Moderator auf Zeit
Wie stark hat Sie die Leitung der Schweizer BiÂschofskonferenz beansprucht? Hat diese Aufgabe Ihre Arbeit im eigenen Bistum beeinträchtigt?
Kurt Koch: In der Bischofskonferenz muss man als Präsident natürlich immer präsent sein, wenn es zu besonderen Ereignissen kommt. Man muss dann auch gegenüber den Medien Red und Antwort stehen. Daneben gibt es auch viele Verpflichtungen, etwa im Ausland die Vollversammlungen des CCEE, der Konferenz der E uropäischen Bischofskonferenzen. Abstriche an der Arbeit in der eigenen Diözese sind deshalb unvermeidlich.
In die Zeit Ihrer Präsidentschaft wurde über die Anti-Minarett-Initiative abgestimmt. Das Stimmvolk folgte nicht den Kirchen und nahm die Vorlage an. Wie geht die Bischofskonferenz mit diesem Entscheid um?
Es ist keine Ausnahme, dass die Bischofskonferenz bei einer Abstimmung nicht zur Gewinnerseite gehört. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es um den menschenrechtlichen Schutz des Lebens geht. Da wird die Differenz zwischen der Basis und den Bischöfen sichtbar.
Ich anerkenne natürlich den Volksentscheid. Das bedeutet aber nicht, dass man keine Fragen mehr stellen darf. Mich haben vor allem die Zuschriften von vielen Gläubigen, die ich vor der Abstimmung erhalten habe, sehr bewegt und auch beunruhigt, weil ich sehen musste, dass die Ängste der Gläubigen durch die Annahme der Initiative nicht bewältigt, sondern erst nach der Abstimmung wirklich angegangen werden können.
Die Missachtung der Religionsfreiheit gegenüber Christen in vielen Ländern der Welt beschäftigt die Menschen in unserem Land stark. Mehr Solidarität gegenüber Christen in bedrängten Situationen ist nötig. Die Annahme der Initiative hat aber die Glaubwürdigkeit unseres Engagements für die verfolgten Christen nicht gestärkt, sondern geschwächt.
Wie das?
Die Menschen in jenen Staaten, in denen wir für Christen Religionsfreiheit einfordern, erklären nun, die Schweiz sei doch eine Demokratie, selbst sie gewährleiste aber die Religionsfreiheit nicht.
Auch die meisten grossen Schweizer Parteien wurden bei der Abstimmung versetzt. Gibt es einen Graben zwischen Kirchen und Parteispitzen einerseits und dem Volk?
Es ging bei der Abstimmung eigentlich gar nicht um die Minarette, sondern um viele andere Probleme. Hier kommt ein zweiter Aspekt der grossen Zustimmung zur Initiative zum Tragen. Viele Gläubige wollten mit der Annahme der Initiative zweifellos das Christentum in der Gesellschaft stärken. Aber nicht alle, die Ja gestimmt haben, wollen das Christentum festigen. Drei Kräfte Âhaben zur massiven Annahme der Vorlage geführt. Die eine will mehr Präsenz der christlichen Identität in unserem Land. Die zweite intendiert eine völlige Abdrängung des Religiösen, auch des Christlichen, aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Die dritte Kraft sind die feministischen Tendenzen, die sich für die Gleichberechtigung der Frau im Islam einsetzen.
Wie soll es nach der Abstimmung weiter gehen?
Noch nie war nach einer Abstimmung die politische Situation derart unübersichtlich und verworren wie jetzt. Es ist deshalb eine präzise Analyse nötig, welche Ängste und Anliegen zur Annahme der Initiative geführt haben. Sonst besteht die grosse Gefahr, dass sich diejenigen, die die christliche Identität bedroht sehen, nun gleichsam als trojanisches Pferd für ganz andere Tendenzen, für die Abdrängung der Religion ins rein Private und für eine völlige Trennung von Kirche und Staat, zur Verfügung stellen.
Sie haben die Frage von Kirche und Staat angesprochen. Die SP ringt mit einem Papier, das eine völlige Trennung von Kirchen und Staat anstrebt. Kann die linke Partei mit einem solchen Anliegen beim Volk eine Mehrheit finden?
In der Tat sehen diese Kreise in der Annahme der Initiative nur den ersten Schritt, dem der zweite Schritt folgen soll, der gegen das Christentum gerichtet ist. Eine solche Abdrängung des Religiösen aus der Gesellschaft widerspricht aber einem Grundprinzip des modernen demokratischen Rechtsstaates selbst. Wenn dieser es als historische Errungenschaft rühmt, nicht alles selbst tun zu sollen und zu können, sondern die freie Initiative der Bürger auf allen Gebieten zu fördern, ist es inkonsequent, wenn er bei diesen Förderungsbemühungen ausgerechnet die Religion ausnehmen will.
Gerade im Sinne einer gesunden Laizität des Staates muss solchem Ansinnen widersprochen werden. Mit der Abdrängung der Religion ins Private wäre vor allem der interreligiöse Dialog zum Scheitern verurteilt.
Gehen Sie davon aus, dass die Religionen derart ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden könnten?
Ich gehe nicht davon aus, dass das Volk Âeiner radikalen Abtrennung zustimmen würde. Wenn dies dennoch einträte, käme Âvollends ans Tageslicht, welche verhängnisvollen Auswirkungen die Anti-Minarett-Initiative gehabt hat.
Was war der erfreulichste Moment während ÂIhrer Präsidentschaft?
Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht war es der Kongress, den wir im Jahre 2008 in Lugano über das Verhältnis von Kirche und Staat in der Schweiz durchgeführt haben. Während intensiven Tagen haben wir in Anwesenheit von Vertretern des Apostolischen Stuhls und von staatskirchenrechtlichen Institutionen über die vielen offenen Fragen in diesem komplexen Bereich diskutieren können. Diese Tagung war ein Meilenstein in der katholischen Kirche in der Schweiz.
Ist es Ihnen als Präsident der Bischofskonferenz gelungen, hier neue Ziele zu setzen?
Als Präsident war ich vor allem Moderator. Es ging darum, die hängigen Fragen auf den Tisch zu bringen. Danach wurde eine KommisÂsion eingesetzt, die zu Handen der Bischofskonferenz die Fragen weiter bearbeitet.
Welches war Ihre schlimmste Erfahrung während Ihrer Zeit an der Spitze der Bischofskonferenz?
Die Bekanntgabe der Entscheidung, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfen aufgehoben hat. Dieses Ereignis hat mich eine ganze Woche lahmgelegt, weil ich nichts anderes mehr tun konnte, als den Medien Red und Antwort zu stehen. Zudem hat mich sehr bedrängt, dass durch dieses Ereignis die seit langem schwelende Polarisierung in der Kirche in der Schweiz neu aufgebrochen ist. Dies bereitet mir grosse Sorgen.
Sehen Sie einen Ausweg?
Nachdem Papst Benedikt XVI. glaubwürdig versichert hat, dass er von der Holocaust-Leugnung von Bischof Williamson nichts gewusst hat, ist der Streit keineswegs zu Ende gewesen. Er dauert als Streit um das Zweite Vatikanische Konzil weiter. Denn dieses wird auf rechter wie auf linker Seite sehr parteiisch für die eigenen Ideen vereinnahmt. Ich bin überzeugt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir gemeinsam die Texte des Konzils wieder lesen. Das Konzil ist und bleibt für mich die Magna Charta unserer Kirche auch im dritten Jahrtausend. Die Steinbruchexegese, die teilweise mit dem Konzil betrieben wird, führt aber nicht in die Zukunft.
Die aktuellen Diskussionen über die Bedeutung des Konzils führen bei vielen Katholiken zu Verunsicherungen.
Gewiss. Diese Verunsicherung zeigt sich beispielsweise darin, dass im ersten Halbjahr in der Öffentlichkeit das Konzil vor allem mit seiner Öffnung zur Ökumene und zu den anderen Religionen lautstark verteidigt wurde, während im zweiten Halbjahr diese Anliegen im Zusammenhang mit der Anti-Minarett-Initiative weitgehend von anderen Stimmen übertönt worden sind.
Mit dem Konzil verbinden viele eine grosse Hoffnung.
Dies geschieht mit Recht so. Allerdings wurden nach dem Konzil auch viele Hoffnungen geweckt, die genau besehen im Konzil nicht grundgelegt gewesen sind. Wir müssen uns deshalb auf die wahren Impulse des Konzils zurück besinnen, um von daher gemeinsame Wege in die Zukunft zu finden. Zudem sind viele grosse Visionen des Konzils noch gar nicht realisiert worden. Ich stelle beispielsweise immer wieder fest, wie oberflächlich zwischen einer Basiskirche und einer Amtskirche unterschieden – und damit die Grundüberzeugung des Konzils verraten wird, dergemäss alle Gläubigen und die Amtsträger zusammen das eine Volk Gottes bilden.
Sie geben das Szepter in der Bischofskonferenz weiter an den Bischof von Sitten, Norbert Brunner. Wo sehen Sie die grossen Herausforderungen der Bischofskonferenz in naher Zukunft?
Die Bischofskonferenz wird noch entschiedener als bisher pastorale Prioritäten setzen müssen. Nur auf diesem Weg lässt sich auch die Zusammenarbeit mit den staatskirchenrechtlichen Institutionen auf der gesamtschweizerischen Ebene wie der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) verbessern. Denn die Bischofskonferenz kann nicht einfach stets neue pastorale Notwendigkeiten definieren, ohne auch den Mut zu haben, darüber zu befinden, was nicht mehr weiter geführt werden kann, zumal die Finanzierungsmöglichkeiten zunehmend kleiner werden.
Werden Sie nach der Abgabe des Präsidiums neue Aufgaben wahrnehmen?
In der Bischofskonferenz wird mir wieder ein Ressort zugeteilt werden. So wie es aussieht, werde ich das Ressort Glaubenslehre und Theologie übernehmen. Damit werde ich auch wieder Mitglied in der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz sein.
Auf weltkirchlicher Ebene habe ich zunehmend mehr Aufgaben in der Ökumene wahrzunehmen. Als Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen bin ich in den Internationalen ökumenischen Dialogen sowohl mit den Orthodoxen Kirchen als auch mit den Lutheranern engagiert. Dass wir in der weltweiten Ökumene weitere Schritte tun können, halte ich für sehr wichtig. Und hier einen Beitrag leisten zu können, freut mich.
Ich war zudem sehr gerne Mitglied des Schweizerischen Rates der Religionen. Es ist aber richtig, dass immer der Präsident der Bischofskonferenz in diesem wichtigen Gremium Einsitz hat. Dem Bemühen um Frieden zwischen den Religionen und dem interreligiösen Dialog bleibe ich dennoch weiterhin verpflichtet.
Scheiden Sie ungern aus dem Amt?
Die drei Jahre als Präsident der Bischofskonferenz sind schnell vorbei gegangen, und ich hatte Freude an diesem Amt. Da ich vorher während neun Jahren Vizepräsident gewesen bin, war aber die Zeit für den Wechsel reif.
GEORGES SCHERRER / KIPA