobohnen eine zentrale Rolle spiele. «Wir bezahlen Prämien für besondere Qualität an die Bauern in Ghana, von denen wir unseren Konsumkakao beziehen», sagt die Pressesprecherin. Mit diesem von Lindt & Sprüngli entwickelten Einkaufsmodell soll der Standard gesichert und gleichzeitig die soziale Verantwortung wahrgenommen werden. In Zukunft soll es auch in Lateinamerika zum Einsatz kommen, woher der Edelkakao bezogen wird. «Das Modell erlaubt uns, die Produktion zu kontrollieren und die Herkunft des Kakaos bis zu der Sammelstelle rückzuverfolgen, wohin die Bauern die Bohnen abliefern», erklärt Keller. Damit könne man aus­serdem sozialen Missständen wie Kinderarbeit direkt vor Ort entgegenwirken. «In Lindt-Schokolade steckt bestimmt keine missbräuchliche Kinderarbeit», beteuert sie.

OHNE FAIRTRADE-ZERTIFIZIERUNG
Fairtrade zertifizieren wolle die Firma ihre Produkte in absehbarer Zeit nicht. «Die existierenden Fairtrade-Organisationen können die von uns benötigte Kakaoqualität in der geforderten Menge derzeit leider nicht gewährleisten», lautet die Begründung, daher habe man «Pionierarbeit» geleistet und mit dem eigenen Einkaufsmodell «andere Wege» beschritten. Für Andrea Hüsser, Leiterin der Schoggi-Kampagne der Erklärung von Bern, ist diese Darstellung «schönmalerisch»: «Ich gehe davon aus, dass Lindt & Sprüngli einen Widerspruch sieht zwischen ihrem Image als Luxus-Schokoladeproduzent und dem von Fairtrade», sagt Hüsser. Ausserdem wünsche sie sich von Lindt & Sprüngli konkrete Zahlenangaben, wie viel Prozent des verarbeiteten Kakaos tatsächlich rückverfolgbar sind. Für Erklärung von Bern ist auch die Methode der Bekämpfung von Kinderarbeit umstritten: Mit dem Einkauf des Konsumkakaos in Ghana boykottiert der Konzern die Hersteller an der Elfenbeinküste – jenem Ort, wo die Kinderarbeit am weitesten verbreitet ist. Der Boykott sei zwar «verständlich», wie es auf der Website der Erklärung von Bern heisst, längerfristig sei er aber für die dort lebenden Bauern untragbar. Hüsser sieht aber auch positive Signale. «Lindt & Sprüngli verfolgt gute soziale Projekte, wie zum Beispiel die Veröffentlichung eines Corporate-Social-Responsibility-Plans, der alle Lieferanten auf hohe ethische Standards verpflichtet. Auch das Einkaufsmodell ist innovativ, für eine Bewertung aber noch zu jung», so Hüsser.

OSTERHASEN AUSGELIEFERT
Roboterarme statt Handarbeit, Maîtres Chocolatiers im Labor statt am Schokoladerühren – und Osterhasen, die 40 Tage vor Ostern schon längst in die ganze Welt ausgeliefert sind. «Die Bestellungen für unseren Goldhasen gehen ein halbes Jahr vor dem Fest ein und dann startet die Produktion», sagt Nina Keller, die in dem Schokoladentier mit Glöckchen um den Hals eine «Ikone der Osterzeit» sieht. Neunzig Millionen Mal hat sich der Hase im Goldpapier im Jahr 2009 weltweit verkauft. Produziert wird er übrigens am deutschen Standort in Aachen, wo das Kompetenzzentrum für Hohlkörper auch die ­Nikolause herstellt. Die Bestellungen gehen wohl bald ein.

Veronika Kreyca

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Schoggi-Schock

Es war ein Papst, der die berühmten Worte gesprochen hat: «Schokolade bricht das Fasten nicht.» Manfred Becker-Huberti, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Köln und Brauchtumspezialist, erklärt, wie es dazu kam: «Papst Pius V. ist 1569 eine aus Südamerika importierte Schokoladenprobe zum Versuchen gereicht worden. Diese Schokolade war nicht nur der langen Reise wegen keine Leckerei mehr, sondern auch deshalb, weil sie damals noch nicht veredelt und deshalb bitter und ausgesprochen fettig war. Aber was nach Ansicht des Papstes wegen seines fehlenden Wohlgeschmacks das Fasten nicht brach, wurde damit noch lange nicht als Fastenspeise empfohlen.»
Wie immer, wenn ein Papst spricht, gingen die Diskussionen nun erst richtig los. Besonders die Dominikaner und die Jesuiten taten sich in diesem langen Streit hervor, den Kardinal Brancaccio 1662, also beinahe hundert Jahre später, mit einer Schrift zu Gunsten der Schokolade beendete. «Den Kardinal haben die Argumente der Jesuiten offensichtlich überzeugt. Hinter der jesuitischen Argumentation steht eine kluge Sicht: Man kann das diffizile Leben nicht durch Regeln völlig regeln. Zur Entscheidung für oder gegen eine Sache gehört auch die Freiheit zur Entscheidung.»
Wie aber war es überhaupt dazu gekommen, dass ein Papst höchstpersönlich als Schiedsrichter angerufen wurde? Schokolade war eine Erfindung der Mönche und Nonnen gewesen, welche die spanischen und portugiesischen Eroberer in missionarischer Absicht nach Südamerika begleitet hatten. Sie waren «gebildete Menschen, die als Pharmazeuten, Ärzte oder auch Köche und Konditoren neugierig zur Kenntnis nahmen, was der neue Kontinent bot.» Unter Kirchenleuten wird genauso leidenschaftlich getratscht wie anderswo, und so ging im alten Europa die Kunde um: In Südamerika sei das Fasten dank Schokolade zu einer beunruhigend fidelen Sache geworden.
Der Theologenstreit um die Schokolade endete schliesslich damit, dass sie als grundsätzlich unverdächtiger Genuss eingeschätzt wurde. Damit hatte sich die braune Masse aber noch lange nicht als Brauchtum rund um Weihnachten und Ostern durchgesetzt. «Die Schokolade wurde erst Brauchtum, als in Deutschland mit Hilfe von Zuckerrüben Zucker hergestellt werden konnte. Als man dafür nach Absatzmärkten suchte, entdeckte man, dass mit süsser Schokolade Hohlfiguren hergestellt werden konnten. Passende Modelle hierfür fand man im heiligen Nikolaus und im Osterhasen. Beide Gestalten konnte man popularisieren, ihren Verkauf quantitativ und zeitlich planen.» Bleibt eine letzte Frage an Manfred Huberti-Becker: «Wie ist Ostern zum Schoko-Hasen gekommen?» – «Das ist wahrscheinlich eine ‹evangelische Erfindung›, denn bei den Katholiken kamen die Ostereier durch das Eier- oder Speisenkörbchen aus der Kirche auf den Tisch. Es bedurfte keiner Geschenkfigur und keines Versteckspiels. Wenn man aber die Ostereier nicht als gesegnete Symbole der Auferstehung nach dem Gottesdienst erhielt, musste man andere Wege finden. Wie bei der Familie von Goethe nachzuweisen, wurden bei evangelischen Christen die Eier im Garten versteckt und dann von Kindern gesucht. Weil die Kinder aber wissen wollten, wer die Eier versteckt hatte, gerieten die unterschiedlichsten Tiere in die Rolle eines Lieferanten. Durchgesetzt haben sich die Hasen, die im Frühjahr besonders intensiv herumtollen.»

THOMAS BINOTTO/ VERONIKA KREYCA

Prof. Dr. Theol. Manfred Becker-Huberti (65) hat unter anderem bei Herder das «Lexikon der Bräuche und Feste» veröffentlicht.
www.becker-huberti.de