Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 2, 2010 «Kunst hat für mich etwas Sakrales»
Zum 80. Geburtstag von Silvio Mattioli

«Kunst hat für mich etwas Sakrales»

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FOTOS: CHRISTOPH WIDER
Silvio Mattioli gilt als einer der grossen unter den Metallplastikern unserer Zeit. Auch mit 80 Jahren ist seine Schaffenskraft ungebrochen. Ein Werkstattbesuch im zürcherischen Schleinikon.

Eine Bretterbühne, ein Stern, der den Durchbruch der Materie ins Immaterielle symbolisiert, Flügel und Goldkanten, die der Eisenplastik einen Touch Glamour verleihen – mit seinen 600 Kilogramm wirkt das soeben vollendete Werk von Silvio Mattioli seltsam leicht und dynamisch. Das Grabmal für César Keiser wartet in der Schmiede auf seinen Abtransport zum Friedhof Enzenbühl in Zürich. «Vielleicht wird es dort die Zürcher Grabmalkunst revolutionieren», sinniert Mattioli. Auf jeden Fall jedoch habe er damit ein weiteres Schlüsselwerk geschaffen – neben dem Brandkreuz im Kloster Disentis, der Nessosfigur und dem Ikarus auf dem Friedhof Sihlfeld sowie der Monumentalplastik Trias für die Fondation Pierre ­Gianadda in Martigny. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist die Verwandlung des Eisens Mattiolis Leidenschaft. Geprägt vom Zweiten Weltkrieg formt er den Werkstoff der Maschinen und Waffen zu künstlerischem Ausdruck, «bis eine physische Bewegtheit entsteht, die der Plastik eine energievolle, lebendige Ausstrahlung verleiht», wie er diesen Prozess beschreibt. Ein Schöpfungsakt, der die ganze physische und psychische Kraft des Gestaltenden erfordert.

NEUE AUSDRUCKSFORM
Dass Mattioli zum Eisen fand, ist kein Zufall. «Das Schmieden liegt mir im Blut», sagt der Nachfahre von italienischen Eisenschmieden aus Ravenna. Um seine Bestimmung zu finden, brauchte es jedoch zuerst den Umweg über Stein und Holz, mit denen Mattioli nach seiner Ausbildung zum Bildhauer in Winterthur, der Kunstgewerbeschule in Zürich und mehreren Auslandaufenthalten erste Erfahrungen sammelte. Doch war er damit ebenso wenig glücklich wie mit der Malerei, der er sich als Heranwachsender verschrieben hatte. «Ich suchte nach einer neuen Form des Ausdrucks, weg von der traditionellen Volumengestaltung hin zu einer raumgreifenden, expressiven Kunst», erklärt er in seinem Atelier in Schleinikon, einem alten Bauernhaus mit Umschwung, das er vor rund 40 Jahren vor dem Verfall gerettet und umsichtig wieder in Stand gestellt hat. «Die Arbeit mit Eisen ermöglicht das schnelle Schaffen in den Raum hinein, das Austreiben einer Form, die zur Gestalt wird. Dieses unmittelbare Erlebnis fasziniert mich auch heute noch. Es ist eigentliche ‹action sculpture›.» Auch wenn die Kräfte mit 80 Jahren nachgelassen haben, einen Tag ohne Arbeit kennt Mattioli nicht. «Künstlerisches Schaffen ist für mich Selbstwerdung», erklärt er, «und wenn ich auf meine 60-jährige Tätigkeit zurückblicke, muss ich sagen: ‹Ich hab es recht gemacht.› Ich habe stets mich selbst gesucht, nie kopiert, sondern Mut zur Eigenständigkeit gezeigt.»
In Mattiolis Werk nehmen Grossplastiken für den öffentlichen Raum eine dominante Stellung ein. Daneben stehen zahlreiche sakrale Werke für Kirchen und Klöster sowie kleinformatigere Arbeiten, die in sehr persönlicher Weise sein Leben reflektieren. Überall ist – wie auch jetzt im Gespräch – die existenzielle Auseinandersetzung mit den Gegensätzlichkeiten des Lebens spürbar. Als Ausdruck seiner Religiosität stehen zwei immer wiederkehrende Sujets: Das Kreuz als Läuterung und die Flügel als Überwindung der Materie. «Beide Symbole enthalten sowohl das Gefangensein im irdischen Dasein als auch die Freiheit der geistigen Dimension», sagt Mattioli. «Grundsätzlich jedoch hat für mich jedes gute Kunstwerk eine sakrale Aura, egal ob Landschaft, Figur oder Grabmal.»
Wie viele Plastiken er im Laufe seines Lebens geschaffen hat, weiss Mattioli nicht. Eines aber ist für ihn sicher: Die Grabskulptur für César Keiser wird nicht sein letztes Kunstwerk gewesen sein.

PIA STADLER

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BUCHTIPP

«Silvio Mattioli – Metallplastiker»
Bildband zum 80. Geburtstag des Künstlers. Unter Mitarbeit von Tochter Katharina Mattioli, mit einem Vorwort von Mat­thias Frehner und Fotografien von Roland Frutig.
Verlag Huber 2009. 144 Seiten. Fr. 98.–.
ISBN 978-3-7193-1512-2.