Liebe Leserin, lieber Leser
Wer mir gegenüber die Redensart vom «finsteren Mittelalter» fallen lässt, sollte sich dafür viel Zeit nehmen, denn dem Mittelalter habe ich praktisch mein ganzes Studium gewidmet, und deshalb weiss ich eines ganz genau: «Finster» ist eines der dümmsten Attribute, das man dem Mittelalter anhängen kann. Nur schon der Begriff «Mittelalter» ist für 1000 Jahre Geschichte eine Zumutung, nichts weiter als eine bewusst abfällige Wortschöpfung nachfolgender hochmütiger Generationen.
Nach wie vor «finster» sieht es dagegen mit dem allgemeinen Wissensstand in Bezug auf diese Epoche aus, die Europa bis heute prägt. Es ist deshalb an der Zeit, dass einer der renommiertesten Kenner der mittelalterlichen Geschichte, insbesonÂdere der Mystik, etwas Licht in dieses Dunkel bringt.
Wenn Professor Alois Haas die Geschichte des Mittelalters entfaltet, dann werden Klischees und Vorurteile wie mit dem Hochdruckreiniger weggefegt. Durch seine immense Belesenheit, Âseinen weiten Horizont, sein Erzähltalent und seine ansteckende Vitalität wird die Vergangenheit lebendig. Wir spüren plötzlich, dass es nicht irgendeine, sondern unsere Vergangenheit ist, von der er erzählt, und dass sie eben gerade nicht vergangen, sondern gegenwärtig ist. Damit gewinnt ein auf den ersten Blick historisches Gespräch plötzlich ganz aktuelle Brisanz. Und immer intensiver muss man sich fragen: Sprechen wir nun wirklich vom 14. Jahrhundert oder vielleicht doch von der Gegenwart?
Alois Haas ist ein Gelehrter, dem ich viel zu verdanken habe – auch ein paar ganz praktische Lebensweisheiten, wie jene, dass man auf jede Reise ein Paar Badehosen mitnimmt. Er hat Âmeiner Begeisterung fürs Mittelalter im Studium ein solides Âwissenschaftliches und geistiges Fundament gegeben. Und so ist er mitschuldig, wenn ich jedem über den Mund fahre, der das Wort «finster» in allzu grosser Nähe zum Wort «Mittelalter» Âverwendet.
THOMAS BINOTTO