SOS Narrenschiff
Woran denken Sie, wenn Sie das Wort «Seelsorge» hören? – Ich kann Ihnen verraten, woran ich nicht oder erst sehr spät denke: An «Liturgie». Diese spielt für das Leben der Kirche eine absolut untergeordnete Rolle. Und nur wenn das provokativ genug war, bin ich bereit «untergeordnet» durch «fundamental» zu ersetzen. Eucharistie ist der Treibstoff, nicht das Fahrzeug und auch nicht das Ziel. Deshalb heisst es auch «Seelsorger» und nicht «Gottesdienstler».
Und dennoch drehen sich die heftigsten kirchlichen und theologischen Diskussionen gegenwärtig um die Liturgie: Wer darf predigen? – Wer darf Eucharistie feiern? – Wie verstaubt oder aufgepeppt soll eine Messe daherkommen? – Bussfeier ja oder nein? Davon abgeleitet streiten wir uns dann noch um die Macht: Wer darf über all das bestimmen? – Nur in einem scheint vom Papst über die Bischöfe bis zu den Laientheologen seltene Eintracht zu herrschen: Es wird Gottesdienst gefeiert, was das Zeugs hält. Es herrscht Liturgismus in der katholischen Kirche, und anschliessend wird gejammert, der Glaube verdunste, weil immer weniger Menschen der Balgerei um den Altar zuschauen mögen.
Wer streitet sich ebenso engagiert um die Seelsorge? Wer drängt darauf, noch mehr Hausbesuche machen zu dürfen? Sich noch ungeschützter direkt den Menschen anzubieten? Sich noch tiefer in deren Alltagssorgen stürzen zu dürfen? Ich jedenfalls nicht! Predigen und Eucharistie feiern, das traue ich mir auch als Laie ohne weiteres zu. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die Menschen so sehr liebe, dass ich als Seelsorger etwas taugen würde.
In Frankreich und Belgien entstand ab den 1920er Jahren eine Bewegung von Arbeiterpriestern. Diese bezogen ihr Gehalt nicht von der Kirche, sondern verdienten sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in Fabriken und Handwerksbetrieben. Bezeichnenderweise wurden die Arbeiterpriester von der Kurie argwöhnisch belauert und 1959 gar verboten. Aber schon das II. Vatikanische Konzil hat dieses Verbot wieder aufgehoben, weil es die Rolle des Priesters neu überdacht hatte.
Die Argumente gegen die Arbeiterpriester waren übrigens den Argumenten gegen die Befreiungstheologie täuschend ähnlich. Zu politisch seien diese. Zu viele Sympathien für den Kommunismus hätten sie. Zu viel Nähe zu den Menschen würden sie zulassen. Der Vorwurf ist ein klassisches katholisches Eigentor, denn das grossartigste, was dieser Kirche in den letzten 120 Jahren gelungen ist, heisst katholische Soziallehre. Historisch betrachtet gibt es keinen Sozialismus ohne Christentum und theologisch betrachtet gibt es kein Christentum ohne Sozialismus, den wir seit Urzeiten Diakonie nennen. Der Kommunismus ist eine buchstäblich urchristliche Lebensform. Marx und seine Epigonen haben ihn nicht erfunden, sondern lediglich entseelt und damit zu einem unmenschlichen Monster gemacht.
Einen Haken hat die katholische Soziallehre allerdings: Sie kennt keine Zulassungsbeschränkungen. In ihrem Licht kann ich noch heute damit beginnen, Seelsorger zu sein. Und wenn ich es nicht tue, dann verhalte ich mich wie ein Ambulanzfahrer, der eifrig darauf bedacht ist, seinen Tank ja immer bis zum Rand gefüllt zu haben, sein Fahrzeug aber nie für Rettungseinsätze benutzt.
Eintrag ins Logbuch: Was braucht es dringender in der Arbeitswelt: Seelsorger oder Luturgen?
THOMAS BINOTTO