Der betende Stier
«Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir». Kaum zu glauben, dass dieses demütige Bekenntnis am Anfang des bekannten Hymnus «Adoro te devote» aus der Feder des gleichen Mannes stammt, der das Reden über Gott während Jahrhunderten durch die strenge Logik und Brillanz seiner theologischen Argumente prägen sollte. Und doch entspricht dieses Miteinander von betender Betrachtung und reflektierter Verkündigung genau dem Ideal des heiligen Dominikus, dessen Tradition sich dieser Mann verpflichtet wusste, und der von seinen Pariser Kollegen als ein mächtiger, schweigender Stier bezeichnet wurde: Thomas von Aquin.
Thomas wurde um das Neujahr 1225 herum in der Nähe von Aquino als jüngster Sohn des Herzogs Landulf geboren. Bereits mit fünf Jahren wurde er ins Kloster Montecassino geschickt, wo er sich auf eine priesterliche Laufbahn vorbereiten sollte. Mit 15 Jahren kam Thomas nach Neapel, wo er an der Universität zu studieren begann. Und dieser Wechsel vom beschaulichen Kloster in die pulsierende Stadt sollte für den jungen Adligen in vielerlei Hinsicht Folgen haben. Zum einen geriet er in der Sog jener Jugendbewegung, die von den Idealen der neuen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner inspiriert wurde. Zum anderen lernte er die Philosophie des Aristoteles kennen. Beide, Aristoteles und die neuen Orden, sorgten damals für einigen Gesprächsstoff. Die «Aristoteliker» wurden von vielen als Nihilisten und Freigeister betrachtet, und auch die Bettelorden wurden von konservativen Kreisen als Häretiker und Söhne des Antichristen verschrien. Ein Grund mehr für einen jungen Mann, sich beiden Themen ausgiebig zuzuwenden.
1244 entschloss sich Thomas, dem Dominikanerorden beizutreten, was in seiner Familie alles andere als Begeisterung auslöste. Ein Jahr lang hielt man ihn in der väterlichen Burg gefangen, bis er entkommen konnte. 1245 lernte er in Paris Albertus Magnus kennen, bei dem er als Schüler studierte und mit dem er 1248 nach Köln ging. 1252 kehrte er nach Paris zurück, wo er 1256 die Lehrerlaubnis als Professor bekam. Von da an bestand sein Leben aus ständigen Ortswechseln: Rom, Viterbo, Orvieto, Paris und Neapel waren sein wichtigsten Wirkungsstätten. Die Schaffenskraft des heiligen Thomas von Aquin schien in diesen Jahren keine Grenzen zu kennen. Unzählige Schriften hat er verfasst, unter denen die «Summe der Theologie» den wichtigsten Platz einnimmt. Angetrieben von Wahrheitsliebe und Menschenliebe, war er ein Lehrer aus Leidenschaft mit einer ausgeprägten Gabe zur Vereinfachung.
Was ihn aber am meisten auszeichnet, ist sein Umgang mit seinen Widersachern. Keiner hat die Argumente seiner Gegner besser studiert und klarer dargestellt, als Thomas von Aquin. Und seine Widerlegungen sind teilweise von einer derart logischen Klarheit, dass sie gelegentlich mit einer Fuge von Bach verglichen werden. Von seiner unglaublichen Gabe, dem anderen zuzuhören, ihn zu verstehen und sich dann kritisch und intellektuell redlich mit dessen Argumenten auseinanderzusetzen, könnten wir gerade heute wieder einiges lernen.
Thomas hat die Theologie zur Wissenschaft erhoben, und sie mit Hilfe der aristotelischen Philosophie bis an die Grenzen des Sagbaren getrieben. Aber er hat dabei nie vergessen, dass Gott selbst hinter den brillantesten Argumenten letztlich verborgen bleibt und dass man sich seinem wahren Wesen nur betend nähern kann. Dieses Wissen bestätigte sich für ihn in einer mystischen Erfahrung kurz vor seinem Tod am 7. März 1274. Danach bekannte er: «Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.»
BEAT ALTENBACH