Quinoa – goldenes Korn nicht nur der Inkas
Mit prüfendem Blick schreitet Pedro Pablo Quispe Mamani sein Quinoa-Feld ab. Die krautigen, über einen Meter hohen Pflanzen bewegen sich leise raschelnd im Wind. Vorsichtig berührt der 40-jährige Campesino die fingerförmigen Teilblütenstände, die Farbe der Samen reicht von grün über schwarz und rot bis zu gelblich-weiss. Die Ernte wird wiederum nicht ganz einfach sein. Weil die Körner ungleich reifen, wird Pedro Pablo sie von Hand schneiden müssen. Mit geübtem Griff hängt er sich den Radioapparat über den Rücken und greift zur Sichel.
Quinoa ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Sie dient zusammen mit Cañihua und Kiwicha den Ureinwohnern der südamerikanischen Anden schon seit 6000 Jahren als wichtige Nahrungsgrundlage.
Das auch als Inkakorn bezeichnete Fuchsschwanzgewächs ist anspruchslos und robust. Es gedeiht in (sub)tropischen Höhenlagen bis über 4000 Metern, wo Getreide oder Mais nicht mehr angebaut werden können. Die Inkas schrieben dem Korn magische Kräfte zu und benutzten es auch für kultische Handlungen. Die spanischen Eroberer jedoch stellten den Anbau dieses «unchristlichen» Nahrungsmittel unter Todesstrafe und forcierten den Anbau von europäischen Getreidesorten. Quinoa spielt deshalb in Südamerika heute eine untergeordnete Rolle und wird erst seit jüngster Zeit wieder seiner hochwertigen Zusammensetzung wegen – es ist reich an Eiweiss, Mineralien und ungesättigten Fettsäuren – und zur Stärkung der Kleinbauern im Anbau gefördert.
GEMEINSAM STÄRKER
Pedro Pablo wischt sich den Schweiss von der Stirne und betrachtet zufrieden seine neuen Calchas – die zu kleinen, an der Spitze mit Hafergarben abgedeckten Pyramiden aus gebundenen Quinoa-Stängeln. In rund einem Monat werden sie ebenso trocken sein wie jene, die hinter seinem Haus zum Dreschen bereitstehen. Die letzten Quinoa-Stauden wird er in zehn Tagen ernten können. Nachdem der Ertrag in den vergangenen drei Jahren wegen Klimaveränderungen – Trockenheit, Hagel kurz vor der Reife und ungewöhnlich tiefe Temperaturen – stark gesunken war, freut sich Pedro Pablo wieder auf ein gutes Ergebnis: «An die Spitzenjahre mit 1200 Kilogramm werde ich zwar nicht herankommen, aber auf eine knappe Tonne werde ich es schon bringen.» 300 Kilogramm beträgt der Eigenbedarf der Familie, den Rest wird er der lokalen Fabrik «Altiplano S.A.C» zur Weiterverarbeitung und Vermarktung verkaufen.
Zusammen mit 149 weiteren Kleinbauernfamilien gehört Pedro Pablo seit 1999 der «Asociación de Productores del Altiplano» (APROAL), der «Vereinigung der Produzentinnen und Produzenten des Altiplano» an, welche 1994 von der Nichtregierungsorganisation «Centro de promoción urbano rural Juliaca» (CPUR) mit den Kleinbauern gegründet wurde, um die Ernährungssicherung zu gewährleisten und der Vertrieb der andinen Produkte zu fördern. Der ursprünglich kommunale Landbesitz wurde parzelliert und in Privatgrundstücke der einzelnen Familien umgewandelt, die Mitglieder werden von CPUR in den Techniken des Quinoa-Anbaus und der Viehwirtschaft unterwiesen, erhalten eigenes hoch stehendes Saatgut, Landwirtschaftsmaschinen zu günstigen Mietpreisen und die Möglichkeit, ihre Ernte in der CPUR-eigenen Fabrik zu Preisen zu verkaufen, die jene des Grosshandels weit übertreffen.
FAIRE CHANCEN FÜR DIE BAUERN
«Dank ‹Altiplano S.A.C› können wir die Zwischenhändler ausschalten, die den Kleinbauern die Preise drücken und enorme Profite machen», erklärt Gino Garoré Gonzales, der als Agronom für den Landwirtschaftsbereich von CPUR verantwortlich ist. «Zudem experimentieren wir mit neuen Quinoa-Produkten und fördern den Handel im In- und Ausland.»
Eine Viertelstunde zuvor war der 48-Jährige auf dem Hof von Pedro Pablo vorgefahren, um sich nach dem Stand der Ernte zu erkundigen und fand Perdros Ehefrau Eugenia Canaza Peñaloza beim Kochen. Es ist dunkel und rauchig im kleinen Raum. Auf dem Herd steht ein verbeulter Blechtopf mit Suppe aus Quinoakörnern und -blättern, Kartoffeln und etwas Fleisch. Süssigkeiten aus Quinoamehl, Zucker und Milch stehen zum Trocknen in einer Ecke. Eugenias Augen leuchten: «Seit wir professionell und biologisch Quinoa anbauen, hat sich unser Leben verändert. Dank effizienteren Anbaumethoden haben wir weniger Arbeit, durch die grössere Ernte und den guten Preisen jedoch mehr Geld.» Der Gewinn wird reinvestiert: in die Ausbildung der Kinder, die Verbesserung des Hofes und die Vergrösserung der Viehherden.
«Die Andenbevölkerung hat gelernt, nicht nur auf ein Produkt zu setzen», sagt Gino. «CPUR fördert deshalb die Vieh- und Milchwirtschaft, was einer ausgewogenen Ernährung zugute kommt und zusätzliches Einkommen bringt.» 13 Kühe und 20 Schafe weiden inzwischen auf Pedros Land, Eugenia möchte noch einige Hühner anschaffen.
Inzwischen sind die beiden jüngeren Töchter, Amelie Katherin (7) und Sarai Fiorella (3), nach Hause zurückgekehrt. Pedro Pablo hält eine Handvoll Quinoakörner in die Runde. «Gross wie immer und ebenmässig», sagt Gino anerkennend. Gerne wäre er auf ein längeres Gespräch geblieben, doch auf ihn wartet Arbeit in der «Altiplano S.A.C.».
MODERNE INFRASTRUKTUR
Das weisse, flache Fabrikgebäude ist in der Ebene schon von weitem zu sehen. Es löste 2003 eine 1999 gebaute kleinere Fabrik ab, um mit besserer Infrastruktur modernste Produktions- und Arbeitsbedingungen zu bieten. Der Lärm in den Produktionshallen ist ohrenbetäubend. Angestellte und Besucher sind gehalten, sich beim Betreten Mundschutz, Haube und einen firmeneigenen Mantel überzuziehen. Die Fabrik bietet Arbeitsplätze für 48 Personen, vier bis sechs Tonnen Quinoa oder andere andine Körner können hier pro Tag verarbeitet werden. «2008 hatten wir einen Umsatz von 120 Tonnen, 2009 werden es 200 Tonnen sein», erklärt Fabrikchef Juan Luis Condori. Die Ernte wird direkt bei den Bauern eingeholt und im firmeneigenen Labor einer Qualitätsprüfung unterzogen, auf Grund derer der Preis festgelegt wird. Seit anfangs Mai beginnen sich die Vorratshallen wieder mit den weisÂsen, eine arroba – 11,5 Kilogramm – fassenden Kornsäcken zu füllen. Zuerst werden die Körner von den Hülsen befreit und dann sorgfältig gewaschen, um die bitter schmeckenden Saponine zu entfernen. Während die schäumende Waschlösung eingedampft wird, um später pulverisiert auf den Feldern der Schädlingsbekämpfung zu dienen, werden die Quinoakörner an der Sonne zum Trocknen ausgelegt, bevor sie zuletzt in drei Qualitäten aufgeteilt werden: Die erste ist für den Export bestimmt, die zweite für den Inlandkonsum und die dritte wird zu Mehl oder Flocken weiterverarbeitet. Die Verpackung des Quinoas erfolgt in Handarbeit – nur durch Frauen. «Weil sie sorgfältiger sind», erklärt Juan Luis Condori. Stolz zeigt er die über 30 Quinoa-Produkte, die in der Fabrik hergestellt werden, von süssen Riegeln über salzige Snacks bis zu Erfrischungsgetränken.
GERAGTES BIO-LABEL
«Der Gewinn, den die Fabrik erwirtschaftet, wird in Naturalien an die Bauern verteilt», sagt Gino. «Den höchsten Preis erzielt organisch angebautes Quinoa», erklärt der Fabrikverwalter, «denn Bio ist in unseren Exportländern in den USA und Europa am Gefragtesten.» Nur 60 der 150 Kleinbauern von APROAL sind bio-zertifiziert. Mehr kann sich CPUR nicht leisten. «Das Zertifizierungsprozedere ist sehr aufwändig und kostenintensiv», bedauert Gino. Sorgen macht ihm auch die Tatsache, dass Frankreich Quinoa auf Grund seiner wertvollen Eigenschaften patentieren lassen will. «Für CPUR wäre eine Patentierung schon aus finanziellen Gründen unmöglich. Die Regierung in Lima ist leider weit entfernt und kümmert sich wenig ums Andenhinterland. Und die regionalen und lokalen Politiker interessieren sich mehr für ihr eigenes Wohlergehen als für jenes der Bevölkerung.»
Kraftvoll schlägt Pedro Pablo mit dem dünnen Stock auf die trockenen Quinoa-Garben. Die Ausgaben für die Dreschmaschine will er sich diesmal sparen. Die kleinen Körner spicken in alle Richtungen und rollen auf der Plastikblache wieder ins Zentrum zurück. Pedro nimmt den Radio vom Rücken und nickt. Gino hatte Recht: Das wird erste Qualität. Er wird den gedeckten Stall mit getrennten Bereichen fürs Tränken, Füttern und Melken bald bauen können. Und seine Kinder, vor allem auch die beiden älteren Töchter (17 und 15), die bereits in Juliaca Veterinärmedizin und Buchhaltung studieren, werden begreifen, dass es sich auf dem Land genauso gut wenn nicht besser leben lässt als in der Stadt.
PIA STADLER