Kreativ für junge Leute
Auf dem Industriegelände von Freienstein im unteren Tösstal sind die Werkstätten der Stiftung «Märtplatz» untergebracht. Die 25 jungen Leute, die hier eine Berufsausbildung machen, wohnen verstreut in kleinen alten Wohnungen der Umgebung. Unter dem Dach in der ehemaligen Spinnerei ist das Büro eingerichtet: mehrere Pulte, eine gemütliche Sitzecke, Büchergestelle. Älteres Mobiliar, liebevoll zusammengestellt. Jürg Jegge, Gründer und Leiter des «Märtplatzes», ehemaliger Sonderschullehrer und Buchautor («Dummheit ist lernbar») erzählt hier vom knapp geschafften «Turn around» seiner Stiftung.
LOCH IN DER KASSE
«Die jungen Menschen, die hier eine Lehre machen, werden von der IV überwiesen», sagt er. Aufgrund ihrer psychischen oder körperlichen Probleme können sie keine reguläre Ausbildung absolvieren. Der Bund zahlt für sie ein Taggeld. Bis jetzt musste die Stiftung allfällig erarbeiteten Gewinn der IV auszahlen, während diese sich anteilmässig am Defizit beteiligte. «Jedoch wurde dieser Anteil aus Spargründen immer kleiner», erklärt Jegge. Zudem war vertraglich festgehalten, für wie viele Lehrlinge der Bund bezahlt. «Hat einer eine Lehre abgebrochen, verursachte dies sofort ein Loch in der Kasse: sein Taggeld wurde nicht mehr bezahlt, während wir ja gleich viele Angestellte hatten. Wenn wir jedoch mehr Lernende hatten als vertraglich abgemacht, mussten wir den Gewinn wieder abgeben und somit konnten wir keine Reserve schaffen für allfällige Lehrabbrüche.»
Ende 2009 wurde die Lage so prekär, dass die Dezemberlöhne nicht mehr ausbezahlt werden konnten. Mit Unterstützung von verschiedenen Persönlichkeiten gelang es jedoch der Stiftungsleitung, die finanzielle Sanierung in die Wege zu leiten. So haben beispielsweise die reformierte und die katholische Kirche im Kanton Zürich gemeinsam den Ausstand für die Dezemberlöhne 2009 je zur Hälfte übernommen. «Wir haben der Stiftung Märtplatz auch alle unsere Adressen von Pfarreien und Kirchenpflegen überlassen», sagt Giorgio Prestele, Generalsekretär des Synodalrates. «Sie haben nun einen Brief von der Stiftung bekommen, in dem um Unterstützung gebeten wird. Wir hoffen sehr, dass auf diesem Wege auch ein schöner Batzen zusammenkommt.» Der wichtigste Schritt waren jedoch die gelungenen neuen Tarifverhandlungen mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen. Nun fällt der bisherige kontraproduktive Tarifausgleichsmechanismus weg. «So werden wir über die Runden kommen», ist Jegge überzeugt. «Der besondere Stellenwert dieser Berufsausbildungsstätte liegt auf der Hand», ergänzt Prestele: «Jeder junge Mensch, der trotz Startschwierigkeiten dank einer soliden Berufsausbildung schliesslich in den Arbeitsprozess eingegliedert werden kann, erfährt eine persönliche Festigung, eine gesellschaftliche Anerkennung und entlastet die Sozialeinrichtungen.»
INDIVIDUELLE LÖSUNGEN
Angefangen hatte Jürg Jegge vor 25 Jahren zusammen mit Lorenz Bosshard. «Damals hatten wir acht ‹Stifte› und boten vier Ausbildungen: Koch, Schreiner, Foto-Fachangestellter und Töpfer», erzählt der inzwischen 66-jährige Märtplatz-Leiter, der auf 2011 einen Nachfolger sucht. Heute gibt es keine Schreinerausbildung mehr, dafür eine Keramikmalerei, eine Ausbildung für Theatertechniker, Mediengestalter und Journalisten, sowie Bekleidungsgestalterin. «Wir sind sehr kreativ im Finden von individuellen Lösungen», sagt Jegge. So werden jene Jugendlichen, die grosse Schulängste aufweisen, entweder im Märtplatz intern geschult oder aber sie machen den EU-Berufsabschluss in Österreich, wo es möglich ist, die Abschlussprüfung ohne die allgemein bildenden Fächer zu machen. «Auf zwei Lernende kommt bei uns ein Lehrmeister», fährt Jegge fort. «Es sind fähige und begeisterte Berufsleute mit Zusatzausbildungen. So haben wir SoÂzialarbeiter, Pädagogen und Fachleute in ÂArbeitsagogik im Haus.» Bei Schwierigkeiten eines Jugendlichen setzen sich alle zusammen, bringen ihr Know-how ein und suchen eine Lösung.
Die Erfolgsquote dieses besonderen Ausbildungsweges ist im Vergleich mit ähnlichen Institutionen sehr hoch: «Rund die Hälfte unserer Ehemaligen arbeitet heute im ersten Arbeitsmarkt und braucht keine Unterstützungsleistungen», sagt Jegge. Rund 30 Prozent von ihnen könnten zumindest Teilzeit arbeiten, und nur 20 Prozent der ehemaligen Märtplatz-Jugendlichen seien weiterhin von der IV oder Sozialleistungen abhängig.
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