Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Stille Nacht oder nicht – das scheint neuerdings die Frage. Die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich hat am 24. Juni 2009 Richtlinien erlassen, in denen der folgende Satz steht: «Von der aktiven Teilnahme muslimischer Kinder an Handlungen und Liedern mit religiösen Inhalten, welche ihrem eigenen Glauben widersprechen (z.B. solchen, die Jesus als Gottes Sohn bezeichnen), soll abgesehen werden.» Der Satz ist – nett gesagt – ungeschickt formuliert. Was ist mit jüdischen, hinduistischen, buddhistischen Kindern und mit solchen, die gar keiner Religionsgemeinschaft angehören? Ab wann kippt das lethargische Mitbrummen in aktive Teilnahme? Als was soll ein Weihnachtslied Jesus Christus bezeichnen, wenn nicht als Gottes Sohn?
Für skrupulöse Lehrerinnen und Lehrer bliebe für die Schulweihnacht wohl nur noch der Coca-Cola-Weihnachtsspot übrig und Andrew Bonds «Zimetschtern ha die gern, Mailändeeeerli au». Damit würde tatsächlich jede Kontamination mit christlichem Gedankengut vermieden, allerdings um den Preis, dass unsere Kinder danach einen Getränkelieferanten verehren und zeitlebens für jedes korrekte Versmass verdorben wären.
Dass diese Richtlinien ausgerechnet jetzt für Schlagzeilen sorgen, nur wenige Wochen nach der Minarett-Abstimmung, ist bestimmt kein Zufall. Und die SVP wird sich einmal mehr die Hände reiben, weil sie schon immer gewusst hat, dass die «Classe politique» und der Verwaltungsfilz unserer christlich geprägten Swissness den Garaus machen wollen. Und vielleicht muss man bei so viel religionsneutralem Zartgefühl ja tatsächlich befürchten, dass wir bald über die Verhüllung unserer Kirchtürme abstimmen werden. Der voraussichtliche Slogan des Initiativkomitees: «Mit der Burka übers Kreuz!»
So weit sind wir noch nicht, denn die Volksseele hat protestiert und die Erziehungsdirektorin relativiert. Zudem steht in den Richtlinien ja auch noch: «Bei christlich geprägten Unterrichtsinhalten (z.B. Weihnachtsvorbereitungen) sollen keine Sonderregelungen für nichtchristliche Schülerinnen und Schüler getroffen werden.» Also Punsch drüber und weiterfeiern? Nicht ganz, denn auch wenn nun Weihnachten vorbei ist und für uns Christen die weit weniger populäre Fastenzeit ansteht, sollte man in der Empörung nicht vergessen, dass die Richtlinien in einem Punkt instinktiv ins Schwarze treffen: Weihnachtslieder haben tatsächlich nicht nur eine Tradition, sondern auch einen Inhalt. Sie handeln nämlich – sofern nicht Kommerz und Schmalz triumphieren – unablässig von Jesus Christus als Gottes Sohn. Auf Dauer ist «Weihnachten ohne Jesus» etwa so praktikabel wie «ein bisschen schwanger werden».
Wer an Weihnachten auf Traditionen pocht, sollte sich deshalb bewusst sein, dass dieses Bekenntnis drastische und weit reichende Folgen haben kann, dass nämlich das Jesuskind, dem er mit «Stille Nacht» huldigt, sein Leben umkrempelt und in Frage stellt. Wer weiss, ob bei so viel Inhalt nicht plötzlich so mancher grossspurige Traditionalist den Antrag stellen würde, seine Kinder seien doch bitte ebenfalls von «Handlungen und Liedern mit religiösen Inhalten» fernzuhalten.

Eintrag ins Logbuch: Vorsicht mit Weihnachtsliedern - sie könnten unser Leben verändern.

THOMAS BINOTTO

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Das «Narrenschiff», 1494 von Sebastian Brant
verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire,
in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.