Liebe Leserin, lieber Leser
«Ein jeder soll nach seiner Façon selig werden.» Glaubensfreiheit und Individualismus werden als Errungenschaften einer liberalen Gesellschaft geschätzt und als ein Zeichen von Toleranz gedeutet. Verhält es sich wirklich so eindeutig? Der Realität besser entsprechen würde wohl: «Ein Âjeder soll nach seiner Façon selig werden, solange er uns damit nicht behelligt.»
In vielen Fällen, in denen wir uns tolerant fühlen, sind wir in Wirklichkeit nur desinteressiert. Wir wollen unsere Ruhe haben. Wir gewähren Freiheit, weil wir uns die Mitmenschen auf Distanz halten wollen. Aber wenn wir nur das tolerieren, wovon wir nicht belästigt werden, dann führt genau dies zu massiver Intoleranz. So wie es keine Solidarität ohne Verzicht und keine Verantwortung ohne Versagen gibt, so gibt es keine Toleranz ohne Störung. Die Ansprüche an Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit sinken also nicht, sie steigen rapide, je mehr Freiheit wir gewähren.
Das gilt auch für Glaubensbekenntnisse, denn jedes Bekenntnis drängt zwangsläufig nach aussen und damit in die Öffentlichkeit. Unser Glaube ist zwar persönlich, aber nicht privat. Er soll deshalb als eine persönliche und freie Entscheidung geschützt und darf Menschen nicht aufgezwungen werden, aber auch die freieste und persönlichste Entscheidung wird die Toleranz der Mitmenschen einfordern. Wer also von Glaubensbekenntnissen in der Öffentlichkeit partout nicht belästigt werden will, der muss früher oder später aus dem Glauben nicht bloss eine Privatsache, sondern eine Heimlichkeit machen – bis schliesslich aus Bekenntnisfreiheit ein Bekenntnisverbot wird.
Je liberaler desto dramatischer die Konsequenz: Sind wir bereit, für ein Höchstmass an Individualität auch ein Höchstmass an Toleranz aufzubringen? Wenn nicht, werden wir Entsolidarisierung, Verantwortungslosigkeit und Intoleranz ernten – und anstatt individuelle Freiheit bleibt uns einsamer Egoismus.