Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 2, 2010 Barrierefrei und selbstbestimmt
Pfarrei-Projektarbeit der Behindertenseelsorge Zürich

Barrierefrei und selbstbestimmt

Artikelaktionen
Ein Teil des Teams «Café mit Herz». FOTO: ZVG
Menschen mit Behinderung wollen sich einbringen und mitgestalten. Die Behindertenseelsorge ­unterstützt Pfarreien, damit Behinderte wahr- und ernstgenommen werden.


 «In vielen Pfarreien fragt man uns: Wo sind denn die Behinderten?», erzählt Christine Urfer. Seit Mai 2008 hat sie die Stelle für Projektarbeit in den Pfarreien aufgebaut. Regula Eiberle, selber gehörlos, und Elisabeth Gimpert, hörsehbehindert, arbeiten mit ihr: Denn sie sind die Experten. «Damit jedoch Menschen mit Behinderung sich engagieren können, müssen erst einige Hindernisse aus dem Weg geräumt werden», führt Christine Urfer aus. «Wenn das Pfarreizentrum nicht rollstuhlgängig ist, es keine erkennbaren Behindertenparkplätze hat und die Höranlage in der Kirche nicht sichtbar angeschrieben ist, kommen keine Betroffenen.» Deshalb hat die Behindertenseelsorge schon früh angeregt, Pfarreibeauftragte für Behindertenfragen zu bestimmen: Menschen aus Seelsorgeteam, Pfarreirat, Kirchenpflege oder freiwillig Engagierte, die darauf achten, dass Behinderte immer auch angesprochen und einbezogen werden. «Bereits im Jahr 2006 haben wir eine erste Weiterbildung für diese Beauftragten durchgeführt», erzählt Christine Urfer. Heute hätten 62 von den insgesamt 96 Pfarreien im Kanton eigene Beauftragte für Behindertenfragen. An der Weiterbildung im September 2008 wurde mit den anwesenden Pfarreibeauftragten die Checkliste «Hindernisfreie Pfarreien» ausgearbeitet, die im Internet verfügbar ist und in der nicht nur äussere Barrieren, sondern auch innere Haltungen angesprochen werden.
«Wenn Pfarreien umbauen oder renovieren, bieten wir ihnen gratis einen Rundgang mit einer Architektin sowie der Beauftragten der Behindertenkonferenz an, wo sie kompetent beraten werden, wie der Umbau behindertengerecht gestaltet werden kann», betont Christine Urfer. Der Leitfaden der Katholischen Kirche im Kanton Zürich «Hindernisfreies Bauen» zielt in die gleiche Richtung. Und die Firma Flexo Handlauf habe zudem bereits in fünf Pfarreien gratis Handläufe installiert, die für Menschen mit Gehbehinderung zwingend notwendig sind. «Wir unterstützen Pfarreien zudem bei der Gestaltung von Gottesdiensten oder sind für Firmgruppen da, wenn sie zum Thema Behinderung mit direkt Betroffenen in Kontakt kommen möchten», führt die Laientheologin weiter aus. Ein Beispiel für diese konkrete Unterstützung ist die Pfarrei Felix und Regula in Zürich. Regula Eiberle und Elisabeth Gimpert von der Behindertenseelsorge helfen dort in der Gruppe «Café mit Herz» mit. Alle Mitglieder der Gruppe sind behindert. Gemeinsam organisieren sie Nachmittage für die ganze Pfarrei, und gleichzeitig unterstützen sie sich gegenseitig. «Dieses Engagement ist jedoch für uns eine grosse Herausforderung», sagt Peter Fischer. Er ist an multipler Sklerose erkrankt und betont: «Die täglichen Ausgrenzungen und Diskriminierungen, die Bewältigung der alltäglichen Probleme brauchen so viel Energie, dass ein zusätzliches Engagement fast nicht mehr möglich ist.» Trotzdem ist er als Pfarreibeauftragter für Behindertenfragen nicht nur im «Café mit Herz» dabei, sondern auch in der Arbeitsgruppe «Zukunft» der Pfarrei. «Wir besprechen dort, welche Projekte wir anpacken wollen, und mein Mittragen stellt sicher, dass alle, behindert oder nicht behindert, miteinbezogen sind», hält er fest.

AHA-ERLEBNIS
«In den USA hatte ich ein entscheidendes Aha-Erlebnis», erzählt Erich Jermann, bis Ende Januar Leiter der Behindertenseelsorge. «Wenn dort die hinterste Tankstelle in der Pampa nicht ein Behinderten-WC hat, kann man sie einklagen.» Besonders beeindruckt war Jermann vom «Independent Living Center», dem «Zentrum für selbstbestimmtes Leben», das er in New York besuchte. «Behinderte engagieren sich dort selbstbestimmt für ihre Rechte.» In der Schweiz sei die Qualität in der Betreuung von Behinderten hoch. Dadurch hätten sich jedoch Strukturen ergeben, innerhalb derer Betroffene viel zu wenig selbst entscheiden können. «Deshalb haben wir auch unsere Aufgabe als Spezialseelsorge hinterfragt», führt er aus. Seither sind auch Behinderte bei der Seelsorgestelle angestellt und die Projektarbeit in den Pfarreien wurde aufgenommen. Neu gibt es die Gruppe «Ja-SL», was so viel bedeutet wie «Ja, Jetzt Alle – Selbstbestimmt Leben.» Angeregt wurden sie von einer Begegnung mit Bill und Vicky Bruckner, die, beide körperbehindert, aus ihrem Leben und dem Werdegang der «Independent Living»-Bewegung in den USA erzählt haben. Die Ja-SL-Gruppe will als gleichwertige Partner zusammen mit nicht behinderten Menschen innere und äussere Barrieren abbauen. Auch den Namen «Behindertenseelsorge» gibt es nicht mehr ohne den Zusatz «gemeinsam – barrierefrei – selbstbestimmt».

BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER

www.behindertenseelsorge.ch
www.hindernisfreiepfarreien.ch

Artikelaktionen