Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 5, 2010 So oder so unberechenbar
Kino: «Lourdes» von Jessica Hausner

So oder so unberechenbar

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Einer der eindrücklichsten Momente in «Lourdes» dauert bloss einen Augenblick: Während die eine Gelähmte sich plötzlich wieder erheben kann, sehen wir einem anderen, der weiterhin an seinen Rollstuhl gefesselt bleibt, ins Gesicht. Und auf diesem zeichnet sich der pure Neid ab. Weshalb gerade diese Frau, die nicht einmal fromm ist, und nicht er?
Wunder sind genauso unberechenbar wie Katastrophen. Sie lassen sich für den Menschen weder erklären noch begründen und schon gar nicht verdienen. Weshalb jemanden das eine oder das andere trifft? Wir wissen es nicht! Und so wirken die geistlichen Begleiter in «Lourdes» immer etwas ratlos, wenn die Pilger von ihnen klärende Auskünfte erwarten.
Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner stellt in ihrem ebenso leisen wie abgründigen Film nicht die sonst so beliebte Frage, ob es Wunder gibt oder nicht. Die Antwort darauf wäre allzu simpel, denn natürlich gibt es Wunder. Genauso wie uns Katastrophen überraschen. Die viel entscheidendere und weit schwieriger zu beantwortende Frage lautet: Was bewirken Wunder? Und die Fragen, die sich daran anschliessen, sind im Grunde genau dieselben wie nach einem ­Tsunami: Wie kann man nach einem Wunder weiterleben? Hat die ungerechte Verteilung System? Bin ich als Mensch ein hilfloser Spielball? – Das Wunder beantwortet die Sinnfrage keineswegs, es stellt sie erst recht in aller Schärfe.
«Lourdes» zeichnet als Spielfilm ein faszinierend dokumentarisches Porträt des französischen Marienwallfahrtsortes. Mit Routine und Effizienz werden die Pilger­massen durch das Wallfahrtsprogramm geschleust. Das wirkt teilweise erschreckend kühl, wenn das obligate Gruppenfoto abgehakt oder ein absolut steriler bunter Abend organisiert wird. Und dann werden plötzlich doch wieder Sorgfalt und Zärtlichkeit sichtbar. Geradezu verstörend wird es, wenn die rituelle Waschung durch Heilwasser auf uns ebenso geschäftig wie berührend wirkt. Ständig werden unsere Klischees – die frommen wie die unfrommen – in «Lourdes» erschüttert.
Christine, verkörpert von einer phänomenalen Sylvie Testud, hat Multiple Sklerose in fortgeschrittenem Stadium. Wenn das kein Grund ist, nach Lourdes zu pilgern! Aber Christine hofft nicht so sehr auf ein Wunder, sondern schätzt viel unmittelbarer die Möglichkeit, trotz Rollstuhl unter Leute zu kommen und etwas von der Welt zu se­hen. Dank ihrer Behinderung fragt sie in Lourdes kein Mensch nach ihrer Daseinsberechtigung.
«Lourdes» ist auch ein erschütternder Film, weil er von Menschen erzählt, die Aufmerksamkeit erhalten, weil sie gebrechlich und damit potentielle «Wunderopfer» sind. Die Gaffer am Kraftort halten genauso gierig Ausschau wie jene an einer Unglücksstelle. Wenn wir uns allerdings nach wenigen Bildern wieder einmal unser Urteil und Weltbild gemacht haben, kippt «Lourdes» auch dieses aus dem Lot. Woher wissen wir, dass nur jene auf Wunder warten, die dafür triftige Gründe zu haben scheinen? Wer sagt uns, dass Herzenskälte immer echt ist?
Auf unsere vorschnelle Art behaupten wir oft, Katastrophen würden den Glauben erschüttern, während er durch Wunder gefestigt werde. «Lourdes» stellt diese Sicht ungemein sensibel in Frage. Das Wunder ist ein derart ungeheuerlicher Einbruch in unser Leben, dass plötzlich auch scheinbar paradoxe Fragen ihre Berechtigung erhalten: Was ist das für ein Gott, der Wunder zulässt?

THOMAS BINOTTO

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