Weckruf für emotionale Debatten
Glocken haben eine Krone, Schultern, eine Flanke und gar einen Mund. Glocken scheinen mehr als blosse Eisenobjekte zu sein. Und fast wöchentlich hören wir von dieser intimen Beziehung zwischen Menschen und Glocken. Sie ist Gegenstand von Gerichtsentscheiden und Gesprächen in Gemeinden und Pfarreien. In einer Diskussion im letzten Jahr in Stansstad wurde gesagt: «Die Kirchenglocken gehören zum Dorfleben. Ohne Glocken ist man tot.» Aber auch: «Die grellen Töne des Stundenschlags, der aktiv ist, wenn gesetzlich von 22 bis 6 Uhr Nachtruhe herrschen soll, sind eine Zumutung.» Was symbolisieren Glocken für uns, dass sie so intensive Bauchgefühle hervorrufen?
FUNKTION UND KLANG
Sind Glocken das, was sie für uns tun? «Ich zähle oft die Glockenschläge, einfach um die Uhrzeit zu wissen.» Glocken haben eine Nutzenfunktion: unter anderem Mitteilung der Uhrzeit, des Wetters oder von Gebetszeiten. Doch mit der heutigen Technik brauchen wir dafür keine Glocken (mehr). «Im Ausland vermisse ich nicht das Essen, aber die Töne von Kirchenglocken fehlen mir.» Hier zeigt sich, dass fehl geht, wer die Bedeutung des Glockenklangs nur mit dem alten Zweck verbindet.
Sind Glocken die Klänge, die sie erzeugen? «Es ist doch ein beruhigendes Gefühl, akustisch mit der Kirchgemeinde verbunden zu sein.» Aber auch: «In unserer Wohnung vibriert es vom Glockengeläute, das Echo stört im hohen Dezibel-Bereich. Wir und unsere Kinder können nicht schlafen.» Warum sind die Klänge der Glocken für die einen so störend, für andere nicht?
In der Tat kann sich die Lautstärke der Kirchenglocken in einem Bereich bewegen, der schlafstörend ist. Aber Glocken stören Menschen auch in Verbindung mit andern Schwierigkeiten: «Während Jahren kämpfte ich mit Depressionen», erzählt jemand. «Die Kirchenglocken hinderten mich am Schlaf. Dies machte das Überwinden meiner Depression noch schwerer.»
Wären Glocken lediglich Klangobjekte mit einfacher Nutzenfunktion, die den Schlaf der Menschen stört, könnte man sie einfach abschalten, erst recht als Christinnen mit einer Verpflichtung zu Solidarität und Nächstenliebe. Aber unsere Beziehung mit Glocken ist komplexer. Viele gute Christen haben Mühe mit dem Gedanken, dass Glocken Leiden verursachen können. Für sie sind Glocken mehr als nur nützliche Klangobjekte. Der Glockenklang hat für sie eine tiefere, berührende Bedeutung.
BEDEUTUNG HEUTE UND MORGEN
Was bedeuten Glocken uns? «In einer dunklen Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, schenken mir die Glocken Geborgenheit», erzählt eine Nachbarin des Stansstader Kirchenturms.
Glocken entstammen dem urmenschlichen Bedürfnis nach Klang. Diese urmenschliche emotionale und spirituelle Berührung des Glockenklangs ist der Kern, um den herum sich Beziehungen und Traditionen mit Glocken entwickelt haben. In der christlichen Geschichte verstanden Menschen Glocken als etwas Heiliges und beseelt, oder zumindest in Verbindung mit dem Heiligen. Dass Glocken eine Seele haben, erkennen wir in der nicht mehr praktizierten katholischen Tradition, Glocken wie Menschen mit Wasser und Chrisam zu taufen.
Und heute? Menschen fühlen sich durch Glocken und ihren Klang mit der Kirchgemeinde, Verstorbenen und der Welt verbunden. Sie bezeichnen Glocken «als sehr wichtigen Bestandteil des Gemeindelebens» oder sehen in ihnen ein «Zeichen des Himmels für uns alle». In andern Worten: Kirchenglocken verbinden Menschen mit geliebten Mitmenschen, mit der Gemeinschaft und mit dem Himmel.
Wie gestalten wir die Zukunft der Kirchenglocken, wenn sie den einen ein lebensnotwendiges Gefühl von Verbindung inmitten einer individualisierten Welt bringen, während andere daran leiden?
Die Suche nach zukunftsfähigen Lösungen heisst, nach den Werten fragen, für die die Glocken bei den Menschen in unseren Gemeinden und Gemeinschaften stehen. Auf diesem nicht immer einfachen Weg können wir entdecken, dass Traditionen nicht zerstört werden, wenn wir deren Umgestaltung im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen vornehmen und gleichzeitig in echter Verbundenheit mit den Werten bleiben, die hinter den Traditionen verborgen sind.
Lebendige Traditionen verändern sich. «Älplermagronä» integrierten einst Kartoffeln aus Peru, Appenzeller Trachten Geldstücke aus dem damaligen Frankreich, und das Läuten für das Morgengebet in Stansstad die neuen menschlichen Bedürfnisse. Und so läutet es seit zehn Jahren um 7 Uhr – und nicht mehr um 5 Uhr.
CHRISTINA SASAKI WALLIMANN
Christina Sasaki Wallimann ist Theologin und wohnt in Stansstad. Sie hat im vergangenen Jahr die Pfarreidiskussion über Anpassungen des Nachtstundenschlags begleitet und moderiert. Unter anderem ist dabei auch ein kurzer Dokumentarfilm entstanden.