Leben in der Vorläufigkeit
Seit neun Jahren beschleicht sie ein Unbehagen, wenn sie den Briefkasten öffnet. Ist Post vom Migrationsamt gekommen? Und wenn ja, welche? Die Aufenthaltsbewilligung oder die Wegweisung? «Diese permanente Ungewissheit ist sehr belastend» sagt Sara (Name geändert). «Dabei hat man uns versprochen, dass wir die B-Bewilligung erhalten, sobald wir ein Jahr ohne Sozialhilfegelder auskommen. Seit 15 Monaten ist das bereits der Fall, aber unser Antrag wurde wieder abgelehnt und wir erhielten einmal mehr nur eine vorläufige Aufnahme für ein weiteres Jahr.» Sara tönt verbittert. Oder sollte man besser sagen verzweifelt? Als politischer Flüchtling kann sie nicht zurück in ihr Herkunftsland und in einem anderen Land würde das ganze Asylprozedere wieder von vorne beginnen. Das ist mit einer fünfköpfigen Familie nicht einfach. «Meine Kinder sind hier mittlerweile völlig integriert. Sie sprechen perfekt deutsch, sind gut in der Schule und haben ihr soziales Netz.» Auch Sara spricht sehr gut deutsch, sie war früher Lehrerin. Jetzt geht sie abends putzen. «Ohne reguläre Aufenthaltsbewilligung bekomme ich keinen anderen Job. Ich hatte bereits mehrmals eine gute Stelle in Aussicht, doch wenn dann die Frage nach der Aufenthaltsbewilligung kam, hiess es immer: Tut uns leid, aber wir können nur Leute mit B- oder C-Bewilligung anstellen.» Auch für die Kinder – zwei sind bereits in der Oberstufe – werde es unter diesen Umständen schwierig, eine Lehrstelle zu finden, trotz der guten Schulnoten.
Saras Mann war bis vor kurzem auch in der Reinigung tätig. Nun arbeitet er auf dem Bau. Da verdient er zwar etwas mehr, aber auch so reicht es nur knapp. Zumal er seinen Lohn nicht regelmässig, sondern oft in Raten bekommt. Doch beschweren kann er sich deswegen nicht, er muss ja froh sein um den Job. Genau wie Sara, die sich mit 17 Franken brutto Stundenlohn begnügen muss und es ungerecht findet, dass sie von der Reinigungsfirma oft in Privathaushalte geschickt wird, wo die Putzarbeit viel anstrengender ist, während ihre Kolleginnen die Büros reinigen können. «Nur weil ich am besten deutsch kann und die Leute an der Goldküste eine Putzfrau wollen, mit der man reden kann.»
Als Saras Mann vor einiger Zeit einen Unfall hatte und sein Verdienst ausfiel, konnten sie plötzlich die Miete nicht mehr bezahlen. Nur eine von der Caritas vermittelte Überbrückungshilfe verhinderte eine Kündigung. Doch die Vermieterin droht immer mal wieder mit dem Rausschmiss. «Sie mag einfach keine Ausländer.» Ein ständiges Damokles-Schwert, denn wie sollten sie ohne festen Aufenthalt eine neue Wohnung finden, die ja auch noch möglichst günstig sein müsste?
Sara sagt, sie sei müde und erschöpft und denke manchmal, wenn sie gewusst hätte, was nach der Flucht aus ihrer Heimat auf sie zukommt, wäre sie lieber da gestorben. Sie weine viel, habe seit langem Schlafstörungen, Rücken- und Magenbeschwerden und mindestens einmal in der Woche heftige Migräne. Ganz zu schweigen vom Heimweh nach ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten. So gut es geht, rappelt sie sich immer wieder auf, reisst sich zusammen. Alles der Kinder wegen. «Auch für die ist die Belastung gross. Die merken ja, dass mein Mann und ich uns ständig sorgen. Und wir können ihnen ja auch nicht viel von dem bieten, was andere Kinder und Jugendliche haben. Nach den Ferien zum Beispiel erzählen alle in der Schule, wo sie waren und was sie erlebt haben. Für unsere Kinder gibt es nur Fernsehen oder die Badi.» Sie habe manchmal Angst, dass ihre Kinder die Hoffnung verlieren, weil es keine Aussicht auf eine Änderung der Situation gebe.
Und doch, einen kleinen Lichtblick gibt es: Anfang Jahr kann Sara vier Halbtage die Woche einen qualifizierten Berufseinführungskurs mit Deutschunterricht besuchen. Die Caritas organisiert die Bezahlung von drei Halbtagen, den vierten zahlt Sara selber. «Ich habe zwar recht schnell deutsch gelernt, aber ich habe kein Zertifikat. Wenn ich diesen sechsmonatigen Kurs absolviert habe, dann habe ich bestimmt Aussicht auf einen besseren Job. Und auch auf dem Migrationsamt kann ich dann etwas vorweisen.» Woher sie die Energie nimmt, nebst Putzjob und Hausarbeit auch noch die Schulbank zu drücken, weiss sie zwar noch nicht so genau. Doch sie wird auch das schaffen.
JUDITH HARDEGGER