Kein Zölibat ohne Sexualität
Neben dem immer noch akuten Skandal in Irland erschüttern bereits die nächsten Missbrauchsfälle die katholische Kirche. Diesmal steht Deutschland im Fokus. Der Tenor ist eindeutig: Der Zölibat ist Schuld an der Misere. Gestörte Sexualität ist allerdings nicht an eine bestimmte Lebensform gebunden. Sexueller Missbrauch wird von Verheirateten, Ledigen, Geschiedenen, Homosexuellen begangen – nur eine Differenzierung ist wirklich gesichert: Es sind viel häufiger Männer als Frauen.
Dennoch taugt es nichts, sich als Kirche mit dem Hinweis zu verteidigen, «unter den anderen gibt es auch Gestörte». Wer bei einem Unrecht ertappt wird, hat ganz schlechte Karten für den Gegenangriff. Kommt hinzu, dass die Häme, die nun der katholischen Kirche da und dort entgegenschlägt, von ihr selbst provoziert wurde. Wer sich gerade in Sachen Sexualmoral gerne aufs hohe Ross setzt, wird selbstverständlich an den eigenen Massstäben gemessen. Und dass Rigorismus Störungen oft eher fördert als verhindert, ist längst zur Binsenwahrheit geworden.
Genauso kurzsichtig, wie die Überzeugung, der Zölibat sei die Wurzel allen Übels, ist allerdings der Glaube, die Priesterweihe sei eine Imprägnierung gegen jeden Fehltritt. Um es schlagzeilengerecht zu formulieren: Durch die Priesterweihe wird Mann nicht automatisch besser. Deshalb zeugt es von bodenloser Naivität bis ruchloser Scheinheiligkeit, wenn fehlbare Priester stillschweigend neu platziert werden. Man setzt einen Buchhalter, der veruntreut hat, auch nicht an die nächste volle Kasse. Der Rechtsstaat muss in der Kirche gelten, zumal er genau in diesem Bereich Normen vertritt, die für das Christentum genauso grundlegend sind. Und wer sich jetzt darüber ärgert, dass die katholische Kirche praktisch unter Kollektivverdacht gerät, muss sich leider wiederum bei dieser Kirche selbst beklagen. Wer vertuscht, wird zwangsläufig mit Kollektivstrafe belegt.
Neben einem ehrlichen Umgang mit dem Versagen von Einzelnen und dem Versagen der Institution müssten zudem die Zulassungsbedingungen zum Zölibat zur DiskusÂsion gestellt werden. Frömmigkeit allein kann nicht über die Tauglichkeit zum Priesteramt entscheiden. Wer beziehungsgestörte Männer ausbildet und weiht, handelt grob fahrlässig. Eine gefestigte Persönlichkeit und eine gesunde Einstellung zur Sexualität müssen in jedem Fall – ob mit oder ohne Zölibat, für Frauen wie für Männer – Voraussetzung für die Priesterweihe sein. Es gibt kein Leben ohne Sexualität, auch nicht im Priesteramt. Und eine gesunde Sexualität – das bestätigen Sexberater landauf und landab – kommt nicht lediglich dann zum Ausdruck, wenn zwei Menschen miteinander schlafen.
Strengere Zulassungsbedingungen zum Zölibat sind zwar noch keine Garantie für die Zukunft, aber eine zwingende Voraussetzung, wenn diese Lebensform überhaupt eine Zukunft haben soll. Unsere Bischöfe müssten sich deshalb endlich verbindlich untereinander verständigen, so dass abgewiesene Kandidaten oder fehlbare Priester nicht ohne weiteres in anderen Bistümern unterkommen können. Zudem müssten Priester dringend zu einem Leben in Gemeinschaft bewegt werden, ob in Orden, Priestergemeinschaften, anderen geistlichen Gemeinschaften oder auch in offenen familiären Strukturen. Die schlimmste Bedrohung für Priester stellt nicht der Zölibat sondern die Isolation dar, die durch Priestermangel leider oft gefördert wird. Es müsste deshalb alles darangesetzt werden, die unselige Verknüpfung von Zölibat und Einsamkeit schleunigst zu durchbrechen.
THOMAS BINOTTO