Eine Theologie der Sehnsucht
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FOTOS: CHRISTOPH WIDER
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forum: Im Zusammenhang mit Religiosität wird oft von mystischen Erfahrungen gesprochen. Was leistet eigentlich die Mystik für unseren Glauben?
Alois Haas: Der Witz ist gerade, dass sie nichts leisten muss. Es geht in der Mystik unter anderem um das Einüben in Gelassenheit – das zentrale Wort von Meister Eckhart (um 1260 – 1328) – und diese Gelassenheit besteht darin, sämtliche Zielvorstellungen und Absichten aufzugeben, damit man aus einer möglichst grossen Spontaneität heraus leben kann, um dann in der dadurch gewonnenen Freiheit im richtigen Augenblick das Richtige zu tun.
Das klingt abstrakt. Und es kursieren ja auch viele Vorstellungen von Mystik als einer abgehobenen religiösen «Spezialdisziplin».
Wer Mystik als einen Lebensbereich versteht, der im Gegensatz zum aktiven Leben steht, der hat eine vollkommen falsche Vorstellung, weil die mystische Haltung gerade die Versöhnung von Aktion und Kontemplation anstrebt. Der Mensch soll aus einer ganz starken inneren Konzentration heraus in christlicher Nächstenliebe sein Leben tatkräftig gestalten.
Sie haben jahrzehntelang über die deutschen Mystiker des Mittelalters geforscht, deren wichtigste Vertreter Dominikaner waren, die im 14. Jahrhundert gewirkt haben. Nun sind die meisten theologischen Strömungen ja auch Antworten auf Herausforderungen ihrer Zeit.
Das 14. Jahrhundert ist ganz extrem eine Zeit der Aufbrüche. Es herrscht Chaos im kirchlichen Bereich und auch in der politischen Landschaft. Es gibt laufend Gegenpäpste, der Papst zieht ins Exil nach AviÂgnon. Eine eigene Stadtkultur entwickelt sich, im sozialen Bereich entstehen ganz neue Berufe. Dann die Pestseuchen in den 30er Jahren. Und nicht zuletzt Extremisten wie die Geissler. Das 14. Jahrhundert ist zudem eine Zeit der Laien, in der diese sich zum Teil sehr prononciert gegenüber der ÂHierarchie äussern und ihr Mitspracherecht einfordern, und zwar – was für die Mystik ganz wichtig wird – in einer Sprache, die nicht kirchlich geprägt ist, sondern in der Sprache der Laien, in der Volkssprache.
Das klingt nach ungeheurer Dynamik. Wurde die Kirche von dieser Dynamik mitgerissen?
Die Kirche musste sich in Neuland vorwagen. Und sie tut es vor allem durch die Bettelorden, die Franziskaner, die Dominikaner, die Augustiner und die Karmeliter. Diese gehen dorthin, wo – ganz nüchtern betrachtet – am meisten gesündigt wird. Die DominiÂkaner haben praktisch soziologische Erhebungen durchgeführt, um diese Orte zu bestimmen. Schliesslich sind sie mitten in den Städten gelandet und haben dort ihre kleinen Klöster gegründet. Von dort aus haben sie die grosÂsen Bedürfnisse ihrer Zeit aufgenommen und ein völlig neues spirituelles Programm entwickelt.
Und was war daran so neu?
Ein Christ definiert sich für sie dadurch, dass er gleichzeitig kontemplativ und aktiv ist – nach innen orientiert und der Welt zugewandt – ebenso im Gebet versunken wie im Alltag wirkend. Diesen Alltag nehmen die Bettelorden sehr ernst und gestalten ihn auch mit. Sie sind beispielsweise die ersten, die an ihren Kirchtürmen Uhren anbringen lassen und damit das Alltagsleben strukÂturieren.
Die Kontemplation, die geistige Beschäftigung mit dem Glauben, war bis dahin ein Privileg der reichen Leute und der Mönche. Nun werden dank den Bettelorden auch die einfachen Leute kontemplativ. Und vor allem die Frauen melden sich zu Wort. Die Bewegung der Beginen sorgt für einen sozial wie spirituell vollkommen neuen Aufbruch in der Kirche. Sie leben ohne Klausur, also mitten in der Stadtkultur, in kleinen Gemeinschaften. Damit gehören sie sowohl spirituell zur Avantgarde, wie sie auch wirtschaftlich und sozial bahnbrechend wirken.
Diese neue Form des geistlichen Lebens inÂmitten einer lauten, sehr weltlichen Stadt, ist Âbestimmt nicht leicht zu entwickeln.
Hier herrscht tatsächlich eine Spannung, die sich im Leben von Heinrich Seuse (1295 – 1366) besonders eindrücklich zeigt. Er nimmt sich als Ordensmann vor, mitten in der Stadt Konstanz ein Leben nach dem Vorbild der ägyptischen Wüstenmönche zu führen. Also sondert er sich als Individualist in seinem Kloster ab, lässt sich eine eigene Kapelle einrichten und führt ein Leben in extremer Askese. Bis er eines Tages feststellt, dass diese Inszenierung in einer Stadt keinen Sinn ergibt.
Diese Einsicht kommt ihm an einem Sonntag, als er einen Hund mit einem Fusstuch spielen sieht und eine Stimme hört, die ihm sagt, dass sie mit ihm, Heinrich Seuse, so spielen werde wie der Hund mit seinem Fusstuch. Das ist die entscheidende Wende in seinem Leben. Seuse wird wieder zu einem sozialen Wesen und wendet sich der Welt zu. Er gibt es auf, selbst der Dirigent seines Lebens und seines Glaubens sein zu wollen und überlässt Gott die Regie. Er wendet sich in mystischer Gelassenheit dem Stadtleben zu.
Während ich Ihnen zuhöre, kommt mir mehr und mehr die Gegenwart ins Blickfeld, die ganz ähnliche Herausforderungen an die Kirche stellt.
Wenn wir diesen Vergleich zur Gegenwart weiterziehen wollen, spielt der Umgang mit Geld eine wichtige Rolle, denn er wandelt sich im 13./14. Jahrhundert massiv. Papst Johannes XXII. (1245/49 – 1334) war mehr Banker als geistlicher Führer und ein eigentliches Finanzgenie. Ihm gelang es, für die Kirche Geld zu organisieren, indem er die Konkubinate von Priestern besteuern liess. Er hat also die massenhaften Verstösse gegen den Zölibat genutzt, um seine Kassen zu füllen.
Offiziell bleibt das Konkubinat zwar verboten, durch die Besteuerung wird es aber praktisch legalisiert. Das Geld wird zu einer Macht, der man die bisherige Überzeugung und Praxis des Christentums opfert. In Italien und Frankreich entstehen die ersten Geldinstitute. Geld wird zum Mammon, zum neuen Gott, dem man – auch mit viel krimineller Energie – huldigt. Und schliesslich wird die Macht des Geldes so stark, dass von der Reformation und später auch von der katholischen Kirche das Zinsverbot aufgehoben wird.
Vor diesem Hintergrund werden Franz von Assisi (1181/82 – 1226) und die Bettelorden erst verständlich. Wusste Franz überhaupt, was er mit seiner frei gewählten Armut anrichtete?
Was Franz tat, war zunächst einfach ein ungeheuer provokativer Akt, ein Affront. Er empfindet seinen Vater als widerwärtigen Geldscheffler, zieht sich auf dem Marktplatz nackt aus und macht von nun an genau das Gegenteil von dem, wofür sein Vater steht. Die Armut von Franz ist zunächst ein impulsiver Protest. Erst danach findet er seinen weiteren Weg.
Franz von Assisi konnte nicht ahnen, dass er damit eine neue Bewegung anstossen würde.
Die Dialektik von Armut und Reichtum respektive Erfolg ist sehr interessant, weil die Wahl der absoluten Armut ein Weg zum Reichtum ist – nicht unbedingt für das Individuum, aber für eine Gemeinschaft. Das lässt sich immer wieder in den Ordensgeschichten verfolgen. Da haben sich Ordensgemeinschaften ins ökonomische Niemandsland hineinbegeben, weil sie dort in Armut leben konnten. Aber sie mussten dennoch irgendwie über die Runden kommen, was wieder eine ökonomische Dynamik auslöste. Sie entwickeln also aus dem absoluten Mangel heraus neue wirtschaftliche Überlebensmodelle, die so interessant sind, dass sie schliesslich von der Gesellschaft übernommen werden.
Auch unsere Zeitstruktur verdanken wir den Orden. Unser lineares Verständnis von Zeit wäre einem Orientalen nie in den Sinn gekommen. Aber im Abendland muss ein Christ bereits im 7. Jahrhundert Gewissensbisse haben, wenn er Zeit vergeudet. Dieser ökonomische Umgang mit Zeit ist eine Erfindung der Klöster. So ist es immer wieder zu beobachten: Kirchliche Aufbrüche wenden sich gegen den «Zeitgeist» und werden genau dadurch unheimlich einflussreich.
Sie haben angetönt, dass im 14. Jahrhundert auch Bewegung ins Zusammenspiel von Männern und Frauen kommt.
Es passiert etwas ungeheuer Wichtiges für die Emanzipation der Frau im geistlichen Bereich. Erstmals kommt es nämlich zu einem theologischen Austausch zwischen Männern und Frauen, und zwar in einer gemeinsamen Sprache. Die Frauen verlangen von «den Pfaffen» selbstbewusst, dass sie nicht mehr lateinisch, sondern deutsch theologisieren müssen. Und die kirchliche Hierarchie befiehlt den Dominikanern mit Nachdruck, den Nonnen nicht ungelehrte Kleriker zu schicken, sondern die besonders begabten und gelehrten.
Das alles zusammengenommen klingt nach viel Mut zum Risiko, nach einer geradezu abenteuerlustigen Kirche.
Der französische Romancier und Essayist Léon Bloy (1846 – 1917) hat eines seiner Bücher «Le Pelerin de l’Absolu» (Pilger des Absoluten) genannt. Das drückt sehr treffend aus, worum es hier geht.
Die Option, die der Mystiker wählt, ist absolut offen, er darf auf nichts fixiert sein. Erst dann ergibt sich durch Zufall oder Vorsehung – wenn man es religiös ausdrücken will – der weitere Weg.
Wenn man diese Erfahrungen des Mittelalters in die Gegenwart zu übertragen versucht, muss man dann nicht zum Schluss kommen, dass sich die Kirche heute viel zu restaurativ verhält, als Verwalterin, die das Risiko scheut?
Man müsste wohl eine Art christliche Chaostheorie entwickeln. Sich nicht zum Vorneherein orientieren, sondern im Nachhinein orientiert werden. Diese Option der radikalen Offenheit ist heute allerdings besonders schwierig, weil wir ja laufend Lebensplanung und Konzepte machen.
Es herrscht zudem eine fundamentale Führungsschwäche. Die Kirchenleitung führt viel zu viel in moralischen Belangen und behaftet ihre Mitglieder viel zu sehr auf ihre Rechtgläubigkeit. Es herrscht ein Dogmatismus, der rein konservativ – in einem negativen Sinn – wirkt. Das hat etwas Töteliges.
Faktisch können die Gläubigen doch die ganzen dogmatischen Vorgaben der Kirche gar nicht buchstabengetreu erfüllen, das ist eine reine Illusion. Für die Menschen im Mittelalter wäre es jedenfalls völlig undenkbar gewesen, bei einem solch unüberschaubaren Dickicht von Regeln und Gesetzen ihr bescheidenes Christenleben führen zu können.
Was wäre denn wichtiger als Dogmatismus und Konservierung der Traditionen?
Eine Theologie der Sehnsucht, denn Sehnsucht ist ein Antrieb, der nicht abtötbar ist. Die ersten Christen haben auf die baldige Wiederkunft von Jesus Christus gewartet. Diese Erwartung wurde enttäuscht und seither stehen die Christen in einer Erwartungshaltung. Sie harren sehnsüchtig der Erfüllung. Diese Spannung drückt Johannes aus, wenn er von «in der Welt, aber nicht von der Welt» spricht. Wenn wir nur noch als gute Menschen alles richtig machen wollen, dann wird es absolut platt und bürgerlich. Andererseits hat der Übergang in den Protestantismus etwas fantasieloses, weil er zunächst alle weltliche Lustbarkeiten demontiert.
Sehnsucht wäre dann praktisch eine emotionale Religiosität, mit der man die Spannung zwischen «in der Welt, aber nicht von der Welt» aushält und für seinen Glauben fruchtbar werden lässt.
Man muss im Glauben etwas finden, dass gerade nicht auf den Moment der Befriedigung und der Gewissheit abstellt, sondern auf den Moment des fruchtbaren Nicht-befriedigt-seins und der Ungewissheit.
Mit dem Pilgern hat diese Theologie der ÂSehnsucht im Mittelalter eine ganz konkrete Form gefunden.
Als Pilger war man im Mittelalter absolut exponiert. Es wurden deshalb auch viele negative Erfahrungen überliefert. Pilgern war eine gefährliche Unternehmung. Aber man setzt sich mit diesem Risiko auch einer Situation aus, in welcher der Horizont offen ist, in der ich nicht an meine Pläne für morgen denke. Wenn man dieser Offenheit seelisch standhält, kann Pilgern tatsächlich zur praktischen Erfahrung einer Theologie der Sehnsucht werden.
Normalerweise denken wir bei Sehnsucht an Âliebende Paare.
Das Sehnen kommt durch den Minnesang in unsere Volkssprache. Im 12. Jahrhundert entdeckt man die Liebe als eine Kraft, die sich nicht nur in der Präsenz zweier Liebenden erschöpft. Im Gegenteil, sie wächst sogar, je weiter die Liebenden voneinander entfernt sind. Dann wird Liebe zur Sehnsucht. Das wird von einer Mystikerin wie Mechthild von Magdeburg (um 1207 – 1282) aufgenommen, die eine eigentliche Minnesängerin des geistlichen Lebens war. Sie kennt das Vokabular der Minnesänger und beschreibt damit die Beziehung von Mensch und Gott. Später hat einer wie Johannes vom Kreuz (1542 – 1591) sogar extrem obszöne Wörter aus der Volkssprache übernommen und in den geistlichen Bereich übertragen, was heute kein Mensch mehr merkt, weil daraus rein geistliche Begriffe geworden sind.
Kirche und Gesellschaft verhalten sich heute wie ein Liebespaar, bei der vor allem die Kirche panische Angst vor einer Trennung hat, weil Âdamit die Beziehung für alle Zeiten kaputt Âgehen könnte. Vielleicht würde damit aber auch die gegenseitige Sehnsucht wieder wachsen.
Dazu passt eine ästhetische Theorie, die auf Dionysius Aeropagita (um 500) zurückgeht. Damals hat man sich gefragt, ob es richtig sei, wenn man die Rede von Gott jener vom kaiserlichen Herrscher angleicht. Soll man also sagen: «Der Herrscher sitzt auf einem Thron, also sitzt auch Gott auf einem Thron?» Dionysius fordert, dass die Distanz zwischen Bildbereich und Erlebnisbereich unendlich gross wird.
Man nennt das eine Distanzmetapher. Man sagt also: «Gott ist ein Wurm am Kreuz» und bringt so das höchste Wesen – Gott – in Beziehung zu den – aus damaliger Sicht – niedrigsten Wesen. Weil die Distanz zwischen den beiden so unendlich gross ist, beginnt der Mensch plötzlich nachzudenken. Die Provokation wird fruchtbar für seine Beziehung zu Gott.
Daraus könnte man folgern, dass die Kirche weniger krampfhaft um Nähe und Selbstbehauptung kämpfen müsste. Ganz radikal gedacht, könnte sie sogar bewusst christliche Symbole aus der Welt «abziehen», damit die Sehnsucht danach wieder wachsen könnte.
Dem steht natürlich vieles entgegen. Wir sind ja von Traditionen praktisch umstellt, so dass wir gar nicht mehr wissen, ob etwas noch christlich ist oder schon wieder heidnisch. Ist Weihnachten noch ein christlicher Brauch oder nur noch ein säkularer Baumkult? Auf jeden Fall würde uns aber Eckharts Gelassenheit weiterhelfen, damit wir nicht jedes Mal aufschreien, wenn das Christentum karikiert, kritisiert oder gar bekämpft wird. Gerade weil wir nie endgültige Gewissheit und Sicherheit haben werden, bleibt uns die Sehnsucht erhalten. Und diese Sehnsucht wiederum könnte uns durch manche Ungewissheit führen.
THOMAS BINOTTO