Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Auf den Spuren des Jesuitenpaters Matteo Ricci in China

Dialog der Kontinente

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Als der italienische Jesuit Matteo Ricci 1583 China betrat, brachte er nicht nur das Christentum ins Reich der Mitte, er errichtete auch eine kulturelle Brücke zwischen Asien und Europa, die bis heute besteht. 400 Jahre nach dem Tod des Missionars hat sich Gernot Wisser SJ auf die Suche nach den Spuren seines Vorgängers gemacht. Ein Gespräch in Hongkong.

forum: Herr Wisser, Sie haben nun während zwei Wochen in China Ihrem jesuitischen Mitbruder Matteo Ricci nachgespürt. Wie fühlte sich das an? Gernot Wisser SJ: Ich habe Matteo Ricci auf dieser Reise für mich neu entdeckt. Selbstverständlich hatte ich bereits während meiner Ordensausbildung viel über ihn gehört, und auch anlässlich seines 400. Todestages im Mai dieses Jahres noch mal einiges aufgearbeitet. Aber nun zu sehen, wo er in Macao an Land gegangen ist, und auf dem langen Weg durch China nachvollziehen zu können, warum es 18 Jahre gedauert hat, bis er dann schliesslich seinen Fuss in den kaiserlichen Palast in Beijing gesetzt hat, das war schon ein spezielles Erlebnis.

Waren Sie überrascht, Matteo Ricci auf dem ­Titelblatt einer populären chinesischen Zeitschrift zu sehen?Ja und Nein. Ja, weil Matteo Ricci bei uns nicht so bekannt ist, dass er es auf die Titelseite einer populären Zeitschrift bringen würde; nein, weil die Medien ja oftmals auf Themen aufspringen, die ihnen interessant erscheinen, und dann kann auch in der Volksrepublik China der Matteo Ricci auf so einer populären Titelseite drauf sein.

Bereits im 7. Jahrhundert brachte der nestorianische Mönch Jaballus christliche Schriften ins chinesische Kaiserreich, im 14. Jahrhundert sandte der Papst den Franziskaner Johannes von Montecorvino zur Glaubensverbreitung nach China. Beide Versuche, das Christentum im Reich der Mitte anzusiedeln, scheiterten. Worin lag das Geheimnis der frühen Jesuiten?                                                                                                              Um die Einführung des Christentums in China zu verstehen, muss man schon vor Matteo Ricci bei Francisco de Xavier, einem der Gründer des Jesuitenordens, und seiner Ankunft in Goa beginnen. Gemäss Anweisung des portugiesischen Königs taufte dieser Inderinnen und Inder, um sie zu Christen und damit zu gehorsamen Untertanen des portugiesischen Thrones zu machen. Als Xavier erkannte, für welche Machtspiele er da eingespannt worden war, ergriff er die Flucht, erreichte Japan und verstarb schliesslich vor den Toren Chinas. Er unterliess jedoch weitere Taufen aus der Erkenntnis heraus, sich zuerst die Sprache und die Gepflogenheiten eines Landes aneignen zu müssen, um überhaupt sinnvolle Missionstätigkeit entfalten zu können. Matteo Ricci seinerseits hat diese Erkenntnisse dann zu einer neuen Vorgehensweise in der Missionierung entwickelt, zur sogenannten Akkomodationsmethode. Er weilte zuerst zum mehrjährigen Studium der chinesischen Sprache und Kultur in Macao, und reiste dann über Nanjing in den folgenden Jahren bis nach Beijing. Trat er zunächst in der Rolle und Kleidung buddhistischer Mönche auf, so bemerkte er bald deren schlechtes Image und schlüpfte deshalb ins seidene Gewand des konfuzianischen Gelehrten. Damit wechselte er den Anknüpfungspunkt, den er nicht mehr bei der Volksreligion suchte – einer Mischung von Tao­ismus und Buddhismus –, sondern bei der Weltanschauung der Gebildeten. Er selbst trat damit als «Weiser aus dem Westen» auf, der den geistigen Dialog suchte und an die klassische chinesische Philosophie anknüpfte, in deren Gewand er christliches Gedankengut anbot.

Nun war Matteo Ricci nicht nur Theologe, ­sondern auch Wissenschafter …Richtig. Er hatte vor seinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu 1571 neben Theologie auch Jurisprudenz und Mathematik studiert und war sicherlich ein ausgezeichneter Mathematiker und Astronom. Von rascher Auffassungsgabe wie er war, erkannte er schnell die Bedeutung der Vermittlung europäischer Wissenschaft – Mathematik, Astronomie und Geografie –, der Technologie und der Künste – Malerei, Architektur und Holzschnitt – für die Auseinandersetzung mit der Führungsschicht. Darüber hinaus war er offensichtlich ein sehr charmanter Zeitgenosse, der Menschen für sich einzunehmen wusste.

Sich Eintritt in die Verbotene Stadt in Peking zu verschaffen, dürfte nicht einfach gewesen sein. Wie gelang Ricci der Schritt über die Schwelle?          Das ist an sich eine ganz lustige Geschichte: Er schenkte dem Kaiser Uhren, die zu warten waren. Die Eunuchen, die sich damit überfordert sahen, überzeugten den Kaiser, dass Ricci zusammen mit Mitbrüdern zwecks Unterhalt seiner Geschenke in den Palast vorgelassen werden sollte. So waren es letztlich mechanische Uhren und weniger hoch geistige Dialoge mit Konfuzianern, die ihm den Zutritt zum Kaiserpalast ermöglichten.

Matteo Ricci blieben noch zehn Jahre seines Wirkens in Peking. Was hat er in dieser Zeit ­erreicht?Zunächst einmal konnte er das Christentum für den Kaiser interessant machen. Plötzlich gab es in China viele Wissenschafter, die von Europa erzählten. Und die Chinesen, die sich bislang nicht vorstellen konnten, dass es auch ausserhalb ihres Landes noch eine ­zivilisierte Welt gab und Fremde grundsätzlich für ihre Vasallen hielten, mussten erkennen, dass diese Ausländer ihnen auf vielen Gebieten überlegen waren. Dann gelang es Matteo Ricci auch, die ersten Chinesen vom Christentum zu überzeugen und so die Grundlage für eine christliche Gemeinde in China zu legen.

Wie ging es nach Riccis Tod 1610 weiter?
In der Folge kamen immer mehr Jesuiten nach China, die zum Teil in der Wissenschaft, zum Teil in der Seelsorge für die bekehrten Christen tätig waren. Die Hochblüte der Jesuitenmission im Reich der Mitte war sicher unter Adam Schall von Bell (1592 – 1666), der als Mandarin erster Klasse beim Kaiser ein- und ausging, dessen Berater war und auch die Kalenderreform durchführte.

Zum Problem wurde den Jesuiten ja dann der Ritenstreit. Was ist darunter zu verstehen?
Die Grundfrage lautete: Darf ein Konfuzianer, der die Ahnen verehrt, Christ werden, oder sind Ahnenverehrung und Christentum nicht vereinbar? Handelt es sich bei der Ahnenverehrung um eine Verehrung, wie wir sie unseren Grosseltern zukommen lassen, oder geraten die Ahnen dann in den Rang eines Gottes? Ungeklärt war zudem, ob die Messe in Chinesisch gelesen werden durfte, wie das die Jesuiten vorschlugen.

Und die Entscheidung?
Nun, die Diskussionen dauerten ihre Zeit: Briefe von China nach Rom brauchten zwei Jahre, bis eine Anfrage beantwortet wurde, vergingen somit vier Jahre. Der Papst entschied 1715 die Unvereinbarkeit und verbot die chinesische Sprache in der Liturgie – was gleichzeitig das einstweilige Ende des Christentums in China bedeutete, da der Kaiser die Religion, die eine Verehrung der Ahnen verunmöglichte, sogleich verbot und die Ausweisung sämtlicher Missionare verlangte.

Eindrückliche Sakralbauten zeigen heute, dass das Christentum dann doch bis in die Moderne überlebt hat.
Interessanterweise gaben die christlichen Familien ihren Glauben auch ohne Priester und offizielle Kirche ihren Nachkommen weiter.
Nach dem Opiumkrieg zwischen China und Grossbritannien wurde 1842 durch die «Ungleichen Verträge» eine ungehinderte christliche Missionstätigkeit erzwungen, worauf zahlreiche Orden – unter ihnen auch die Jesuiten – eine umfangreiche seelsorgerliche und karitative Tätigkeit entfalteten. Um 1900 erreichte die Zahl der Katholiken beinahe die Millionengrenze. Mit der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 und der Ausrufung der Volksrepublik China unter Mao Zedong kam es schliesslich zu Christenverfolgungen und zur Vertreibung der Jesuiten aus China.

Die Jesuiten sind bis heute auf dem chine­sischen Festland verboten?
Ja, wie all jene Orden, die nicht diözesaner, sondern päpstlicher Struktur sind. Denn mit dem Papst existiert eine Macht ausserhalb Chinas, die Einfluss auf die Gemeinschaften nimmt. Dies will China im eigenen Land nicht zulassen.
Anerkannt sind einzig Frauenorden, die vorwiegend sozial tätig sind und in ihrem diözesanen Rechtsstatus von einem Bischof, der von der Regierung anerkannten Patriotischen Vereinigung überwacht werden.

Wie haben Sie denn die Situation der katholischen Kirche in China heute erlebt?
Auf Grund der Gespräche, die ich führen durfte, komme ich zum Schluss, dass sie einen wesentlichen Schritt vorwärts macht. Dies einerseits auf Grund des Papstbriefes von 2007 und andererseits deshalb, weil der Staat sowohl bei der romtreuen Untergrundkirche als auch bei der offiziell von China anerkannten Patriotischen Kirche offenere Ränder zulässt, was eine Annäherung ermöglicht. Wahrscheinlich wird es in absehbarer Zukunft nur mehr eine offene Kirche geben.

Wenn Matteo Ricci jetzt in China wäre, was ­würde er sagen?
Er würde wahrscheinlich versuchen, mit den Parteimitgliedern in Kontakt zu kommen und zu versuchen, ihnen die Ängste zu nehmen, so wie er es bereits vor 400 Jahren beim Kaiser getan hat. Damals wie heute ging es um die Befürchtung, dass von Ausländern eine Gefahr ausgeht, weil sie die Bevölkerung beeinflussen könnten.
Vor 400 Jahren gelang es Matteo Ricci, mit den Chinesen Freundschaft zu schlies­sen, in dem er über die Vermittlung der Wissenschaft Sympathie und Vertrauen erwarb. Wie dies heute gelingen könnte, ist eine andere Geschichte.

 

GERNOT WISSER SJ ist Provinzial der Österreichischen Jesuitenprovinz und lebt in Wien.

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"China ist nicht nur ein Land, es ist eine ganze Welt." Matteo Ricci (1552-1610) FOTOS: CHRISTOPH WIDER