Bittere Versuchung
Kann man in der Schweiz die braune Köstlichkeit mit gutem Gewissen naschen?
Andrea Hüsser: Schoggi ist eine Heilige Kuh hier in der Schweiz. Niemand fragt, was dahinter steckt. Die Zustände auf den Kakaoplantagen sind erschütternd. Es ist wichtig, dass wir von unseren Schokoladeproduzenten faire Preise für den Kakao und langfristige Lieferverträge fordern und selber weiter Schokolade essen, damit die Bauernfamilien ihre Abnehmer nicht verlieren. Nur so haben die Kakao-Familien Aussicht auf bessere Lebensbedingungen.
Ist den Schleckmäulern die erschütternde Lage bewusst?
Als wir unsere Schoggi-Kampagne an einer Messe lancierten, hatten wir ein Banner aufgehängt mit einem Schoggiosterhasen, der blutige Tränen weinte. Darunter stand: «In Schweizer Schokolade steckt Kinderarbeit.» Mehrmals kam es vor, dass Leute vor dem Plakat stehen blieben und meinten: «Was, in Schweizer Schokoladefabriken arbeiten Kinder?» – Da wurde mir klar, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass Schokolade aus Kakao besteht, der nicht in unseren Fabriken wächst. Sondern er wird auf afrikanischen und lateinamerikanischen Plantagen gepflanzt von Bauernfamilien, die mit Dumpingpreisen und dramatisch schlechten Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben.
Wie sehen die Zustände auf den Kakaoplantagen genau aus?
Alles dreht sich um die Frage, woher der Kakao genau stammt. Ein Grossteil kommt aus Westafrika, allein 40 Prozent von der Elfenbeinküste. Dort ist die Situation der Kakaobauern am katastrophalsten und Kinderarbeit am meisten verbreitet. Weil die Lieferkette komplex ist, machen sich die Schokoladefirmen meist nicht die Mühe, die Lieferkette aufzuschlüsseln. So bleiben die Kakaoproduzenten für sie anonym genauso wie deren Probleme. Die Kakaopreise bestimmen die multinationalen Unternehmen und deren Abnehmer an der Börse. Ob der Preis genug hoch ist, um den Kakaobauern ein Überleben zu sichern, will niemand wissen.
Auch wenn die Weltmarktpreise hoch sind wie jetzt gerade, gelangt nur ein geringer Teil bis zu den Bauern selber. Der Rest geht bei Zwischenhändlern und korrupten staatlichen Kakaobüros verloren.
Eine wichtige Massnahme gegen Kinderarbeit ist die Bezahlung eines fairen Preises für Kakao. Denn Kinderarbeit ist ein Resultat der unfairen Arbeitsbedingungen auf den Kakaoplantagen: Wer nicht genug bekommt für seinen Kakao, um sich erwachsene Arbeitskräfte zu leisten, schickt die Kinder auf die Plantage statt zur Schule.
Können Konsumentin und Konsument Einfluss auf die Situation an der Elfenbeinküste nehmen?
Ja, wir stimmen mit unserem Portemonnaie ab: Wer Fairtrade-Schokolade kauft, gibt ein politisches Statement ab. Eine andere Möglichkeit ist, sich direkt bei den Unternehmen zu beschweren und faire Preise zu fordern.
Wie sozial sind die Schweizer Schokoladeproduzenten im internationalen Vergleich?
Wir haben bislang keine Vergleiche angestellt. Klar ist, dass wir bei Fairtrade-Schokolade schlecht dastehen: Nur 0,5 Prozent der bei uns verkauften Schoggi ist zertifiziert. Das ist jämmerlich wenig im Vergleich zu anderen Bereichen und nichts im Vergleich zu anderen Ländern.
Schweizer Unternehmen machen es uns als Nichtregierungsorganisation schwer zu überblicken, wie viel fair gehandelten Kakao sie tatsächlich verarbeiten. Sie sagen zwar, dass sie nachhaltigen Kakao beziehen, selten jedoch, wie viel Prozent ihrer Produktion das ausmacht und woher dieser kommt. Die Firmen argumentieren, sie hätten Angst um das Geheimnis ihrer Rezepturen. Einige argumentieren auch, sie wären als Firma zu klein und könnten sich fairen Handel und Rückverfolgbarkeit der Produkte nicht leisten.
Sind das Ausreden?
Ja, denn der faire Handel ist aus einer einst kleinen Bewegung entstanden. Die Schweizer Firmen, die hauptsächlich Fairtrade-zertifizierte Schokolade herstellen, sind keine Giganten und heissen weder Nestlé noch Lindt.
GESPRÄCH: VERONIKA KREYCA
Informationen zur Schoggi-Kampagne der ÂErklärung von Bern unter www.evb.ch