Liebe Leserin, lieber Leser
Vereine gelten als altmodisch. Dementsprechend schwer tun sie sich mit Nachwuchs – und das gilt längst nicht nur für kirchliche Vereine. Alles, was irgendwie nach Verbindlichkeit riecht, hat es schwer. Jede Woche am Dienstag zur Probe in den Kirchenchor gehen – wie bürgerlich undynamisch!
Aber während unsere Vereine in der Krise stecken, zeigt sich Âimmer mehr, dass sie zum Rückgrat unserer Gesellschaft gehören. Unser kirchliches, politisches und soziales Gemeinwesen ist ohne Vereine, die sich freiwillig und ehrenamtlich engagieren, nicht denkbar. Politik braucht Menschen, die nicht nach jeder Kamera schielen und Verantwortung bloss noch als Floskel Âverwenden. Kultur mutiert ohne musizierende, malende und schreibende Laien zum seelenlosen Pomp. Der Sport braucht dringend talentlose Freizeitsportler. Und unser Sozialwesen wird ohne soziale Wesen morsch.
Vereine haben aber längst nicht nur einen bestimmten Zweck. Sie dienen auch ganz einfach der Geselligkeit. Und die ist für unsere Gesellschaft genauso dringend notwendig. Das Boomen von Partnerschaftsbörsen beispielsweise steht für mich im Âdirekten Zusammenhang mit dem Ausdünnen des Vereinslebens, weil damit auch hervorragende Kontaktbörsen verschwinden.
Wir leben in einer erschreckend kühlen Kosten-Nutzen-Gesellschaft, in der für ineffiziente Amateure offenbar kein Platz mehr ist. Man geht ins Fitness-Studio – ausschliesslich um fit zu werden. Man nutzt eine Partnerschaftsbörse – ausschliesslich um einen Partner zu finden. Wie spielerisch offen nimmt sich dagegen ein Verein aus. Man singt im Kirchenchor, weil man die Musik liebt, aber auch weil man die Geselligkeit schätzt. Dafür braucht man weder der begnadete Sänger noch der ideale ÂPartner zu sein. Und genau aus diesem gesunden Mix von vielfältigem Durchschnitt entstehen jene Bindungen, die unsere ÂGesellschaft tragen.
THOMAS BINOTTO