Freundschaft als Gabe
Als ein Studienkollege vor einigen Jahren zum Priester geweiht wurde, wünschte er sich – eine geistliche Schwester. Um die einigermassen altmodisch anmutende Begrifflichkeit zu umgehen, kann man auch sagen: Er wünschte sich eine Freundin im Glauben, eine vom Glauben geprägte und im Glauben gründende Freundschaft zu einer Frau. Eine Freundschaft, in der nicht ausschliesslich, aber vor allem das vom gemeinsamen christlichen Glauben bestimmte Leben und die persönliche Beziehung zu Gott thematisiert werden konnte. Ich fand den Gedanken überaus schön. Freundschaft – diese Beziehungsform, die sich durch eine tiefe gegenseitige Vertrautheit und Zuverlässigkeit auszeichnet und in der die Beteiligten absolut gleichgestellt sind, ausdrücklich erweitert und bereichert um den Aspekt des Glaubens. Das schien mir sehr stimmig und die Vorstellung von der «geistlichen Schwester» erinnerte mich an die grossen heiligen Freundschaftspaare: Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal, Franz und Klara von Assisi, Benedikt und Scholastica.
Es heisst zwar, Scholastica sei die Schwester, möglicherweise sogar die Zwillingsschwester von Benedikt gewesen. Die Existenz einer solchen leiblichen Schwester wird von den Historikern aber bezweifelt. Deshalb kann die Bezeichnung «Schwester» und erst recht «Zwillingsschwester» auch Ausdruck für die innige Freundschaft zwischen den beiden sein.
Nach der Überlieferung um 480 in Nursia geboren wird Scholastica bereits als Kind Gott geweiht. Zunächst tritt sie in ein Kloster bei Subiaco ein; später zieht sie in eine Gemeinschaft, die näher bei Montecassino lebt, wo Benedikt sein Mönchskloster errichtet hat. Einmal im Jahr treffen sich Benedikt und Scholastica auf halbem Weg zwischen ihren beiden Klöstern zum geistlichen Gespräch, zum Austausch über den Glauben und ihre Beziehung zu Gott. Bei ihrer Begegnung um das Jahr 542 stirbt Scholastica unerwartet. Benedikt sieht ihre Seele wie eine Taube zum Himmel aufsteigen; ihren Leichnam bestattet er auf Montecassino in dem Grab, das auch für ihn selbst vorgesehen ist.
Viel mehr wissen wir nicht über Scholasticas Leben. Aber es wird eine hübsche kleine Legende über sie und ihre Freundschaft zu Benedikt erzählt: Bei ihrem letzten Treffen bat sie Benedikt inständig, diesmal doch länger bei ihr zu bleiben. Da aber die Ordensregel nicht erlaubte, dass ein Mönch die Nacht ausserhalb des Klosters verbrachte, wollte sich Benedikt nicht erweichen lassen. Da wandte sie sich in ihrem Herzen an Gott, er möge irgendetwas unternehmen, um Benedikt an der Heimkehr zu hindern. Und Gott schickte ein solches Unwetter, dass die Rückkehr für Benedikt unmöglich war. Er musste einsehen, dass in den Augen Gottes die Freundschaft zu Scholastica vor der Befolgung der Regel Vorrang hatte.
Diese Begebenheit machte Scholastica zur Patronin für Regen und gegen Blitzschlag; für mich macht es sie auch zur Patronin der Freundschaft. Freundschaft, die diesen Namen verdient, ist etwas Heiliges und sie heiligt die beteiligten Personen. «Scholastica» bedeutet übrigens «Schülerin» und «Lehrerin, Gelehrte». Wie es einer echten Freundschaft entspricht, wird Scholastica im Bezug auf Benedikt beides geÂwesen sein: seine Schülerin und seine Lehrerin.
ALEXANDRA DOSCH