Als Pausenfüller wären sie verschwendet
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FOTO: CHRISTOPH WIDER
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«Jetzt das Legato genussvoll über den Rücken ziehen!» ruft Chorleiter Hansueli Bamert den 20 jungen Leuten in seinem Jugendchor zu. Und tatsächlich: Es klingt beim zweiten Mal voller, verbundener, ausdrucksstark. «Singen kann nur ganzheitlich, mit Körper und Seele, gelingen», ist Bamert überzeugt. In der Arbeit mit den Jugendlichen gehe es grundsätzlich ums Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper und die Atmung. «Man muss den Ton bis in den Beckenraum spüren», sagt er. Die je zehn jungen Männer und Frauen des Jugendchores von St. Peter und Paul Winterthur haben das bereits verinnerlicht – kein peinliches Gelächter, sondern konzentrierte AtmoÂsphäre, interessiertes Nachfragen, durchaus auch befreites Lachen nach einer besonders gelungenen oder besonders misslungenen Übung. «Ich bin sicher schon zehn Jahre dabei», erzählt Jonas Schaufelberger. «Unser Jugendchor ist aus dem Kinderchor heraus gewachsen», erklärt Bamert. Die Gruppe sei zu einem grossen Teil beisammen geblieben. «Wir haben immer super Sachen gesungen», begründet Jonas sein immer noch begeistertes Mitmachen, «und sind gute Kollegen.» So gelingt es auch, mit diesen jungen Leuten eine lateinische Messe einzuüben: die «Messe solennelle» von César Franck. Immer wieder singen die Jugendlichen «Kyrie eleison», mal nur der Bass, dann zwei- und vierstimmig. «Eine lateinische Messe ist schon speziell», findet Anissa Kuster, die ebenfalls seit dem Kindergarten im Chor singt. «Aber wir werden zum ersten Mal mit einem Orchester zusammen auftreten, das ist mega spannend.» In den letzten Jahren übte der Jugendchor für ein Jazzprojekt und eine Mani-Matter-Aufführung – ein breites Repertoire also. Wichtig ist das Singen im Gottesdienst: Bei Firmungen, Erstkommunion und gewöhnlichen Gottesdiensten ist der Jugendchor dabei. «Wenn wir singen, sehe ich, wie die Jugendlichen den Gottesdienst geniessen. Sie lassen sich berühren vom Geheimnisvollen», sagt Hansueli Bamert.
GANZHEITLICHE LITURGIE
«Musik ist das, was die Liturgie emotional in den Raum bringt», meint Bamert zur Beziehung zwischen Kirchenmusik und Liturgie. Dabei müsse nicht zwingend immer die ganze Gemeinde selber mitsingen: «Auf 250 Gottesdienste im Jahr verträgt es zwei Orchestermessen und einige Gottesdienste, in denen der Chor mehr singt als die Gemeinde.» Denn auch aktives Zuhören sei eine Form des Mitfeierns. Bamert leitet nebst dem Jugendchor auch Kirchenchor sowie einen Kinderchor mit 25 Mädchen und Buben, die soeben ein Musical aufgeführt haben.
Christoph Cajöri leitet in St. Franziskus Zürich-Wollishofen den 50-köpfigen Kirchenchor. Auch er betont: «Die Kirchenmusik hilft mit, dass die Liturgie ein Ganzes wird. Die Musik von der Empore soll nicht zu einer Art ‹Gegenprogramm› zum Geschehen am Altar werden!» Daher sei es wichtig, dass die Kirchenmusiker in die Gottesdienstvorbereitungen eingebunden werden. So habe man in St. Franziskus eine LiturgieÂkommission gebildet, in der die Organistin, der Chorleiter und zwei Seelsorgende vertreten sind. Allerdings ist die Einheit zwischen Kirchenmusik und Liturgie manchmal auch gefährdet. «Bei uns fliesst vermehrt konservatives Gedankengut in die Liturgie ein», erzählt Cajöri. «Es gab Gottesdienste, in denen unsere mehrheitlich liberal orientierten Chormitglieder deshalb grosse Mühe hatten. Als Chor möchten sie sich mit der Liturgie identifizieren können.» Diese Sorgen sollen nun offen ausgesprochen und angegangen werden. «Ich bin guten Mutes, dass wir mit Gesprächen in gegenseitigem Respekt den Weg finden», sagt Cajöri.
KEINE LÜCKENBÜSSER
Dass Kirchenmusik unterschiedlich in den Gottesdienst eingebaut wird, erfährt auch der ökumenische Kirchenchor von Urdorf: Während die reformierte Pfarrerin bewusst auch den Text der Lieder im Gottesdienst aufnimmt, so überlasse es der katholische Pfarrer dem Chor, was gesungen werde, bedauert Dirigent Thomas Gmür.
Der vom Konzil neu entdeckte Aspekt der Kirche als Volk Gottes veränderte jedoch grundlegend das Gesicht unserer Gottesdienste, sagt Josef Anton Willa vom Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz: «Liturgie ist nicht bloss ein Ablauf von Riten, sondern die versammelte Gemeinde feiert die Gegenwart Gottes.» Der Kirchenchor als Teil und Ausdruck der Gemeinde müsse daher in die Vorbereitungen einbezogen werden: «Die Beiträge des Kirchenchores kommen nicht zur Liturgie hinzu, sondern sind selber Liturgie. Es sind nicht ‹Stücke›, die da und dort Lücken füllen, Pausen überbrücken oder Geschehnisse ‹umrahmen›. Die Musik des Kirchenchores soll sich sinnvoll und organisch in das Ganze des liturgischen Geschehens einfügen, was bedingt, dass der Chorleiter oder die Chorleiterin den Gottesdienst mit allen für die Liturgie Verantwortlichen gemeinsam vorbereitet», mahnt Willa an.
HOHE ANFORDERUNGEN
Zurück zur Chorprobe nach Zürich-Wollishofen. Im Pfarreisaal St. Franziskus ist Stimmbildung und Einsingen angesagt. «Wer nicht pünktlich zum Einsingen kommen kann, den bitte ich, erst um 20.15 Uhr zur Chorprobe zu kommen», erklärt Chorleiter Christoph Cajöri. «Unser Dirigent stellt hohe Anforderungen», meint Chormitglied Herbert Ammann. Jedoch werde Cajöri nie ungeduldig, sei eine motivierende und verbindende Persönlichkeit und wisse genau, was er investieren müsse. Die Probe geht zügig vorwärts, ist gut geplant und abwechslungsreich: «Um den Chor flexibel zu halten, üben wir mehrere Programme gleichzeitig», erklärt Cajöri. Zurzeit sind dies die Johannes-Passion von Johannes Paul Zehetbauer, Gebete aus Opern von Gioachino Rossini, A-cappella-Motetten aus der Renaissance und eine Orchestermesse von Anton Diabelli. Mit der zeitgenössischen Musik der Johannes-Passion – für Karfreitag – sei der Chor sehr gefordert. Sprechelemente, rufen und schreien sowie das Singen von Clustern (dicht nebeneinander liegende Töne) bedingen höchste Konzentration. Diese ungewohnte Musik drücke das Karfreitagsgeschehen jedoch besonders gut aus, zwinge zu bewusstem Hinhören und erleichtere dadurch das innere Mitgehen, ist Cajöri überzeugt. Nebst dem Kirchenchor leitet er auch die Choralschola. Eine Gruppe von zwölf Kantorinnen unterstützt zudem den Gemeindegesang, singt neue Lieder vor und hält Wechselgesänge.
NACHWUCHSPROBLEME
Wie viele Chöre kennt auch St. Franziskus das Problem der Überalterung. «Wenn die grosse Gruppe der 60- bis 70-jährigen aufhört, könnte es ein Loch geben», sieht Cajöri voraus. So will der Zyklus «Musik in St. Franziskus» mit sechs Konzerten im Jahr zu einem bestimmten Thema ein neues Publikum ansprechen, und mit besonderen Chorprojekten, bei denen neue Sängerinnen und Sänger auf Zeit willkommen sind, finden sich immer wieder Zuzüger. Als nächstes Projekt ist die «Toggenburger Passion» von Peter Roth geplant.
Nachwuchsprobleme hatte der katholische Kirchenchor Urdorf bereits in den 70er Jahren. Und dies so gravierend, dass der Chor 1972 seine Aktivitäten einstellte, den Verein jedoch mit der Auflage bestehen liess, einen Neuanfang zu prüfen. Bald wurde klar, dass dies nicht im Alleingang möglich war. Eine Zusammenarbeit mit dem Katholischen Kirchenchor Dietikon zerschlug sich, doch der Reformierte Kirchenchor Urdorf, der die gleichen Probleme hatte wie die Katholiken, war offen. So entstanden 1973 die «Vereinigten Kirchenchöre Urdorf». Die Gemeinschaft bezog sich vorerst nur aufs Singen, die Vereine blieben eigenständig.
EIN ÖKUMENISCHER CHOR
Erst 1989 wurde der Zusammenschluss verwirklicht und der «Ökumenische Kirchenchor Urdorf» gegründet. Damit ist er der erste ökumenische Chor im Kanton. Vielerorts singen Angehörige verschiedener Konfessionen mit – Chöre, die von der katholischen wie der reformierten Kirchgemeinde gleichermassen auch finanziell getragen werden, gibt es jedoch nur sehr wenige. «Wir gestalten jährlich drei ökumenische und zwei Taizé-Gottesdienste, das Patrozinium der Katholiken und den Reformationssonntag. An Weihnachten und Ostern singen wir zuerst in der einen und dann in der anderen Kirche, haben also doppeltes Programm», erklärt Chorleiter Thomas Gmür. Das sei anstrengend, aber auch bereichernd: «Wir lernen die andere Kirche von innen her kennen.» Das Stichwort «ökumenisch» habe ihn besonders gereizt, als er sich vor knapp zwei Jahren für die Chorleiterstelle beworben hatte. Wobei die kirchenmusikalischen Gewohnheiten der beiden Kirchen durchaus verschieden sind: So gab der Vorschlag, im katholischen Gottesdienst eine Bach-Kantate aufzuführen, Anlass zu Diskussionen – und ebenso war es für die Reformierten ungewohnt, einen Psalm zu singen. Und wenn der Chor in den Gottesdiensten Lieder der Gemeinde unterstützt, hat man unweigerlich mit zwei verschiedenen Liederbüchern zu tun. «Ich arbeite mit dem Chor bewusst am Text der Lieder», erklärt Gmür. «Der Chor soll die Werke so singen, dass man den Text auch versteht. Denn wir haben eine wichtige reliÂgiöse Botschaft weiter zu geben, die durch Musik und Text ankommen soll.»
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER